14. November 2020 / 09:22 Uhr

Kenan Kocak über sein erstes Jahr als 96-Trainer: "War klar, dass etwas passieren muss"

Kenan Kocak über sein erstes Jahr als 96-Trainer: "War klar, dass etwas passieren muss"

Andreas Willeke
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Seit fast einem Jahr ist 96-Trainer Kenan Kocak bei den Niedersachsen im Amt. Der SPORTBUZZER blick gemeinsam mit dem Coach der Roten zurück.
Seit fast einem Jahr ist 96-Trainer Kenan Kocak bei den Niedersachsen im Amt. Der SPORTBUZZER blick gemeinsam mit dem Coach der Roten zurück. © imago images/pmk
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Kenan Kocak ist am Sonntag genau seit einem Jahr Trainer bei 96. Er hat den Verein in Abstiegsnot übernommen und auf Platz sechs geführt. Danach hat der 39-Jährige einen großen Umbruch eingeleitet. Im SPORTBUZZER-Interview spricht Kocak über seine erste Zeit in Hannover. 

Kenan Kocak, Sie sind seit einem Jahr bei 96. Traumhaft, nervig, stressig – wie haben Sie es erlebt?

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Erst einmal ist es ein Privileg, den Traditionsklub 96 in der wundervollen Stadt Hannover mit den fantastischen Fans trainieren zu dürfen. Es war vom ersten Tag an sehr spannend, mit der Mammutaufgabe, den GAU Abstieg zu verhindern. Das haben wir ganz gut hinbekommen. Dazu mussten wir die Corona-Krise meistern – es war schon ein sehr spezielles Jahr und sehr aufregend. Ich freue mich, ein Teil der 96-Familie sein zu dürfen.

Erinnern Sie sich an den ersten Tag, als Sie in die Kabine kamen – was war Ihr erster Eindruck?

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Ich hatte zuvor noch intensive 48 Stunden bis zur Vertragsunterschrift. Die Mannschaft hatte in Heidenheim 0:4 verloren, in den Augen war eine große Verunsicherung zu sehen. Wir haben das Schiff aber wieder gemeinsam auf Kurs gebracht, anders als andere Traditionsklubs, die im Niemandsland gelandet sind. Es war aber nicht so einfach, wie es vielleicht aussah. Mit Platz sechs haben wir mehr erreicht, als uns viele zugetraut haben. Wir sind dadurch auch auf Platz eins in der TV-Geld-Tabelle der 2. Liga geklettert, was immens wichtig war.

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Am 28. April 2021 hat Hannover 96 die Trennung von Kenan Kocak zum Saisonende verkündet. Rund zwei Wochen später (10. Mai) haben die Roten Jan Zimmermann als neuen Trainer vorgestellt. Der Coach kommt vom Regionalligisten TSV Havelse. Zur Galerie
Am 28. April 2021 hat Hannover 96 die Trennung von Kenan Kocak zum Saisonende verkündet. Rund zwei Wochen später (10. Mai) haben die Roten Jan Zimmermann als neuen Trainer vorgestellt. Der Coach kommt vom Regionalligisten TSV Havelse. © imago/

War Ihnen sofort klar, dass die Mannschaft zur neuen Saison renoviert werden muss?

Mir war klar, dass sofort etwas passieren muss. Man konnte ja die Angst spüren, nicht nur in der Mannschaft, es ging ja auch um die Mitarbeiter in der Geschäftsstelle und um die Sorgen der Menschen in der Stadt, die mit 96 mitfiebern.


Nach der Saison haben Sie fast alles umgekrempelt?

Der Umbruch war zum Teil erzwungen. Wenn wir uns umschauen in der 2. Liga, ob beispielsweise Karlsruhe, Fürth oder HSV – fast alle haben trotz der Corona-Krise ihre Säulen halten können. Das ist uns nicht gelungen. Wir haben mit Waldemar Anton, Jannes Horn, John Guidetti und Cedric Teuchert Spieler verloren, die sich sehr gut entwickelt hatten und bis auf Guidetti in der Bundesliga gelandet sind.

Aber Sie haben mit Ron-Robert Zieler, Edgar Prib, Marvin Bakalorz und Felipe auch alte 96-Prominenz weggeschickt.

Wir mussten eine Analyse vornehmen und uns einen sportlichen Plan zurechtlegen. Das habe ich mit Gerry Zuber und in Absprache mit Martin Kind getan. Das lief alles sehr transparent, offen und ehrlich ab. Wir haben uns für diesen Weg entschieden, um der Mannschaft neue Impulse zu verleihen.

Sind Ihnen die Gespräche etwa mit Zieler schwergefallen?

Wir haben ja keinen vom Hof gejagt, sondern den Spielern aufgezeigt, welche sportliche Perspektive sie haben und wo die Gefahren sind. Wir haben auch keine Trainingsgruppe 2 gegründet oder die Spieler freigestellt. Mir ist klar, dass das für die Spieler trotzdem nicht schön war. Ich bin mir aber sicher, dass sie mit Abstand erkennen werden – okay, das war in dem Moment bitter, aber wenigstens ehrlich und offen. Für diese Werte sollten wir auch gemeinsam als Verein stehen.

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Mal grundsätzlicher gefragt: Was wünschen Sie sich, das all Ihre Spieler später mal über den Trainer Kocak sagen werden?

Ich hoffe natürlich, dass sie vor allem Positives sagen werden. Aber ich muss viele Entscheidungen zum Wohle des Vereins treffen, die den Spielern vielleicht nicht gefallen – wohl wissend, dass wir auch nicht alles richtig machen. Das ist Teil von meinem Job. Ich muss jede Woche Menschen enttäuschen, auch wenn man das von außen vielleicht nicht so wahrnimmt. Es macht mir keinen Spaß, Spieler auszuwechseln oder nicht in den Kader zu nehmen. Da kann ich mich gut in die Lage der Spieler versetzen.

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Hilft es Ihnen da, früher in Mannheim mit schwer erziehbaren Jugendlichen gearbeitet zu haben, um zu wissen, wie gut es da im Verhältnis Fußballprofis geht, die mit Hundertausenden Euro an Abfindung weich abgefedert landen?

Was die Abfindungen betrifft – der Verein hat langfristig dadurch Gelder sogar gespart. Grundsätzlich stehe ich für Bescheidenheit und Demut. Ich mag auch keine Spieler, die meinen, weil sie bei 96 sind, sind sie was Besonderes. Die Gefahr bringt Hannover 96 mit sich: ein großer Traditionsklub. Es gibt ein großes Medieninteresse, die Spieler haben optimale Bedingungen, werden in der Stadt geachtet und beachtet. Das darf aber nicht dazu führen, dass eine Selbstzufriedenheit entsteht, nach dem Motto: Wir sind 96, und irgendwie geht das schon. Das geht nicht irgendwie.

Ist das nicht genau das aktuelle Problem der Mannschaft?

In der 2. Liga muss man um jeden Punkt kämpfen. Gegen 96 sind alle Gegner motiviert, das ist für viele von ihnen ein Spiel des Jahres. Wenn unsere Spieler aber schon damit zufrieden sind, dass sie bei 96 sind, dann haben wir ein Problem. Wenn wir es nicht schaffen, unsere Mentalität auf höchstes Niveau zu bekommen, wird jedes Spiel schwer zu gewinnen sein. Ich erwarte von unseren Spielern, dass sie den Ehrgeiz haben, sich sowohl persönlich, als auch für den Verein zu verbessern. Wir müssen für den Erfolg arbeiten und kämpfen.