16. November 2020 / 18:36 Uhr

Luxus, Respekt und ein Wermutstropfen: Dennis Kutrieb über seinen Trainerjob in England

Luxus, Respekt und ein Wermutstropfen: Dennis Kutrieb über seinen Trainerjob in England

Mirko Jablonowski
Märkische Allgemeine Zeitung
Dennis Kutrieb coacht seit der Saison 2020/21 den Sechstligaverein Ebbsfleet United – aktuell liegt das Team auf Tabellenrang fünf.
Dennis Kutrieb coacht seit der Saison 2020/21 den Sechstligaverein Ebbsfleet United – aktuell liegt das Team auf Tabellenrang fünf. © Verein
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Der ehemalige Spieler vom Ludwigsfelder FC und RSV Waltersdorf trainiert seit Sommer den englischen Sechstligisten Ebbsfleet United.

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Von Tennis Borussia Berlin zu Ebbsfleet United. Von der Oberliga Nord in die National League South. Von Deutschland nach England. Diesen durchaus ungewöhnlichen Schritt ging der Berliner Fußballtrainer Dennis Kutrieb im Sommer und hat ihn nach drei Monaten noch „keine Sekunde“ bereut. Unter „hochprofessionellen Bedingungen“ könne sich der 40-Jährige hauptberuflich um den Neuaufbau einer Mannschaft kümmern, die perspektivisch den lang ersehnten Schritt in den League Football – umfasst die ersten vier Ligen in England – schaffen soll. Nach dem Abstieg in der vergangenen Saison geht der 1946 gegründete Traditionsverein, für den der spätere englische Nationaltrainer Roy Hodgson von 1969 bis 1971 auflief, im Mutterland des Fußballs aktuell in der sechsten Liga auf Punktejagd.

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Das würde von der Rangfolge in Deutschland her der Brandenburg- oder Berlin-Liga entsprechen. „Aber das kann man nicht vergleichen“, erklärt Kutrieb, dass die ersten fünf Ligen in England nur eingleisig verlaufen und die Leistungsdichte an Spielern dort dementsprechend höher sei. Vom Niveau her ordnet er seine Schützlinge, die aktuell den fünften Tabellenplatz belegen, der zur Teilnahme an den Aufstiegsplayoffs berechtigen würde, auf „gutem Regionalliganiveau“ ein. Die Bedingungen seien aber deutlich professioneller, als bei den meisten Viertligisten hierzulande. So müsse keiner seiner Spieler neben dem Fußball arbeiten gehen.

In Bildern: Dennis Kutrieb - Spielgestalter im Trikot des Ludwigsfelder FC.

Dennis Kutrieb gehörte zu den prägenden Akteuren in seiner Zeit beim Ludwigfelder FC und konnte manch einen Treffer bejubeln. Inzwischen ist er Trainer beim englischen Sechstligisten Ebbsfleet United. Zur Galerie
Dennis Kutrieb gehörte zu den prägenden Akteuren in seiner Zeit beim Ludwigfelder FC und konnte manch einen Treffer bejubeln. Inzwischen ist er Trainer beim englischen Sechstligisten Ebbsfleet United. © Lars Sittig

Die größten Unterschiede zwischen dem Fußball in der Heimat und auf der Insel? „Es ist viel intensiver“, schiebt der gebürtige Berliner Kutrieb, der im Nachwuchs bei Tennis Borussia, Blau-Weiß 90 und dem VfB Lichterfelde ausgebildet wurde, vorweg und führt weiter aus: „Die Spieler marschieren hier, solange sie die Füße tragen. Taktisch und technisch sind deutsche Regionalligaspieler aber sicher in der Regel besser ausgebildet.“

Kutrieb selbst bestritt als Fußballer über 200 Viertligaspiele für den Lichterfelder FC, den BFC Dynamo und den Berliner AK. Für Rot-Weiß Oberhausen lief der technisch beschlagene und torgefährliche Offensivspieler 2005/06 in 24 Drittligapartien auf, ehe er seine aktive Laufbahn nach zwei Jahren beim Ludwigsfelder FC (2008 bis 2010) und vier beim RSV Waltersdorf (2010 bis 2014) beendete. Trainiert wurde er in diesen sechs Saisons in Brandenburg von Volker Löbenberg, mit dem er sich, wie mit Patrick Hinze (RSV Eintracht 1949) und Aaron Müller (Ludwigsfelder FC), regelmäßig austauscht. „Er hat das vor allem auf menschlicher Ebene immer überragend gelöst, das ist auf jeden Fall hängen geblieben“, erinnert sich Kutrieb an die Zeiten unter dem heutigen Trebbiner Landesliga-Trainer Löbenberg. „Es gab unter ihm nie einen Spieler, der sauer auf ihn war. Er hat immer auf Augenhöhe agiert – das versuche ich auch. Am Ende bleibt Fußball doch trotz allem Druck ein Spiel, das man zusammen gewinnen will – und ich hasse es, zu verlieren“, betont der gelernte Versicherungsmakler.

Sein ehemaliger „Vorgesetzter“ findet nur positive Worte für seinen langjährigen Führungsspieler und Kapitän. „Wir haben uns schon damals viel abgestimmt. Man konnte sich auf und neben dem Platz immer auf ihn verlassen. Er war als Spieler sehr ehrgeizig und ist das auch als Trainer“, sagt der 60-jährige Löbenberg. „Ich konnte mir damals schon gut vorstellen, dass er diesen Weg einschlägt und wünsche ihm dabei weiterhin alles Gute.“

Sefa Kahraman und Alexander Eirich mit in England

Kutrieb sammelte als Trainer seine ersten Erfahrungen beim TuS Makkabi und stieg später bei der VSG Altglienicke zusammen mit Simon Rösner von der Berlin- in die Regionalliga auf. Es folgten ab 2018 zwei Spielzeiten bei Tennis Borussia Berlin – mit dem Regionalliga-Aufstieg durch die Quotientenregelung und dem selbst gewählten Abschied von Kutrieb, der den nächsten Schritt in seiner Entwicklung gehen wollte und die Chance, im englischen Fußball reinzuschnuppern, beim Schopf packte. Diese Möglichkeit ergab sich dabei unverhofft. „Ich hatte eine Nachricht vom Verein in meinem E-Mail-Postfach, die ich erst gar nicht beachtet habe. Als eine zweite Nachricht kam, habe ich mal recherchiert und es folgten Gespräche mit den Verantwortlichen.“

Die waren auf der Suche nach einem ausländischen Trainer, der anders als die meisten Teams in den unteren Ligen in England, auch eine spielerische Komponente vermitteln will. Am Ende fiel die Wahl auf Kutrieb. Nur vier Spieler aus dem Kader der Vorsaison blieben beim Verein aus dem Umland der englischen Hauptstadt London. 19 neue Akteure – darunter Sefa Kahraman und Alexander Eirich von Tennis Borussia Berlin – kamen. „Wir versuchen, den Ball viel am Boden zu halten und spielerische Lösungen zu finden. Damit fallen wir auf und die gegnerischen Trainer wollen erst Recht beweisen, dass der traditionelle Weg der erfolgreichere ist. Mir wird hier aber mit ganz viel Respekt begegnet“, erläutert ein fast rundum glücklicher Kutrieb. „Einziger Wermutstropfen ist, dass meine Lebensgefährtin und mein Sohn nicht mit hier sind. Aber sie unterstützen mich und wissen, dass ich diese Chance einfach nutzen musste.“

Spiele in England weiter ohne Zuschauer

In den Genuss der besonderen Atmosphäre bei Spielen in England – Ebbsfleet hatte in der vergangenen Saison immer über 1000 Zuschauer bei seinen Spielen – kam Kutrieb coronabedingt noch nicht. „Das ist natürlich schade und ich hoffe, dass das zu gegebener Zeit wieder möglich ist. Der Fußball hat hier noch mal einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland. Das Arbeiten macht einfach richtig Spaß und ich genieße den Luxus, mit meinem Hobby Geld zu verdienen. Trotz langer und intensiver Tage fühlt sich das nicht wie Arbeit an.“

Im Sommer unterschrieb er bei „The Fleet“ einen Zweijahresvertrag und hofft, mit der Mannschaft ein Wörtchen um den Aufstieg mitzureden. Generell kann er sich vorstellen, langfristig auf der Insel zu arbeiten. „Als Spieler habe ich es bis in die 3. Liga geschafft. Als Trainer habe ich mir das Ziel gesetzt, das einmal zu übertreffen. Mit dem Schritt nach England bin ich diesem Ziel auf jeden Fall einen Schritt näher gekommen.“