23. Juni 2020 / 08:05 Uhr

"Er hätte auch die Titanic gerettet": Vor 10 Jahren starb Trainer-Legende Jörg Berger

"Er hätte auch die Titanic gerettet": Vor 10 Jahren starb Trainer-Legende Jörg Berger

Guido Schäfer
Leipziger Volkszeitung
Eine Sternstunde: Jörg Berger als Coach der Frankfurter Eintracht ist 1999 das Opfer des Temperaments seines Spielers Jan-Aage Fjörtoft, der den Klassenerhalt perfekt macht.
Eine Sternstunde: Jörg Berger als Coach der Frankfurter Eintracht ist 1999 das Opfer des Temperaments seines Spielers Jan-Aage Fjörtoft, der den Klassenerhalt perfekt macht. © imago images / Team 2
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Geboren in Gdynia, aufgewachsen in Leipzig, aus der DDR geflüchtet, in der Bundesliga der Mann für die eigentlich unlösbaren Aufgaben: Jörg Berger prägte große Momente des deutschen Fußballs und kehrte doch immer wieder in seine Heimat zurück. Vor zehn Jahren erlag er einer langwierigen Krebserkrankung.

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Leipzig. Er wurde „Retter“ und „Feuerwehrmann“ genannt, war d e r Trainer für aussichtslose Unterfangen. Und er war ein Fachmann mit Einfühlungsvermögen, der Taktik Taktik sein ließ, wenn in Zeiten größter Not andere Dinge wichtiger wurden. Glaube, Mentalität, Motivation, Selbstbewusstsein. Wenn es in deutschen Landen irgendwo klemmte und das Abstiegsgespenst kreiste, wählten die Club-Chefs nicht selten Jörg Bergers Nummer. Und der Leipziger, der 1979 in die Bundesrepublik geflohen war und dort bei null anfangen musste, lieferte verlässlich.

Unvergessenes 5:1

Unvergessen das Saisonfinale 1998/1999, als er seine gegen den 1. FC Kaiserslautern 4:1 führende Frankfurter Eintracht kurz vorm Ende nach vorne peitschte, wissend, dass noch ein Tor zum Wunder Klassenerhalt fehlte. Und dann schlugen sie nochmal zu, im Herzschlag-Finale. Durch Jan-Aage Fjörtofts Übersteiger-Tor, bei dem sich der steifbeinige Norweger fast die Hüften ausgerenkt hätte. 5:1!, die SGE blieb erstklassig, dank Berger und Fjörtoft. Der Mittelstürmer im Hochgefühl: „Jörg hätte auch die Titanic gerettet!“ Ansgar Brinkmann, einer der SGE-Helden, löste nächtens eine Wette ein, zeltete am Frankfurter Riederwald.

Frank Engel (r.) begleitete Jörg Berger viele Jahre lang als Co-Trainer.
Frank Engel (r.) begleitete Jörg Berger viele Jahre lang als Co-Trainer. © imago images /Alfred Hader
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Im März 2009 lud der Weiße Brasilianer zum Abschiedsspiel auf die Bielefelder Alm. Uwe Bein, Thomas Berthold, Stefan Kretzschmar, Sergej Barbarez, Icke Häßler – alles da, was Rang und Namen hatte. Trainer des Ansgar-Allstar-Team gegen die Bielefelder Bundesliga-Truppe: Jörg Berger. Für Schäfers Guido blieb nur ein Platz auf der Bank. 15 Minuten vorm Abpfiff fragte ich den Coach, ob es denn möglich wäre, ein paar Minütchen mitzuspielen. Berger packte einen Zettel aus und rief: „Ja, Günter, mach Dich warm!“ Die Verwechslung mit dem Stuttgarter Günter Schäfer wurde beim Absacker im Hotel freudvoll begossen.

"Er war ein Kämpfer"

Als Jörg Berger kurz später seine Trainer-Laufbahn beendete und sein Buch „Meine zwei Halbzeiten: Ein Leben in Ost und West“ veröffentlichte, besuchte er öfter sein Leipzig, traf sich mit seinen Freunden Volker Pechtl (heute 77), Frank Skoruppa (68), Andy Herrig (75) und Frank Engel (69) zum „Berger-Stammtisch“. Den gibt es noch heute. Engel, der Bergers Assistent in Frankfurt, Rostock und Aachen war: „Jörg ist zu früh gegangen, wir vermissen ihn und seine immer positive Art sehr. Er war ein Kämpfer.“

Bei seinen regelmäßigen Besuchen in Leipzig wechselte Jörg Berger auch gern das sportliche Terrain. Hier ist er 1998 nach einem Tennismatch auf der Anlage des Leipziger SC mit dem ehemaligen Lok-Kicker Dieter Kühn zu sehen.
Bei seinen regelmäßigen Besuchen in Leipzig wechselte Jörg Berger auch gern das sportliche Terrain. Hier ist er 1998 nach einem Tennismatch auf der Anlage des Leipziger SC mit dem ehemaligen Lok-Kicker Dieter Kühn zu sehen. © Archiv

Er kämpfte bis zuletzt. Am 23. Juni 2010 wählte der damalige Sportchef der Leipziger Volkszeitung, Winfried Wächter, Jörg Bergers Nummer. Das Telefon war abgestellt an jenem Mittwochabend. Und das in der Halbzeitpause des deutschen WM-Spiels gegen Ghana, als sich Wächter mit LVZ-Kolumnist Berger abstimmen wollte. Berger analysierte seit Jahren die Auftritte der deutschen Mannschaft, war meinungsstark, wurde gerne gelesen. Und er war die Zuverlässigkeit in Person. Wächter machte sich Sorgen.

„Ich weiß, dass ich keine 100 Jahre alt werde“, hatte Berger gesagt, nachdem er 2002 an Krebs erkrankt war. Jörg Berger erlebte Mesut Özils 1:0-Siegtor an jenem Abend nicht mehr, verstarb am 23. Juni 2010 im Alter von 65 Jahren.