26. Juni 2020 / 08:01 Uhr

Ende Gelände! Für Dynamo Dresden ist der Große Garten Geschichte

Ende Gelände! Für Dynamo Dresden ist der Große Garten Geschichte

Jochen Leimert und Stefan Schramm
Dresdner Neueste Nachrichten
Vom Stadion aus musste Dynamo nur die Lennéstraße überqueren – schon war man im Trainingsgelände im Großen Garten (l.).
Vom Stadion aus musste Dynamo nur die Lennéstraße überqueren – schon war man im Trainingsgelände im Großen Garten (l.). © Jürgen Männel
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Mehr als fünf Jahrzehnte lang trainierte die SG Dynamo Dresden gleich neben dem Rudolf-Harbig-Stadion. Doch so kurz die Wege waren, so schwierig waren oftmals die Bedingungen im Großen Garten. Damit ist nun Schluss. Denn bevor Sportdirektor Ralf Minge den Club verlässt, wird noch seine Vision eines modernen schwarz-gelben Trainingszentrums Wirklichkeit.

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Dresden. Um 16.53 Uhr ging am Donnerstag eine Ära zu Ende. Athletiktrainer Matthias Grahé schloss das Tor zum nunmehr ehemaligen Trainingsgelände von Dynamo Dresden im Großen Garten ab. Die knapp andert-halbstündige Einheit der Profis der Schwarz-Gelben am Donnerstagnachmittag war die letzte im Gartendenkmal gegenüber dem Rudolf-Harbig-Stadion. Nun zieht die SGD ins Ostragehege um, wo an diesem Freitag das neue, fast 20 Millionen Euro teure Trainingszentrum für das Noch-Zweitliga-Team und die Nachwuchsspieler feierlich eingeweiht wird.

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Neue Möglichkeiten für Sprung an die Spitze

Dynamo trainierte nicht immer dort. Doch für Generationen von Fans war das zuletzt 16.500 Quadratmeter große Trainingsgelände zwischen Zoo und Torwirtschaft der Anlaufpunkt schlechthin, wenn sie ihren Lieblingen beim Üben zuschauen, neue Gesichter und alte Bekannte treffen wollten. Und das seit nunmehr fast 51 Jahren.

DURCHKLICKEN: Bilder vom letzten SGD-Training im Großen Garten

25. Juni 2020: Die SG Dynamo Dresden trainiert nach mehr als fünf Jahrzehnten ein letztes Mal im Großen Garten. Zur Galerie
25. Juni 2020: Die SG Dynamo Dresden trainiert nach mehr als fünf Jahrzehnten ein letztes Mal im Großen Garten. ©

Als Dynamo Ende der Sechziger des vergangenen Jahrhunderts zum Fußball-Schwerpunktclub in Dresden ernannt wurde und das Leistungszentrum im Bezirk wurde, da mussten für die Spieler des neuen Trainers Walter Fritzsch auch bessere Bedingungen her. Die Mannschaft sollte in der DDR an die Spitze vorstoßen, auch international eine Hausnummer werden. Training auf den Hartplätzen am alten Rudolf-Harbig-Stadion gab es zwar noch eine ganze Weile, doch immer mehr Einheiten durfte die 1. Mannschaft auf Rasen jenseits der Lennéstraße bestreiten, die vorübergehend Dr.-Richard-Sorge-Straße hieß.

Nur zögerliche Modernisierungen

Mit dem Neubau des Casinos, der Erweiterung der Traversen und der Errichtung der Flutlichtanlage ging im Herbst 1969 auch die Einrichtung der Trainingsflächen im Großen Garten einher. Hier konnte Fritzsch die sportlichen Grundlagen für die großen Erfolge in den Goldenen Siebzigern legen, die mit dem ersten Double-Gewinn einer DDR-Oberliga-Mannschaft 1971 begannen. Was damals zeitgemäß war, ist heute aber längst nicht mehr Standard. Die Bedingungen blieben für den achtfachen DDR-Meister über Jahrzehnte nahezu unverändert und gerieten nach der Wende mehr und mehr zum Problem, zumal der Grundstückseigentümer – die Schlösserverwaltung – das Gelände nach der Wiedervereinigung für sich beanspruchte.


DURCHKLICKEN: Dynamo und seine bald alte Trainingsstätte

1990: Chefcoach Eduard Geyer (l.) und sein Co-Trainer Reinhard Häfner tauschen sich im Januar im Großen Garten aus.  Zur Galerie
1990: Chefcoach Eduard Geyer (l.) und sein Co-Trainer Reinhard Häfner tauschen sich im Januar im Großen Garten aus.  ©

Modernisierungen wie etwa der Einbau einer Rasenheizung blieben lange auch aus diesem Grunde aus. Im Sommer 2014 investierte die SGD viel Geld in eine neue Be- und Entwässerungsanlage sowie einen Rollrasen, um halbwegs professionelle Bedingungen zu haben. Nur mangels einer echten Alternative wurde das Bleiberecht für den Verein immer wieder verlängert. Der war oft nicht glücklich, denn die Plätze waren im Schlechtwetter-Halbjahr oft nicht nutzbar, im Winter verschlammt, vereist und damit für die Spieler nicht ungefährlich. Auch herabstürzende Äste waren ein Risiko, das selbst Ralf Minge einmal zu spüren bekam, als im Juni 2017 nur wenige Meter neben ihm eine alte Eiche zu Boden krachte.

Minges Vision wird wahr

Der Sport-Geschäftsführer, der im Frühjahr 2014 zum zweiten Mal in dieser Funktion ins Amt gekommen war, hatte das Thema schon kurz nach seinem Comeback angeschoben, obwohl Dynamo am letzten Spieltag durch eine 2:3-Heimniederlage gegen Arminia Bielefeld in die 3. Liga absteigen musste. Minge suchte nicht nur nach Alternativen für den zwar stadionnahen, aber beengten und auch schwer zu pflegenden Standort (Laub), sondern auch nach Finanzierungskonzepten und Verbündeten, die seine Vision von einem Umzug in ein modernes Trainingsgelände teilten.

DURCHKLICKEN: Impressionen vom Bau des neuen Trainingszentrums

Im neuen Trainingszentrum werden Profis und Nachwuchs auf mehreren Plätzen kicken können. Zur Galerie
Im neuen Trainingszentrum werden Profis und Nachwuchs auf mehreren Plätzen kicken können. ©

Der Ex-Auswahlstürmer, der selbst im Großen Garten Spieler und in der Bundesliga auch Interimstrainer war, fand Partner bei der Stadt, die mit ihm den Plan für das neue Gelände am Messering 18 detailliert entwickelten. Heute ist die mutige Vision von einst, als Dynamo hochverschuldet und sportlich am Boden war, wahr geworden – die SGD kann umziehen und unter besten Bedingungen Anlauf nehmen, rasch in die 2. Bundesliga zurückzukehren, aus der sie am Sonntag absteigen muss. Das neue Gelände wird per Mietkauf erworben, Dynamo wird die komplexe Anlage auch selbst betreiben.

Dank an Schlösserverwaltung

Für Ralf Minge, der am Monatsende bei Dynamo aufhört, geht am Freitag somit noch ein Traum in Erfüllung. Der 59-Jährige kann miterleben, wie das neue Trainingsgelände mit einem Kunstrasenplatz, zwei Naturrasenfeldern, einer Rasenheizung, einem Multifunktionshügel und einem großen Funktionsgebäude mit vielen Extras übergeben wird. Zuvor dankte er aber der Schlösserverwaltung, die über Jahrzehnte Rücksicht auf die Bedürfnisse der Schwarz-Gelben genommen hatte.

Hansi Kreische über den Umzug des Trainingsbetriebes und Dynamos Zukunft

„Die Trainingsplätze im Großen Garten verbinden unsere Fans, Mitglieder, Spieler und die Öffentlichkeit mit unzähligen Episoden unserer bewegten Vereinsgeschichte. Sowohl zu Europapokal- als auch zu Oberliga-Zeiten war unsere sportliche Heimat stets an der Lennéstraße – im Rudolf-Harbig-Stadion und eben im Großen Garten – angesiedelt. Die Zeit auf den Trainingsplätzen ist mit dem Umzug ins neue Trainingszentrum Geschichte. Ich möchte mich ganz herzlich beim Staatsbetrieb Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen sowie insbesondere Herrn Dr. Christian Striefler für die stets sehr vertrauensvolle und partnerschaftliche Zusammenarbeit in all den Jahren bedanken“, erklärte Minge.

Als Privatmann und gern gesehener Stadionbesucher kann der gebürtige Elsterwerdaer, der einst als Lehrling von der TSG Gröditz nach Dresden zu Dynamo gekommen war, künftig dort spazieren gehen, wo lange die Bälle flogen und auch sein eigener Schweiß in Strömen floss. Das von alten Gehölzen gesäumte Gelände wird wieder Teil des Parks, die vor einigen Jahren eingebaute Drainage soll zuvor entfernt werden. Jedermann kann danach dort Drachen steigen lassen oder sich sonnen, wo von 1969 bis 2020 Dynamo seine Muskeln stählte und das Spielverständnis schärfte.