09. November 2018 / 20:54 Uhr

Emotionaler Enke-Moment: Siegerin des Schreibwettbewerbs Andrea Tschirch geehrt

Emotionaler Enke-Moment: Siegerin des Schreibwettbewerbs Andrea Tschirch geehrt

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die Siegerin des Schreibwettbewerbs Andrea Tschirch (Zweite von links) mit ihrem Sohn Tim, Teresa Enke und Robert Enkes Mutter Gisela (von rechts).
Die Siegerin des Schreibwettbewerbs Andrea Tschirch (Zweite von links) mit ihrem Sohn Tim, Teresa Enke und Robert Enkes Mutter Gisela (von rechts). © Florian Petrow
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Vor dem Spiel von Hannover 96 gegen den VfL Wolfsburg wurde Andrea Tschirch als Siegerin des Schreibwettbewerbs geehrt. Der Todestag von Robert Enke jährt sich am Sonnabend zum neunten Mal.

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Am Sonnabend jährt sich der Todestag des früheren 96-Torwarts Robert Enke zum neunten Mal. Mit Unterstützung der Neuen Presse hatte die Robert-Enke-Stiftung zu einem Schreibwettbewerb unter dem Motto „Mein emotionaler Moment mit Robert Enke“ aufgerufen. Über 80 Einsendungen gingen bei der Jury um Teresa Enke, Per Mertesacker und Ronald Reng ein. „Ich habe in den letzten Tagen viele Taschentücher beim Lesen der Texte gebraucht“, erzählt Teresa Enke, „so sehr haben mich die Geschichten gepackt. Dafür danke ich allen Autorinnen und Autoren, auch dass sie derart berührende Beiträge für und über Robert verfasst haben.“

Der Sieger-Text von Andrea Tschirch

Schon seit Wochen bettelte mein Sohn Tim, er müsse ein Trikot von Robert Enke haben. Ich sagte schweren Herzens Nein. Es erschien mir als alleinerziehende – und alleinverdienende – Mutter damals viel zu teuer. Am nächsten Tag fragte Tim wieder, als hätte ich nie Nein gesagt: „Mama, bitte, kann ich nicht ein Robert-Enke-Trikot haben?“

Also nahm ich ein weißes T-Shirt und malte ihm ein Robert-Enke-Trikot, mit einer großen schwarzen 1 auf dem Rücken. Doch Tim weinte bitterlich. Das könne er nicht anziehen. Er war sechs Jahre alt. „Was sagt denn dann der Robert Enke, wenn er mich mit dem Trikot sieht? Es ist doch gar kein richtiges Robert-Enke-Trikot!“

Eine Erinnerung an Robert Enke in Bildern

Robert Enke: Eine Erinnerung in Bildern Zur Galerie
Robert Enke: Eine Erinnerung in Bildern ©
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"Cooles Shirt"

Ich versprach Tim, wenigstens einmal mit ihm zum Training von Hannover 96 zu fahren, damit er ein Autogramm von Robert Enke ergattern konnte. Als der Tag gekommen war, reichte ich meinem Sohn das T-Shirt. „Du hast doch sonst keines, das Herr Enke unterschreiben könnte.“ Tim sagte nichts. Aber er zog das T-Shirt widerwillig über. Es war ihm viel zu groß.

Wie vor jedem Training mussten die 96-Profis ein paar hundert Meter vom Stadion zum Trainingsplatz ge­hen. Robert sah Tim in seinem viel zu großen T-Shirt verschüchtert am Rand stehen und ging zu ihm.

Ich sah aus einiger Distanz nur, wie sich Robert Enke zu Tim herunterbeugte, um auf dem T-Shirt zu unterschreiben. Plötzlich zeigte Tim mit dem Finger auf mich. Mir war das dann doch sehr unangenehm, aber Herr Enke nickte mir sehr nett zu. Später erfuhr ich von Tim, was da los gewesen war. „Cooles Shirt, wer hat denn das ge­macht?“, hatte Robert Enke ihn gefragt. Von dem Tag an ist Tim nur noch mit diesem T-Shirt rumgelaufen, egal, ob in der Schule, im Hort oder beim eigenen Fußballtraining. Er war natürlich Torwart, wegen Robert Enke.

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Das Vorbild Robert Enke

Auch zum 96-Training ging Tim fortan immer wieder. Er stellte sich hin und wartete, dass er mit Robert Enke reden durfte. Ich glaube, er fragte ihn Löcher in den Bauch: Was Robert am liebsten trank, was er am liebsten aß … Irgendwann wollte Tim nur noch Milchreis essen, und das lag natürlich auch an Robert Enke. Ich habe mal gehört, dass jeder Mensch ein Märchen braucht. Tim, aber auch mir als Mama, schenkte Robert Enke dieses Märchen: dass da jemand war, der mir, ohne es selbst zu wissen, in der Erziehung half.

Robert Enke zeigte Tim einen guten Umgang mit anderen Menschen. Zum Beispiel wollte ich, dass meine Kinder eine fremde Person immer mit dem „Sie“ und dem Nachnamen ansprachen. Als Tim ihm die ersten Fragen gestellt hatte, hat Robert das höfliche Siezen gleich anerkennend regi­striert – und erlaubte es Tim dann, zum „Du“ und „Robert“ zu wechseln. Ich wollte meinen Kindern zeigen, wie man seinen Platz in der Welt findet, indem man etwas dazu tut, damit die Welt funktionieren kann.

Manche Menschen können andere Menschen gesund machen, manche Menschen räumen den Müll der anderen weg. Es gibt Menschen, die sicherstellen, dass alle etwas zu essen haben, sie bauen an, und andere wiederum verarbeiten dann das, was geerntet wurde. Manche Menschen können Dinge, die nicht viele Menschen können: Sie haben ein Talent, uns mit Musik oder Fußball zu unterhalten, sie machen uns das Leben neben der vielen Arbeit leichter, zu unserem Spaß, zu unserer Erholung.

Robert aber konnte mehr als unterhalten. Er setzte ein Beispiel, wie man sein sollte: Er hat alle Menschen sehr respektvoll behandelt. Er wusste immer, wie er sich ausdrücken muss. Seine Geduld mit den Kindern hat mich genauso beeindruckt wie sein souveränes Auftreten Erwachsenen gegenüber, egal, ob Reportern oder großen Kindern beim Training. Sogar wenn es brenzlig wurde mit den Fans, konnte er die richtigen Worte finden, um die Situation zu entschärfen. Robert Enke hat einen großen Anteil daran, dass Tim heute ein einfühlsamer, lieber und fest im Leben stehender junger Mann ist, auf den ich sehr, sehr stolz sein darf.

Das T-Shirt mit der 1 gibt es immer noch. Irgendwann musste ich es leider dann doch immer mal wieder waschen, und dabei verblasste Roberts Unterschrift im­mer mehr. Aber die Erinnerung kann auch nach über 14 Jahren nicht verblassen.

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