21. November 2022 / 10:21 Uhr

Mythos Weltklasse-Kader: Deshalb ist Southgates Werk in England extrem brüchig

Mythos Weltklasse-Kader: Deshalb ist Southgates Werk in England extrem brüchig

Hendrik Buchheister
RedaktionsNetzwerk Deutschland
England-Trainer Gareth Southgate (rechts) steht bei der WM unter besonderer Beobachtung.
England-Trainer Gareth Southgate (rechts) steht bei der WM unter besonderer Beobachtung. © IMAGO/PA Images/Shutterstock (Montage)
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Die Engländer zählen bei der WM 2022 zum erweiterten Favoritenkreis. In der Heimat sind die Sympathien zweigeteilt. Der Kader von Nationaltrainer Gareth Southgate gehört nicht zur Weltklasse – und der Coach steht mächtig in der Kritik.

Es ist ein gewohntes Bild zum Start der WM. An diesem Montag beginnt England gegen den Iran (14 Uhr, ZDF und Magenta TV) seine Kampagne in Katar, und von den Titelseiten des englischen Boulevards grüßt wie immer ein Held aus der Vergangenheit. "EUER LAND BRAUCHT EUCH", lautete die Botschaft, die Geoff Hurst im Mirror an die Drei-Löwen-Auswahl richtete – in Großbuchstaben. Der einzige Mann, der in einem WM-Finale drei Tore schoss, nämlich beim 4:2 gegen Deutschland 1966, was Englands bis heute einzigen Titel bedeutete, gab sich keine Mühe, seinen Optimismus zu verbergen. "Wir können diese WM gewinnen, und es wäre keine Überraschung für mich, wenn wir es tun würden. So einfach ist das", schrieb Hurst in seinem Beitrag.

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So einfach ist das? Na ja. Gareth Southgate hätte wohl darauf verzichten können, dass Hurst die traditionell hohen Erwartungen im Fußballmutterland noch verstärkt. Der Trainer stellt die Grundsatzfrage vor dem Start ins Turnier: "Wie können wir unsere Fans noch einmal auf eine Reise wie vor vier Jahren und im vergangenen Sommer mitnehmen, die sie so geliebt haben?" Zur Erinnerung: 2018 in Russland kam England zum ersten Mal seit 1990 in ein WM-Halbfinale, verlor dort aber trotz früher Führung gegen Kroatien. 2021 stand England bei der EM zum ersten Mal seit 1966 in einem Endspiel, unterlag aber im heimischen Wembley im Elfmeterschießen Italien, wieder trotz früher Führung.

England ist von Harry Kane abhängig

In Katar gehört England zum erweiterten Favoritenkreis, doch nicht nur Trainer Southgate ist sich unsicher, was genau er von seiner Mannschaft erwarten soll. Die Engländer haben eine desaströse Nations League gespielt, schafften in sechs Versuchen keinen einzigen Sieg und stiegen ab. Nach dem 0:4 gegen Ungarn im Juni, der höchsten Heimniederlage seit 1928, gab es Buhrufe. Beim letzten Spiel vor der WM, in Wembley gegen Deutschland, wurde eine Revolte des Publikums nur dadurch verhindert, dass Southgates Mannschaft ein 0:2 noch drehte und mit einem 3:3 davonkam. "Favorites fading" – so bezeichnete das renommierte Magazin World Soccer die Engländer mit Blick auf die WM. Übersetzt: verblassende Favoriten.

Zwar verfügt das Team über eine Vielzahl hochbegabter Einzelkönner, vor allem in der Offensive. Auch Jude Bellingham von Borussia Dortmund wird bei der WM der internationale Durchbruch vorhergesagt. Doch dass England einen Weltklassekader habe, ist ein Mythos. Die Mannschaft ist von den Toren von Kapitän Harry Kane abhängig, die linke Abwehrseite ist dünn besetzt, in der Innenverteidigung ist Chefverteidiger Harry Maguire ein Sicherheitsrisiko. Torwart Jordan Pickford gehört nicht zur ersten Güteklasse. Außerdem umweht England das Gefühl, zwei goldene Chancen auf einen Titel verschwendet zu haben mit dem Halbfinalaus 2018 und dem verlorenen Finale 2021. Ob sich eine solche Gelegenheit noch einmal ergibt? "Für Southgate heißt es in Katar: Jetzt oder nie!", schrieb der seriöse Guardian.

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Southgate hat viel für den englischen Fußball geleistet

Der Trainer hat Bemerkenswertes geleistet. Er hat England von einer skandalgeplagten Witztruppe zu einem Titelanwärter bei Turnieren gemacht und ein Wohlfühlklima geschaffen. Anders als in der Vergangenheit ziehen die Profis das Trikot mit den drei Löwen wieder mit Freude an. Die Nation identifiziert sich mit dem jungen, politisch engagierten Team. Beziehungsweise: ein Teil der Nation. Es gibt auch konservative Zuschauer, die von Southgate und seiner Auswahl weniger Aktivismus gegen Rassismus und Homophobie verlangen, weniger defensiven Zögerfußball, mehr Offensivspektakel und Cleverness in entscheidenden Momenten. Deshalb ist Southgates Werk extrem brüchig. Sein Vertrag gilt bis nach der EM 2024, doch in England werden schon potenzielle Nachfolger gehandelt. Es könnte stimmen, dass es in Katar für Southgate heißt: jetzt oder nie.

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