25. Mai 2022 / 07:21 Uhr

Erfolgsrezept für die French Open? Wie Angelique Kerber ihre neue Lockerheit antreibt

Erfolgsrezept für die French Open? Wie Angelique Kerber ihre neue Lockerheit antreibt

Klaus Bellstedt
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Angelique Kerber steht bei den French Open in Runde zwei.
Angelique Kerber steht bei den French Open in Runde zwei. © dpa
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Anstatt sich hohe Ziele zu setzen, will Angelique Kerber ihre Turniere einfach genießen. Das Konzept geht zum Auftakt bei den French Open auf. Beim Grand-Salm-Turnier in Paris gilt es nun herauszufinden, wie nachhaltig dies sein wird.

Auf dem kleinen Nebenplatz Nummer sechs auf der Anlage im Stade Roland Garros kochte die Stimmung an diesem kühlen Montagabend in Paris über. Angelique Kerber hatte gerade auch den zweiten Matchball bei ihrem Erstrundenmatch bei den French Open gegen sich abgewehrt, als es das Publikum nicht mehr auf seinen Sitzen hielt. Deutschlands beste Tennisspielerin hatte das drohende Aus mit dem denkbar schwersten Schlag abgewendet.

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Einen ansatzlosen Stoppball hatte Kerber geradezu über das Netz gezittert. Ihre Gegnerin Magdalena Frech aus Polen erlief den Ball zwar noch, konnte diesen aber nicht im Spiel halten. Die Szene war der ultimative Wendepunkt eines Matches, das für Kerber wie eine Achterbahnfahrt verlief und das sie nach fast zweieinhalb Stunden Spielzeit unter dem tosenden Jubel der vielen deutschen Fans mit 2:6, 6:3 und 7:5 schließlich doch noch gewann.

Sie habe heute ihr Herz auf dem Platz gelassen, so die 34-Jährige hinterher. Selten hat man Kerber zuletzt so emotional gesehen. "Ich habe die Atmosphäre heute einfach nur genossen. Es war unglaublich", sagte sie und rang noch immer um Worte. Und wirklich: Ohne die Unterstützung der Zuschauer, die sie im dritten und entscheidenden Satz nach jedem Punktgewinn frenetisch anfeuerten, hätte die Deutsche dieses sagenhaft spannende Spiel wohl nicht gewonnen. Es sind genau diese Momente, die die Weltranglisten-17. braucht, um wieder richtig Freude am Tennis zu haben und – in der Folge – dann auch ihre besten Leistungen abzurufen.

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Schon in der Woche vor Beginn des zweiten Grand-Slam-Turnier des Jahres hatte Kerber mit dem Gewinn des Sandplatzevents in Straßburg ein sportliches Ausrufezeichen gesetzt. Damit war aus zwei Gründen nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Erstens verliefen die vergangenen Wochen und Monate für die Linkshänderin alles andere als optimal und zweitens ist der langsame rote Belag keineswegs Kerbers Lieblingsuntergrund. "Einen Titel auf Sand zu gewinnen, ist für mich immer noch etwas Besonderes", sagte sie im Anschluss an das Turnier in Straßburg. Mit Rückenwind war sie nach Paris gereist – wenngleich ohne echte Erwartungen. Wann immer sie sich sportliche Ziele setze, ginge das sowieso schief, hatte Kerber vor Roland Garros noch gesagt. Es ginge ihr jetzt in erster Linie darum, "jeden Tag zu genießen".

Kerber-Krise im Karriere-Herbst

Viel zu genießen, gab es für Kerber zuletzt nicht. Etliche Erstrundenniederlagen, so wie bei den Australian Open zu Beginn der neuen Saison, pflasterten ihren Weg. Viele Beobachter fragen sich dann immer schnell: Was hat eine, die so viel erreicht hat, wirklich noch im Tank? Was treibt Kerber im Herbst der Karriere noch an? Schafft sie vielleicht sogar noch mal den ganz großen Wurf und gewinnt ein Grand-Slam-Turnier? Die letzte Frage ist nur schwer zu beantworten. In Wimbledon scheinen die Chancen traditionell größer als hier in Paris. Was sie antreibt, ist aber klar: Es sind diese Emotionen und Szenen vom Montagabend.

"Ich mache das alles nur noch für mich, aus Leidenschaft für den Sport. Das ist schon neu", hatte die dreifache Major-Siegerin zuletzt in einem Interview mit Sports Illustrated Deutschland gesagt. Sie brauche die ganzen Reisen nicht mehr unbedingt, aber vor Publikum zu spielen, die Energie auf dem Platz zu spüren, das sei mit nichts zu vergleichen. Es sind ein paar Dinge, die Kerber umgestellt hat und die sie nun versucht, gewinnbringend einzusetzen – für ihr Tennisspiel, aber auch für ihr eigenes Leben.

Sie trainiert weniger, dafür intensiver. Sie spielt auch weniger Turniere und konzentriert sich auf die größeren Wettbewerbe. Wie nachhaltig das alles sein wird, werden schon die nächsten Tage in Roland Garros zeigen.