04. Juni 2022 / 15:27 Uhr

Vom EM-Coup zum verpassten WM-Ticket: Die Analyse des Absturzes der italienischen Nationalmannschaft

Vom EM-Coup zum verpassten WM-Ticket: Die Analyse des Absturzes der italienischen Nationalmannschaft

Pierfrancesco Archetti 
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die italienische Nationalmannschaft lieferte seit dem EM-Coup im vergangenen Sommer überwiegend schwache Leistungen.
Die italienische Nationalmannschaft lieferte seit dem EM-Coup im vergangenen Sommer überwiegend schwache Leistungen. © IMAGO/Insidefoto (Montage)
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Nicht einmal ein Jahr nach dem triumphalen Sieg bei der Europameisterschaft ist die italienische Nationalmannschaft wieder bei Null angekommen. Der SPORTBUZZER liefert die Analyse des Absturzes der Squadra Azzurra.

Argentinien, Deutschland, England: Auf diese Teams trifft Europameister Italien im Juni. Es sind Duelle, die zu den Klassikern des Weltfußballs gehören. Doch sind die Azzurri keine Protagonisten, sie sind Sparringspartner, auch heute (20.45 Uhr, RTL) gegen Deutschland. Während sich die Spitzenteams auf die WM vorbereiten, fängt Italien bei Null an. Es ist der zweite Wiederaufbau in vier Jahren, der schwierigere, der schmerzhaftere.

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Als Italien 2017 das Play-off gegen Schweden verloren und damit die Qualifikation für die WM in Russland verpasst hatte, waren Überraschung und Wut groß. Verbandspräsident Carlo Tavecchio und Trainer Gian Piero Ventura mussten gehen. Der sportliche Wiederaufbau wurde Roberto Mancini anvertraut, einem großen Namen, der mit Inter Mailand die italienische und mit Manchester City die englische Meisterschaft gewonnen hatte. Er galt als Garant für modernen Fußball. Und der erste Teil seiner Aufgabe funktionierte: Italien wurde Europameister. Es war ein Titel, den die Squadra Azzurra ohne Superstar gewann, weil das Team harmonierte. Italien bei der EM 2021 – eine Mannschaft ohne Egoismen, in der sich alle halfen.

Vorbei. Heute, kaum ein Jahr später, denken Fans mit Wehmut an den Erfolg bei der transkontinentalen Endrunde zurück. Denn was Hoffnung auf weitere Erfolge gemacht hatte, entpuppte sich als One-Hit-Wonder. Italien fährt zum zweiten Mal in Folge nicht zur WM.

Mancini-Entscheidungen waren Faktor für verpasste WM

Ein Grund: In der Freude über den EM-Triumph wurde die Qualifikation unterschätzt. Wer einen Pokal gegen England gewinnt, muss doch auch gegen Bulgarien oder die Schweiz gewinnen. Dazu rächte sich die Dankbarkeit Mancinis gegenüber seinen Europameistern. Dem Coach fehlte der Mut, diejenigen, die nicht mehr in Form waren, deren mentale Energie erschöpft war, auszusortieren.

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Und so verlor Italien im März in den Play-offs gegen Nordmazedonien. Im Grunde war das Ende dieser italienischen Tragödie sogar bereits im November geschrieben worden. Jorginho verschoss in der 90. Minute des Spiels gegen die Schweiz einen Elfmeter. Es blieb beim 1:1. Die Schweiz qualifizierte sich letztlich direkt für die WM. Jorginho wiederum hatte schon im Hinspiel vom Punkt versagt. Auch da gab es ein Unentschieden (0:0).

Zusammengenommen dienen die Duelle mit den Eidgenossen somit als Symbol für den Fall der Azzurri: Sie halten sich für unfehlbar, geht etwas schief, muss der Zufall mitgespielt haben. Nach Gründen für das Versagen wird nicht gesucht.

Die Italiener haben ein Nachwuchsproblem

Nun sind die zuvor unter dem Mantel des EM-Triumphs verdeckten Versäumnisse der Vergangenheit an die Oberfläche gekommen: Im Angriff herrscht ein Mangel an Alternativen. Ciro Immobile (32 Jahre alt) ist der einzige Stürmer auf Weltniveau. Talente sind kaum in Sicht. Die besten italienischen Teams, Inter und AC Mailand, Juventus Turin und SSC Neapel schaffen es zudem nicht mehr in die entscheidende Phase der Champions League. Zwei Jahre in Folge schieden alle im Achtelfinale aus. Die angebliche taktische Überlegenheit des italienischen Fußballs bleibt … angeblich. Es wird lieber um Geld gestritten, für Niederlagen werden die Schiedsrichter verantwortlich gemacht, jedes Alibi ist recht. Die Nationalmannschaft indes wird nur wichtig, wenn es Turniere gibt. Den Rest der Zeit schaut jeder in seinen eigenen Hinterhof und nicht auf das gemeinsame Grundstück.

Und so fehlt es an Konsequenz für die Revolution: Der Trainer blieb im Amt, Verbandspräsident Gabriele Gravina auch. Mancini sagt, dass "wir die WM 2026 gewinnen können". Im Herbst hatte er gesagt, dass "wir in Katar gewinnen können". Doch die Begeisterung der Tifosi ist weg, auch die Wut. Geblieben ist Gleichgültigkeit angesichts der Rolle als Sparringspartner.

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