23. Februar 2022 / 08:07 Uhr

Erinnerungen an Leipziger Basketballer Noah Berge: "Er war einfach ein großer Mann"

Erinnerungen an Leipziger Basketballer Noah Berge: "Er war einfach ein großer Mann"

Christian Dittmar
Leipziger Volkszeitung
Noah Berge (li.) und sein Freund Franz Leonhardt (re.) beim Training.
Noah Berge (li.) und sein Freund Franz Leonhardt (re.) beim Training. © Ernesto Uhlmann
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Der Abschied fiel Franz Leonhardt nicht leicht. Doch der Leipziger weiß, dass sein langjähriger Freund und ehemaliger Teamkollege Noah Berge nach seinem assistierten Suizid im Herzen immer bei ihm bleiben wird. „Denn er hat ja versprochen, dass er auf uns aufpasst.“

Leipzig. Er ist sich sicher, dass Noah Berge ihm gerade zusieht, erzählt Franz Leonhardt. „Denn er hat ja versprochen, dass er auf uns aufpasst.“ Vor knapp einer Woche ist der gebürtige Zwenkauer im Alter von nur 23 Jahren per assistiertem Suizid aus dem Leben geschieden – und bleibt doch dauernd präsent. „Bei jedem Menschen, den Noah kannte, hat er seine Spuren hinterlassen“, sagt sein Freund.

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Schicksalsschlag in Jena

Schon als Gegner auf dem Basketballfeld lernten sich Berge und Leonhardt – Ersterer für den USC Leipzig, Letzterer für die Niners Chemnitz – im Kindesalter kennen. „Ich habe ihn direkt wahrgenommen und mir gedacht ‚Der kleine Guard da macht ordentlich Terror’“. Später wechselte Berge aufgrund seines großen Talents an den Standort Chemnitz und ging mit Leonhardt zusammen aufs dortige Sportgymnasium. Sie wurden beste Freunde, sprachen über alles, auch über Beziehungsprobleme. Das gegenseitige Vertrauen sei immens gewesen, erinnert sich Franz Leonhardt. „Wir gaben uns auch Spitznamen. Ich war bei ihm bis zuletzt als SVB, also Super-Vanille-Bär, eingespeichert.“

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Auch nachdem sich die Wege zwischenzeitlich getrennt hatten, blieb der Kontakt eng. Berge ging 2017 für ein Jahr nach Dresden und danach nach Jena zum Studieren. Leonhardt wiederum begann ein Studium in Leipzig und schloss sich dem USC an, wo er später Kapitän wurde. Dann kam der 4. Oktober 2018. Noah Berge war auf dem Heimweg von einer Studentenparty, als er in der Jenaer Innenstadt von einer Straßenbahn erfasst wurde. Er selbst konnte sich später nicht mehr an den Verlauf erinnern, wahrscheinlich war es eine Verkettung unglücklicher Umstände.

„Er wollte dieses unbewegliche Leben nicht mehr“

Franz Leonhardt war einer der ersten, die vom Schicksalsschlag erfuhren. „Meine erste Reaktion war die Erleichterung, dass er überlebt hat.“ Wenig später wurde eine Lähmung abwärts des Halses diagnostiziert, lange lag Berge im Koma. „Aber schon kurz danach zeigte sich, was für ein großer Kämpfer und Athlet Noah ist, als er sich quasi selbst vom Beatmungsgerät wegtrainierte.“

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Und Noah Berge kämpfte weiter. Er zog zurück in die alte Heimat nach Leipzig, wo er ein neues Studium anfing. Bei den Uni-Riesen besuchte er bis zum Beginn der Corona-Pandemie jedes Heimspiel, in dieser Saison wurde er zusätzlich Co-Trainer. Für seine Freunde organisierte er zudem alles Mögliche, vom Studium bis zu Partys. „Er hat sich so viel Selbstbestimmtheit wie möglich erarbeitet“, betont Leonhardt.

Und doch war da natürlich weiter diese Lähmung. Im vergangenen Sommer reifte die Entscheidung zum Abschied. „Er wollte dieses unbewegliche Leben nicht mehr“, erklärt sein Freund. „Er wollte wieder frei sein.“ Die Entscheidung sei dabei ein langer Prozess und wohlüberlegt gewesen. Wieder war Leonhardt einer der ersten, die darüber informiert wurden. „Er hat dabei alle abgeholt in dem Sinne, dass man dazu keine Fragen mehr hatte.“

Andenken soll bewahrt bleiben

Der Besuch eines Bundesliga-Spiels der Niners in Chemnitz und eine gemeinsame Silvesterfeier in Leipzig zählten zu den letzten gemeinsamen Highlights. Und dann war es so weit. „Das war schon eine bizarre Situation: Man weiß, dass die geliebte Person bald sterben wird, was es gleichzeitig einfacher und schwieriger macht.“ Berge nutzte dafür einen Sterbehilfeverein, den letzten Schritt musste er allein gehen – umgeben von seinem engsten Kreis.

Noah Berge im Jahr 2017 im Einsatz für die Dresden Titans.
Noah Berge im Jahr 2017 im Einsatz für die Dresden Titans. © imago images

„Keiner hat dabei gedacht, dass der Abschied für immer ist“, sagt Leonhard. „Jeder hat seine Erinnerungen an Noah, an seine Ehrlichkeit, seine Loyalität, sein Engagement für andere. Das war schon immer so und durch den Umgang mit seinem Schicksal noch mehr. Er war einfach ein großer Mann.“

Noah Berges Andenken soll bewahrt bleiben. So sollen möglichst große Spenden für die Stiftung „Wings for Life“ (Rückenmarksforschung) und den Verein „Wolfsträne“ (Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche) eingenommen werden, für die sich seine Mutter Claudia engagiert. Schon bei den vergangenen Heimspielen seiner ehemaligen Teams aus Leipzig, Dresden und Chemnitz gab es Schweigeminuten, die nächste Regionalliga-Partie des USC gegen Neustadt/Aisch am 5. März soll dann ganz im Zeichen des Verstorbenen stehen. Das Rahmenprogramm dazu werde gerade noch erarbeitet, möglichst viele Wegbegleiter sollen dann in die Brüderhalle kommen. Noah Berge wird auf jeden Fall dabei sein, das weiß sein Freund Franz Leonhardt.

Anmerkung der Redaktion: Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Bitte suchen Sie sich Hilfe. Die Telefonseelsorge erreichen Sie rund um die Uhr kostenlos und anonym unter der 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222. Die Seelsorge wird auch über einen Chat bereitgestellt.

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