24. Februar 2021 / 16:24 Uhr

Endlich geklärt: Ibrahima Touré vom TSV Eintracht Bückeberge darf in Deutschland bleiben

Endlich geklärt: Ibrahima Touré vom TSV Eintracht Bückeberge darf in Deutschland bleiben

Daniel Kultau
Schaumburger Ztg. / Schaumburger Nachrichten
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Ibrahima Touré zeigt stolz seinen Arbeitsvertrag. Rainer Neumann-Buchmeier hat ihm auf den Weg dahin geholfen. © Daniel Kultau
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Monatelang haben sich Rainer Neumann-Buchmeier und Ibrahima Touré durch Formulare gewühlt, haben Briefe geschrieben oder Telefonate geführt. Doch nun steht fest, dass es sich gelohnt hat, denn Touré darf in Deutschland bleiben.

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Es war schon mehr als ein bürokratischer Marathon, den Rainer Neumann-Buchmeier und Ibrahima Touré im vergangenen Dreivierteljahr zurücklegen mussten. Doch es hat sich gelohnt. „Ibrahima kann in Deutschland bleiben“, gab der erleichterte Vorstandssprecher des TSV Eintracht Bückeberge nun bekannt. Der Flüchtling kam 2017 aus Guinea nach Deutschland, spielte seitdem beim SV Obernkirchen und seit Juli vergangenen Jahres beim TSV Eintracht Bückeberge Fußball.

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Zu verdanken ist sein Verbleib der geklärten Situation rund um seine Identität und der Stadthäger Firma MINDA, die den 24-Jährigen ab März Vollzeit als Produktionshelfer und ab August 2021 als Azubi beschäftigen wird. „Ich habe mich so gefreut, als ich den Vertrag bekommen habe“, so Touré, der direkt all seinen Freunden und seiner Mutter in Guinea davon berichtete. Doch hinter dem ganzen Fall steckt noch mehr. Und zwar eine große Solidaritätsaktion des Schaumburger Fußballs.

Militär entgangen

Rückblick: „Ibo“, wie Touré genannt wird, kam 2017 über die Mittelmeerroute über Italien und die Schweiz nach Deutschland. In seiner Heimat hätte er zum Militär gemusst. Das wollte Touré nicht, denn anders als in Deutschland, stellt sich in dem westafrikanischen Land die Frage, ob er überhaupt wieder lebend vom Einsatz zurückkommt. Doch er kam zum SV Obernkirchen und begann dort Fußball zu spielen und Freunde zu finden. Sein damaliger Trainer Uwe Wolff kümmerte sich um den Neuen, übernahm Behördengänge oder half beim Umzug.

Eigentlich hätte Ibo im April zurück nach Guinea abgeschoben werden sollen, doch das Coronavirus verschaffte ihm mehr Zeit. Was ihm in Guinea geblüht hätte, können sich Mitteleuropäer kaum vorstellen. Bis dahin hatte er als Koch und Produktionshelfer in Obernkirchen und Stadthagen gearbeitet, doch aufgrund der ungeklärten Identität wurde ihm verboten weiter zu arbeiten. „Nicht mal ein unbezahltes Praktikum durfte er machen“, so Neumann-Buchmeier. Der dauergrinsende Touré nutzte die Zeit, besuchte Deutschkurse und legte im Februar die B1-Prüfung ab. „Ich wollte mich nicht langweilen und habe mir immer gesagt ‚Hauptsache du machst irgendwas.“

"Ein klasse Typ"

Im Juli wechselte der Guineer zum TSV Eintracht Bückeberge. Wolff verließ den SVO II zeitgleich in Richtung SC Auetal. Der ehemalige SVO-Torwart Guiseppe Presta, der inzwischen beim TSV spielte, erinnerte sich an Touré und lockte seinen Kumpel zum TSV. Dort nahm ihn Neumann-Buchmeier unter seine Fittiche und startete den bürokratischen Marathon. „Ich hätte das nicht für jeden gemacht, aber Ibo ist so ein klasse Typ.“

Solidarität gab es zudem aus dem Schaumburger Fußball. Die TSV-Spieler Jannick Zielinski und Arne Wittenberg trommelten bei ihren Arbeitgebern für Ibo. Diese hätten ihm auch ein Praktikum angeboten, doch das war behördlich weiterhin nicht möglich. Viele Freunde aus unterschiedlichsten Vereinen, vor allem aber vom SVO, forderten außerdem „Ibrahima should stay“ und designten T-Shirts mit diesem Slogan als Aufdruck.

Warten auf die Geburtsurkunde

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Bückeburger Rechtsanwalt Manuel Niemann bereits für den 24-Jährigen gekämpft und einen Härtefallantrag beim Land Niedersachsen gestellt, denn auch er war der Meinung, dass Ibrahima Touré bleiben müsste. Der Knackpunkt war aber weiterhin die fehlende Identität. Die Geburtsurkunde lag zwar digital vor, aber die Behörden wollten nur das Original anerkennen. Ibos Mutter, der er regelmäßig Geld überweißt, schickte sie aus Guinea nach Deutschland, doch der Postweg aus dem westafrikanischen Land ist ein schwieriger. So musste er monatelang darauf warten.

Als sie endlich da war, reiste der 24-Jährige alleine mit dem Zug zur Botschaft Guineas nach Berlin und musste dort einen Test in der guineanische Landessprache „Sousou“ absolvieren, um zu beweisen, dass er aus diesem Land kommt. Den bestand er, sodass ihm die Botschaft seine Identität bestätigte.

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Das Ende der Reise war jedoch noch nicht erreicht. Nachdem Neumann-Buchmeier und Touré schon dutzende Briefe geschrieben hatten und im nahezu täglichen Austausch mit der Ausländerbehörde waren, musste eine sogenannte Konsularkarte beantragt werden. „Meine Mutter hat mir immer gesagt ‚Ibrahima, du musst geduldig sein“, erinnert sich der Fußballspieler. Also ging es weiter Richtung Gipfel des hohen und mühseligen Bürokratie-Berges. Als ehemaliger Studiendirektor des Ratsgymnasiums Stadthagen waren selbst für Neumann-Buchmeier die Briefe und Formalitäten häufig kaum zu verstehen. „Ich hatte schon Erfahrung mit Behörden, aber das war sehr schwierig“, so der Vorstandssprecher, der den Stil der Behörden häufig als „arrogant“ bezeichnen würde. „Gerade als Ausländer, der die deutsche Sprache noch nicht so gut spricht, ist das nicht machbar.“

"Ibrahima can stay"

Kurz nach Weihnachten erhielt Neumann-Buchmeier dann aber endlich die erlösende Mail der Behörde: Ibo darf arbeiten. Es ist zwar bisher nur der Duldungsausweis, doch das ermöglicht ein Beschäftigungsverhältnis und mit dem darf Touré weiterhin in Deutschland bleiben. Nun heißt es also „Ibrahima can stay“.

Ein neues Leben beginnt

Und auch wenn es ein langer und anstrengender Weg war, ist es auch die deutsche Bürokratie, die Touré so schätzt. „In Guinea kann man viel durch Korruption erreichen. Auch wenn es anstrengend war, bin ich froh, dass so was hier nicht möglich ist.“ Inzwischen bringt sich Ibo auch innerhalb des TSV ein. Er trainiert die F-Junioren und hat dort ebenfalls Flüchtlinge in seinem Team, für die er nun ein Vorbild sein kann. „Wenn die Kids Ibo sehen, dann freuen sie sich und rufen ‚Ibo, Mashallah“, erzählt Jugendleiter Karsten Selsemeier. Ein arabischer Ausdruck, der Wertschätzung, Freude, Lob oder auch Dankbarkeit einer Person gegenüber zum Ausdruck bringen soll. „Ich fühle mich hier einfach total wohl. Alle sind freundlich und haben mir so sehr geholfen. Ich möchte mich ganz herzlich bei Rainer und allen Weiteren bedanken, dass ich hierbleiben darf.“

Für ihn beginnt im März nun ein neues Leben. Der in Stadthagen wohnende beginnt seinen Job bei MINDA, die für den Start des Ausbildungsjahres extra einen der drei Plätze für ihn freigehalten haben. „Wir freuen uns, dass Ibrahima bei uns arbeiten möchte“, heißt es vom Unternehmen.