16. Dezember 2020 / 15:08 Uhr

Elfmeterdrama in Leutzsch: Als Hansi Leitzke gegen St. Pauli viel, viel Geld verschoss 

Elfmeterdrama in Leutzsch: Als Hansi Leitzke gegen St. Pauli viel, viel Geld verschoss 

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Der Alfred-Kunze-Sportpark war proppevoll. Die Fans hofften auf ein Weiterkommen im DFB-Pokal.
Der Alfred-Kunze-Sportpark war proppevoll. Die Fans hofften auf ein Weiterkommen im DFB-Pokal. © Westend-Presseagentur
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In diesem Jahr feiert eine der traditionsreichsten Spielstätten des Leipziger Fußballs ihren 100. Geburtstag – der Alfred-Kunze-Sportpark. Unzählige Fußballspiele fanden seither dort statt und zogen die Massen in ihren Bann. Erst die TuRa, dann Chemie, später der FC Sachsen und nun wieder die BSG Chemie. Der SPORTBUZZER stellt die spannendsten und denkwürdigsten Spiele in einer zehnteiligen Reihe vor.

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Leutzsch. Es war eine kurze Zwischenphase voller trügerischer Hoffnung. Gerade mal drei Monate zuvor wurde dem FC Sachsen trotz Staffelsieg die Lizenz für die 2. Bundesliga durch den DFB verweigert. Und noch mal drei Monate später war der Verein fast pleite und musste allen Spielern die Verträge kündigen. Doch das ahnte an jenem 25. August 1993 noch niemand. Vielleicht hätte ein einziger Elfmeter den Gang der Dinge auch ändern können – wenn man den Zweitligisten FC St. Pauli aus dem Pokal geschossen und in der zweiten Runde viel Geld gegen einen noch größeren Gegner verdient hätte.

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Eduard Geyer verlor die Contenance

Nach dem Sachsenpokal-Sieg gegen den Dresdner SC hatte man mit dem FC St. Pauli einen spektakulären Gegner zugelost bekommen. Einige Pauli-Fans hatten in der Zeit der Lizenzverweigerung solidarische Grüße nach Leutzsch gesendet, was dort (natürlich) positiv aufgenommen wurde. Leider weilte nur eine Handvoll Hamburger an jenem Mittwochabend in Leutzsch, die wegen fehlender Flutlichtanlage frühe Anstoßzeit von 17.45 Uhr ließ eine Anreise nicht zu.

Weitere historische Spiele im Alfred-Kunze-Sportpark

Der in der Amateuroberliga Süd nur lauwarm gestartete FC Sachsen ließ keinen Zweifel zu, wer an jenem heißen Sommerabend als Sieger vom Platz gehen wollte. Vor 7000 Fans schnürten die Leutzscher, trainiert von Ede Geyer, den höherklassigen Gegner sofort ein. Zahlreiche Chancen wurden nicht verwertet, die Gäste gingen in Führung.

Uwe Saalbach glich aus, erneut ging Pauli in Führung. Zander war seinem Bewacher, dem damals 22-jährigen Frank Rederer, entwischt und hatte eingeköpft. Rederer, dessen Vater Wolfgang als Schatzmeister des Vereins Trainer Eduard Geyer mit eingestellt hatte, musste nun erleben, wie der ehemalige Dresdner und DDR-Auswahlcoach die Contenance verlor: „Nach dem Spiel war ich dran, da konnte ich mir was anhören. Da waren Tiernamen dabei und alles Mögliche. Ein Feiner war der Herr Geyer nicht!“

Elfmeterschießen in der Dämmerung

Der FC Sachsen machte aber weiter, erhöhte den Druck – und bekam einen Elfmeter! Kapitän Leitzke schritt zum Punkt, hämmerte das Leder genau in die Tormitte, wo es Torwart Reinke, der stehen geblieben war, die Fäuste zur Seite drückte und im Netz einschlug. In der Verlängerung dominierten die Hamburger, Steffen Hammermüller rettete einmal auf der Linie, Torwart Thomas Köhler rettete einmal bravourös. Nichts geschah mehr.

Es dunkelte beinahe, als Schiedsrichter Habermann zum Elfmeterschießen anpfiff. St. Pauli begann, Gronau verwandelte zum 2:3. Jens König traf, 3:3. Driller 3:4. Dirk Weitze gehalten. Pröpper traf zum 3:5, Steffen Hammermüller verwandelte sicher zum 4:5. Gattis Schuß hielt Köhler, Dirk Pfitzner glich aus zum 5:5. Nun traf Zander zum 5:6. Und Hans Leitzke trat erneut an. „Eigentlich wollte ich erst nicht ran, weil ich zwei Jahre zuvor gegen Markkleeberg mal im Spiel einen Elfer verwandelt und dann den im Elferschießen verballert hatte“, erinnert sich der damalige Elfmeterschütze vom Dienst.

Fehlschuss mit finanziellen Folgen

Da auch die Jüngeren zögerten, übernahm der Kapitän die Verantwortung und trat an. „Aber ich habe den Fehler gemacht, nachzudenken. Bleibt der Hüter wieder stehen oder geht er in eine Ecke?“ Prompt versuchte Leitzke, den Ball zu schieben – und verdaddelte. Reinke hielt, der Traum von der nächsten DFB-Pokalrunde und dem großen Geld war aus. Der unglückliche Schütze bahnte sich den Weg mit versteinertem Gesicht durch die Fanmenge, die den Platz trotz der Niederlage bevölkerte, und verschanzte sich in der Kabine. Nach ein paar Bierchen hatte sich Leitzke wieder gefangen und war optimistisch, dass man mit der gezeigten Leistung im kommenden Jahr wieder an die Tür der 2. Bundesliga klopfen könne.

Wie man weiß, klappte das nicht – man landete 15 Punkte hinter Zwickau, Erfurt und Aue auf Platz vier der Tabelle. Und finanziell war man mal wieder dem Ruin nahe: Präsident Volker Hecht trat zurück, allen Spielern wurde gekündigt und es wurde an allen Ecken und Enden gespart. Am Ende rettete man sich – auf Kosten sportlicher Konkurrenzfähigkeit. Es sollte über fünf Jahre dauern, bis man aus dem latenten Schuldenschlamassel herauskommen und sportlich wieder ernst zu nehmen sein sollte.