15. April 2019 / 11:35 Uhr

Eltern kritisieren Erniedrigung, Willkür und Filz am Turnzentrum Hannover

Eltern kritisieren Erniedrigung, Willkür und Filz am Turnzentrum Hannover

Christian Purbs
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Für Laila war es ein Schock: Trotz hervorragender Leitungen darf die elfjährige Turnerin nicht mehr im Landesleistungszentrum in Badenstedt trainieren.
"Für Laila war es ein Schock": Trotz hervorragender Leitungen darf die elfjährige Turnerin nicht mehr im Landesleistungszentrum in Badenstedt trainieren. © Picasa
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Turnen unter Tränen : Eltern weisen auf Missstände im Landesleistungszentrum für Gerätturnen der Frauen in Badenstedt hin. Im Zentrum der Kritik: Landestrainer Peter Werner, der die jugendlichen Turnerinnen schikaniert und erniedrigt haben soll.

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Da stehen sie in ihren glitzernden Turnanzügen mit zuckersüßem Lächeln, der Rücken kerzengerade, die Arme nach einem gelungenen Salto vom Schwebebalken in die Höhe gestreckt. Wer kennt sie nicht, diese Bilder von scheinbar glücklichen Spitzenturnerinnen, die für ihre herausragenden Leistungen mit lautem Beifall belohnt werden. Erfolg wird bejubelt, egal, wie hoch der Preis dafür ist. 

Den bezahlen die Mädchen, die hinter der glitzernden Fassade oftmals einem Albtraum aus Leistungsdruck, seelischen Misshandlungen, Willkür und Filz ausgesetzt sind. „Da fragt man sich schon, wann die Grenze des Ertragbaren erreicht ist“, sagt Joachim Kemmries. Er weiß, wovon er spricht. Denn auch er habe viel zu lange weggeschaut, sagt der Burgwedeler, und lieber den Mund gehalten, anstatt die Missstände im Landesleistungszentrum für Gerätturnen der Frauen in Badenstedt zu kritisieren.

Bis zu sechsmal in der Woche zum Training

Jahrelang schaute er beim Training seiner beiden Töchter Laila (zwölf Jahre) und Kira (17) im Leistungszentrum zu und brachte die beiden bis zu sechsmal die Woche zu den Trainingseinheiten nach Badenstedt. Er und seine Frau waren bereit, viel zu investieren, Schule und Leistungssport unter einen Hut und – genau wie ihre Töchter – Opfer zu bringen. Nur fair sollte es zugehen.

Vielleicht würde der Berufsschullehrer auch heute noch schweigen, wenn Laila der in ihrer Altersklasse geforderte Strecksalto als Barrenabgang keine Angst bereitet hätte. Weil sie dieses Element nicht sicher turnen konnte, flog Laila zusammen mit zwei anderen elfjährigen Mädchen im April vergangenen Jahres aus der Leistungsgruppe des Niedersächsischen Turnerbundes. Da half es auch nichts, dass sie anschließend beim dreitägigen Gasttraining im Leistungszentrum in Hamburg sowie während der Sommerferien in Kanada sehr schnell Mut fasste und das geforderte Element nach nur drei Trainingswochen in Montréal sicher beherrschte.

"Wenn ihr beim Wettkampf schlechter abschneidet als Laila, fliegt ihr auch raus"

Zurück in Hannover, wo die Gymnasiastin nach dem Rauswurf aus der Leistungsgruppe nur noch in der laut Kemmries „Zweite-Klasse-Trainingsgruppe“ mitmachen durfte, hätten die Trainer den Fortschritt zwar bemerkt, gaben Laila jedoch keine Möglichkeit, den Strecksalto weiter zu trainieren, berichtet der Burgwedeler. „Irgendwann haben wir verstanden, warum. Es war aus Angst, ihre Fehlentscheidung könnte auffliegen oder die Blamage, ihr das Element im Gegensatz zu anderen Trainern selbst nicht beigebracht zu haben, könnte Kreise ziehen. Außerdem hatten sie große Sorge, Laila könne bei anstehenden Wettkämpfen zu gut turnen“, so Kemmries, „den Mädchen ihrer ehemaligen Leistungsgruppe hat der Trainer gedroht: ,Wenn ihr beim Wettkampf schlechter abschneidet als Laila, fliegt ihr auch raus.‘“

Laila turnte besser, wurde vor allen Turnerinnen der Altersklasse (AK) 11 Landesmeisterin und qualifizierte sich mit knapp 63 Punkten als Fünfte in der Einzelwertung der AK 11 beim Bärchenpokal in Berlin für die Teilnahme am Deutschen Kaderturncup in Chemnitz, an dem sie als einzige niedersächsische Turnerin teilnahm. Die anderen Mädchen flogen in Badenstedt nicht raus. Aber Laila blieb weiter außen vor.

„Für Laila war es ein Schock. Sie konnte einfach nicht verstehen, warum sie ausgemustert wurde. Nicht nur wir Eltern waren sprachlos, auch eine hochrangige Kampfrichterin sowie andere Trainer konnten nicht nachvollziehen, warum das Team zu diesem Zeitpunkt vor den wichtigen Mannschaftswettkämpfen im Herbst auseinandergerissen wurde“, sagt Kemmries.

Fast in jedem Training seien Tränen geflossen

Verantwortlich für die offensichtliche Willkür, mit der im Turnzentrum Entscheidungen getroffen werden, sei der 60-jährige Landestrainer Peter Werner, sagt Kemmries. Kinder, die Spaß und Freude am Turnen haben und sich durch ihre herausragenden Leistungen Selbstbewusstsein fürs Leben holen sollten, seien von Werner, seit 1990 als Landestrainer in Hannover tätig, im Training immer wieder schikaniert und erniedrigt worden. Fast in jedem Training seien aufgrund der massiven Beleidigungen Tränen geflossen. „Streng dich an, sonst turnst du genauso schlecht wie deine Schwester“, welche in Hörweite in derselben Halle turnte, nennt Kemmries nur eines von vielen Beispielen, wie der in der ehemaligen DDR an der Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig ausgebildete Werner seine Schutzbefohlenen behandelt. Für den Burgwedeler „eine raue Pädagogik, die ins vergangene Jahrhundert gehört und bei den Turnerinnen Angst, Verzweiflung und Bitterkeit auslöst“.

Dass bei der Betreuung und im Umgang mit den Kindern im Landesturnzentrum einiges ganz und gar schiefzulaufen scheint, darauf deuten auch die eindrucksvollen Schilderungen anderer Eltern hin. Auch Ellen Rigo war Zeugin von Szenen, in denen ihre Tochter Paula von Werner schikaniert wurde. „Einmal hat er zu Paula gesagt, dass sie die Knie strecken soll. Gleich darauf hat er sich von Paula weggedreht und einer Trainerin zugerufen: ,Die weiß ja gar nicht, wo ihre Knie sind.‘ Das war so laut, dass ich es am anderen Ende der Halle gehört habe“, berichtet Rigo. Werner könne zwar gut motivieren, „er kann die Kinder aber auch runtermachen“.

Weinende Mädchen in der Turnhalle

Auch eine andere Mutter, deren Tochter mehrere Jahre in Badenstedt in der Leistungsgruppe trainierte, klagt an. Sie möchte anonym bleiben, ihr Name und der ihrer Tochter sind dieser Zeitung bekannt. „Noch beim Aufwärmtraining am Boden zerrte der Landestrainer sie (die Tochter, d. Red.) am Arm zu einer Vereinstrainerin mit den Worten ,Hier, nimm du die jetzt mal‘. Danach wurde ich in eine Umkleidekabine zitiert. Die Trainer haben mir Vorwürfe gemacht und gesagt, das Kind wäre nicht tragbar“, erzählt die Mutter. Auch würden die Kinder nach Patzern vom Landestrainer missachtet, bei der Begrüßung per Handschlag werde kein Blickkontakt aufgebaut, berichtet sie weiter: „Der Trainer schüttelt stattdessen den Kopf oder verdreht die Augen.“

Auch bei ihrer Tochter flossen immer wieder Tränen. In schrecklicher Erinnerung geblieben sind der Mutter die Worte Werners bei der Vorbereitung zum sogenannten Powerpokal: „,Du kommst ja nicht mal das Seil da hoch‘, hat er zu ihr gesagt und damit das Mädchen zum Weinen gebracht.“

"So viel zum Thema Filz in Badenstedt"

Doch nicht nur die genannten pädagogischen Defizite des vom Land bezahlten Trainers sind es, die Kemmries wütend machen. Auch die Heuchelei im Leistungszentrum, wo gern auch mal weggeschaut werde, wenn es zum eigenen Vorteil ist, ärgert ihn maßlos. Er nennt ein Beispiel: Jahrelang habe sich Stefan Roeder, dessen Tochter auch in Badenstedt turnt, über Werners pädagogische Unfähigkeit ereifert und oft mit dem Landestrainer gestritten, berichtet Kemmries. Zuletzt habe Roeder, der als Teammanager der KTG (Kunstturngemeinschaft Hannover) tätig ist, den Trainer jedoch oftmals sehr gelobt.

Überrascht ist Kemmries davon nicht. „Obwohl Roeders Tochter Franziska älter als 20 Jahre ist und keinem Kader angehört, darf sie immer noch bei den Landestrainern trainieren. Ohne jegliche Berechtigung, wie selbst Carsten Klinge, Leiter Spitzensport beim Niedersächsischen Turnerbund, ganz von sich aus eröffnete. So viel zum Thema Filz in Badenstedt“, sagt der Burgwedeler.

Kemmries fragt beim NTB um Rat

Doch mit einem Menschen wie Peter Werner, so scheint es, legt man sich nicht gern an. Nicht die anderen Trainer und nicht einmal der Niedersächsische Turnerbund (NTB). Dort fragte Kemmries Ende August um Rat, wie es denn nun mit seiner Tochter weitergehen solle. Schließlich war Laila trotz des Ausschlusses aufgrund ihrer herausragenden Leistungen nachträglich in den Landeskader berufen und zur Mindestmenge von rund 20 Wochentrainingsstunden verpflichtet worden.

Da sie jedoch weiterhin nicht in der Gruppe der Landestrainer Peter Werner und Annette Lefebre trainieren durfte, wandte sich der Vater an den NTB. In einem Gespräch mit Abteilungsleiter Klinge wurde die Situation diskutiert und nach Lösungen gesucht. Kemmries bezeichnet die Unterhaltung als „offen und durchaus konstruktiv. Herr Klinge hat sogar gefragt, ob wir Laila ,wirklich wieder zu Herrn Werner geben‘ möchten.“ Und ob Laila bereit wäre, zum Frühtraining vor der Schule zur anderen Landestrainerin zu gehen, was bejaht wurde. Mit dem guten Gefühl und der Hoffnung auf einen Neuanfang ging es zurück nach Hause.

Doch nichts passierte, „die versprochenen Antworten des NTB blieben aus“, sagt der Lehrer. Deshalb habe er sich in einem Brief mit einer Zusammenfassung des Gesprächs mit Klinge an Heiner Bartling gewandt und den NTB-Präsidenten um eine Antwort gebeten. Und die kam zügig. In einem Brief, der dieser Zeitung in Kopie vorliegt, gab der NTB eine „sportfachliche Stellungnahme zur leistungssportlichen Entwicklung von Laila durch die Trainer am Leistungszentrum Badenstedt“ ab. Das Ergebnis: „Die derzeit gezeigten Wettkampfleistungen der AK 11 sind für eine Aufnahme in den Landeskader des NTB ausreichend, genügen jedoch der Leistungsvoraussetzung einer Entwicklung zum Bundeskader nicht. Eine Wiederaufnahme in eine der bestehenden Trainingsgruppen am Leistungszentrum befürworten wir nicht.“

"Lehnen eine Fortführung des Trainings und der Betreuung von Laila im Leistungszentrum des NTB ab"

Auch mit fast einem Jahr Abstand bleibt Klinge bei dieser Einschätzung und bezeichnet den Ausschluss von Laila als „ganz normalen Prozess. Wir richten uns ganz stringent nach den Richtlinien, die der Deutsche Turner-Bund vorgibt.“ Zu der Kritik am Landestrainer wollte Klinge sich nicht äußern. Werner hat auf ein Gesprächsangebot nicht reagiert.

Stringent zog der NTB auch die Konsequenz aus der Stellungnahme und machte gemeinsam mit Manager Roeder gleich Nägel mit Köpfen: „Aufgrund der Gesamtsituation mit der Familie ist das notwendige Vertrauensverhältnis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit nicht mehr gegeben. Vielmehr lehnen wir eine Fortführung des Trainings und der Betreuung von Laila im Leistungszentrum des NTB ab.“ Auch Schwester Kira wurde ausgeschlossen, „die beiden durften sich nicht einmal von ihren langjährigen Freundinnen verabschieden, sondern nur noch ihre Sachen aus dem Spind abholen“, erzählt Kemmries: „Laila und Kira waren wie vom Schlag getroffen, fassungslos und traurig.“

Unterschrieben ist der Brief von Peter Werner sowie den weiteren fünf Trainern am Leistungszentrum. Kemmries bezeichnet den Rauswurf seiner Familie als „ein wirksames Mittel, wie bei Diktaturen, sich seiner Systemkritiker zu entledigen. Das ist dann für die anderen Eltern abschreckend, und nun traut sich erst recht niemand mehr, berechtigte Kritik zu äußern oder auch nur Fragen zu stellen.“

Laila hat Freude an Leichtathletik gefunden

„Ich will zu Olympia“, hatte Laila im August 2016 dieser Zeitung bei einem Besuch in Badenstedt verraten. Aus diesem Wunsch wird nichts werden, zweieinhalb Jahre später ist Schluss. Ihrer kleinen Kinderseele wird es jedenfalls guttun. Dreimal pro Woche turnt sie noch bei ihrem Verein in Burgdorf, Ende März wurde sie in der Leistungsklasse 1 ihrer Altersgruppe Bezirksmeisterin. Zudem hat sie Freude an der Leichtathletik, vor allem am Laufen, gefunden.

"Schlicht machtlos gegen die teilweise willkürliche Entscheidungsgewalt und die verbalen Verletzungen und Erniedrigungen"

Bei Lailas Familie bleibt das bittere Gefühl, „schlicht machtlos gegen die teilweise willkürliche Entscheidungsgewalt und die verbalen Verletzungen und Erniedrigungen“ zu sein. Übrig geblieben ist noch ein Appell: „Eltern, deren Kinder in einem ähnlichen Umfeld trainieren, kann man nur empfehlen, die Augen und Ohren weit offen zu halten. Und, wenn nötig, den Mund aufzumachen und nicht zu schweigen.“

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