30. Juni 2020 / 12:20 Uhr

Ende einer Ära: Was Ralf Minge für Dynamo Dresden geleistet hat

Ende einer Ära: Was Ralf Minge für Dynamo Dresden geleistet hat

Jochen Leimert
Dresdner Neueste Nachrichten
Ralf Minge hat in den letzten Jahrzehnten oft Verantwortung für Dynamo übernommen. Jetzt kann er sich erholen.
Ralf Minge hat in den letzten Jahrzehnten oft Verantwortung für Dynamo übernommen. Jetzt kann er sich erholen. © Jochen Leimert
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Mit dem 30. Juni 2020 endet bei der SG Dynamo Dresden eine Ära, in der das Idol eine Menge bewegt hat. Nur das Happy End ist Ralf Minge versagt geblieben.

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Dresden. Wie schwer allen Seiten der Abschied fällt, das war am vergangenen Sonntag noch einmal für jedermann ersichtlich. Als Ralf Minge zum letzten Mal als Geschäftsführer Sport von Dynamo Dresden auf dem Rasen des Rudolf-Harbig-Stadions stand, kämpfte er genauso mit den Tränen wie die eben abgestiegenen Spieler. Die hatten sich alle eine Jeansjacke angezogen, bedruckt mit Minges Konterfei und der Zeile „Danke für alles, Mingus!“. Als die Mannschaft und das Idol dann auf dem Stadionumlauf den Fans ade sagten, da wurde Minge noch einmal gefeiert. Ergriffen stand er oben, die feuchten Augen mit der einen Hand trocknend, einen Blumenstrauß in der anderen Hand. Große Reden brauchte keiner mehr zu schwingen – jeder weiß, was Minge für den Verein geleistet hat, was er ihm bedeutet, wie sehr er sich einen anderen Ausstand gewünscht hätte.

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Im vorerst letzten Zweitligaspiel schenkt Dynamo Dresden eine 2:0-Führung aus der Hand und steigt mit einem 2:2 gegen Osnabrück in Liga 3 ab. Zur Galerie
Im vorerst letzten Zweitligaspiel schenkt Dynamo Dresden eine 2:0-Führung aus der Hand und steigt mit einem 2:2 gegen Osnabrück in Liga 3 ab. ©

„Es wird eine Weile dauern, mich daran zu gewöhnen, keine Verantwortung mehr für den Verein zu tragen“, sagte Minge vor ein paar Wochen, als sich abzeichnete, dass sein Vertrag als Sportchef zum 30. Juni 2020 endet – und mit ihm eine Ära. Seit 1980 ist der gebürtige Elsterwerdaer eng mit Dynamo verbunden, damals kam er als Spieler vom Bezirksligisten TSG Gröditz ins Team von Trainer Gerhard Prautzsch. Ohne Ausbildung an der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) und skeptisch beäugt von vielen Fans und Mitspielern, musste sich der 1,85 Meter große Instandhaltungsmechaniker erst seine Meriten verdienen. „Alle haben gesagt: Der wird nichts, das ist ein Stürzer!“, erinnert sich Prautzsch. Der Nachfolger von Meistertrainer Walter Fritzsch aber erkannte Minges Stärken und griff zu: „Ich habe ihn genommen, weil er zweikampfstark war und geackert hat.“ Eine weise Entscheidung, die sich für Dynamo auszahlte, denn das Arbeitstier Minge bestritt bis 1991 immerhin 222 Oberliga-Spiele, schoss dabei 103 Tore. Nur Hans-Jürgen Kreische und Torsten Gütschow trafen noch öfter.

Nach der Spieler- folgte die Trainerlaufbahn

Als nach der Wende die Bundesliga nach Elbflorenz kam, war der 36-fache DDR-Auswahlstürmer Minge zweimal Ost-Meister, viermal FDGB-Pokalsieger, aber 1991 körperlich einfach nicht mehr in der Lage, noch als Aktiver in der gesamtdeutschen Liga mitzuspielen. Er sollte sich im Management einarbeiten, schlug dann aber lieber die Trainerlaufbahn ein, wurde Co-Trainer und zweimal Interimstrainer in Dresden. Beim zweiten Mal war Dynamo – finanziell hoch verschuldet und ohne Chance auf die Lizenz – schon nicht mehr zu retten und wurde 1995 auf Geheiß des DFB von der Bundesliga gleich runter in die Regionalliga strafversetzt. Nach dem letzten Heimspiel im Oberhaus (0:1 gegen Bayern München) ahnte Minge schon, dass die Bundesliga von da an für lange Zeit ein Traum für die Schwarz-Gelben bleiben würde: „Es wird wohl noch dauern, bis wir uns alle im klaren sind, was wir verloren haben.“

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08. Juni 1985: Dynamo Dresden gewinnt den FDGB-Pokal gegen den BFC Dynamo.Es jubeln: Hans-Uwe Pilz, Hans Jürgen Dörner, Ralf Minge, Matthias Döschner und Reinhard Häfner (v.r.n.l.). Zur Galerie
08. Juni 1985: Dynamo Dresden gewinnt den FDGB-Pokal gegen den BFC Dynamo.Es jubeln: Hans-Uwe Pilz, Hans Jürgen Dörner, Ralf Minge, Matthias Döschner und Reinhard Häfner (v.r.n.l.). ©

Er selbst ging als Trainer für ein Jahr nach Aue in die Regionalliga, arbeitete zwei Jahre als Co-Trainer bei Fortuna Köln, dann viele Jahre in verschiedenen Funktionen für Bayer Leverkusen – dort, wo seine ehemaligen Mitspieler Ulf Kirsten und Heiko Scholz ihre Bundesliga-Karriere vorantrieben. Dynamo behielt Minge aber stets im Blick, betreute vor seiner Leverkusener Zeit auch noch kurzzeitig die Dynamo-A-Jugend mit Talenten wie Daniel Rosin, Tom Starke oder Silvio Schröter. Wenn Benefizspiele anstanden oder die Oldies kickten, dann kam Minge immer gern nach Dresden, um die Werbetrommel für Dynamo zu rühren. Der Verein ließ ihn nie los – auch nicht, als er im Januar 2006 Co-Trainer von Klaus Toppmöller in Georgien wurde. Als ihn die Mitglieder im September 2006 in den Aufsichtsrat wählten, fungierte er dort fortan als sportlicher Berater. Im Juli 2007 wurde Minge dann auch zum ersten Mal Sport-Geschäftsführer in Dresden und sicherte während des Stadionneubaus den Einzug in die neue 3. Liga, indem er seinen alten Trainer Eduard Geyer zurückholte, nachdem Norbert Meier gescheitert war.

Erste Zeit als Sportchef endet 2009

Diese erste Zeit als Sport-Geschäftsführer bei Dynamo endete früher als erwartet, denn schon im April 2009 trat Minge schweren Herzens aus Protest gegen die für Dynamo nicht sehr günstigen Stadionverträge zurück. Der Rastlose ging zum DFB, wurde Nachwuchstrainer beim Verband, dann noch einmal U23-Coach in Leverkusen. Als es wieder mal bei Dynamo brannte, die Mannschaft aus der 2. Bundesliga abzusteigen drohte, heuerte das Idol im Februar 2014 erneut an der Lennéstraße als Geschäftsführer Sport an. Der Absturz der Janßen-Elf ließ sich zwar nicht mehr verhindern, doch Minge schaffte den Neuaufbau – erst mit dem jungen Trainer Stefan Böger, später mit dem erfahrenen Uwe Neuhaus, der das Team 2016 fulminant zurück in die 2. Liga und dort auf Anhieb auf Platz fünf führte. Während es also sportlich steil bergauf ging, gelang es Minge auch, gemeinsam mit sorgsam ausgesuchten Partnern wichtige Themen wie die Ablösung der Kölmel-Verbindlichkeiten und die Errichtung eines neuen Trainingszentrums voranzutreiben. Der Verein folgte seinen Appellen, Mitgliederumlagen und dem Umzug ins Ostragehege zuzustimmen, die Stadt erkannte in ihm einen zuverlässigen Partner, der den Verein stabilisiert und zukunftsorientiert aufstellt.

Eine Lebensliebe: Ralf Minge und Dynamo Dresden

Für seine unermüdliche Arbeit für Dynamo, die auch Erfolge im Nachwuchs nach sich zog, zahlte Minge aber einen hohen Preis. Zwischen März und August 2018 musste er sich eine Auszeit nehmen. Den Burnout konnte er nicht mehr verdrängen, Körper und Geist machten nicht mehr mit. An der Ostsee erholte sich der Workaholic aber wieder und kehrte in sein Amt zurück. Zu spät, um Risse zu kitten, die sich derweil zwischen Erfolgstrainer Neuhaus und der Vereinsführung aufgetan hatten, weil die vom Verlust von Leistungsträgern geschwächte Mannschaft die gewachsenen Erwartungen nicht mehr erfüllen konnte. „Es war keine schöne Zeit“, blickte Minge bei seinem Comeback auf die Monate seiner Abwesenheit zurück. Dabei gestand er offen, dass ihm das Loslassen von der Verantwortung große Probleme bereitet. Während seiner Krankheit habe er gelernt, dass man das Telefon auch mal abschalten, den Wettlauf um die im Auto-Navi angezeigte Ankunftszeit vergessen muss: „Da habe ich gemerkt, wie schwer mir das fällt, aber auch, wie wichtig das ist, gesund zu werden.“

Comeback nach fünf Monaten Auszeit

Minge gelobte damals Besserung, zog sich hier und da auch etwas zurück, versuchte, mehr Aufgaben zu delegieren – und war doch bald wieder ständig auf Achse für Dynamo. Er engagierte sich nebenher weiter für viele soziale Projekte, steckte aber vor allem weiter viel Kraft in den Verein. Für den erwirtschaftete er in den letzten Jahren große Transfererlöse und plante mit seinen Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle den nächsten großen Schritt. 2021, so lautete seine Vision, sollte der Angriff auf die 1. Bundesliga beginnen. Das neue Trainingszentrum wuchs derweil stetig und diversen Widerständen zum Trotz munter aus dem Boden. Stolz schlug der Ideengeber im März 2019 mit dem Hammer auf den Grundstein für das 20-Millionen-Projekt am Messering 18. Vergangene Woche konnte es übergeben werden, aber der „Vater des Traningszentrums“ (O-Ton Präsident Holger Scholze) fehlte dabei aus persönlichen Gründen.

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Wer hier künftig zu Hause ist, das ist unübersehbar. Zur Galerie
Wer hier künftig zu Hause ist, das ist unübersehbar. ©

Nach einem schwierigen Jahr voller Enttäuschungen, die mit dem Abgang von Torwarttalent Markus Schubert begonnen hatten, sich mit dem sportlichen Absturz unter dem sehr engagierten, aber glücklosen Trainer Cristian Fiel fortsetzten und in der harten Haltung der DFL gegenüber Dynamo in der Corona-Krise gipfelten, tritt Minge nun ab – „die Vertrauensperson im Verein, das Gesicht nach draußen“, wie Trainer Markus Kauczinski ihn nach nur einem halben Jahr Zusammenarbeit schätzen gelernt hat. Im Aufsichtsrat hatte Minge immer noch viel Rückhalt, aber er galt eben auch nicht mehr als unantastbar wie früher. Weil der Vordenker für eine hohe Jobzufriedenheit aber uneingeschränktes Vertrauen braucht, zog er sich zurück und lehnte es ab, eine ihm angebotene kurzfristige Vertragsverlängerung anzunehmen. Ganz oder gar nicht dürfte sein Motto gewesen sein, der Rat seiner Ärzte auch eine gewichtige Rolle gespielt haben.

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Der Malocher kann sich nun wenigstens vom Stress und von den Strapazen der letzten Jahre erholen, wenngleich ihn der Abstieg in die 3. Liga noch lange quälen wird. Ob Minge mit bald 60 noch einmal eine neue berufliche Tätigkeit anstrebt, weiß wohl nur er. Schwer vorstellbar ist aber, dass er sich schon auf Dauer zur Ruhe setzt. Eine ihn so ausfüllende Aufgabe wie die bei Dynamo zu finden, das wird jedoch sehr schwer werden. Schließlich bekannte er einmal: „Was den Job anbelangt, gibt es keine Steigerung.“ Für seine Schwarz-Gelben zu ackern – „das ist für mich das Größte“. So ganz konsequent wird er das wohl auch in Zukunft nicht sein lassen können – und das ist gut so.