30. Mai 2021 / 20:35 Uhr

Erst Rot, dann Wolfsburger Jubel: "Dafür macht man Mannschaftssport!"

Erst Rot, dann Wolfsburger Jubel: "Dafür macht man Mannschaftssport!"

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Almuth Schult flog nach diesem Foul vom Platz, am Ende jubelte der VfL dennoch.
Almuth Schult flog nach diesem Foul vom Platz, am Ende jubelte der VfL dennoch. © imago images/Ulrich Hufnagel
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Glücklich waren alle - aber ganz besonders glücklich war Almuth Schult. Nachdem die Torhüterin im Finale um den DFB-Pokal vom Platz geflogen war, machte ihr Team noch den 1:0-Siegtreffer.

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Am Tag vor dem Finale hatte Almuth Schult gesagt, dass ein eigener Fehler nicht so wichtig sei - wenn am Ende der Sieg stünde. Die Torhüterin ahnte nicht, wie sehr sie damit die Geschichte dieses Finals vorwegnehmen würde. Mit 1:0 nach Verlängerung gewannen die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg am Sonntag das Endspiel um den DFB-Pokal gegen Eintracht Frankfurt. Ewa Pajor erzielte in der 117. Minute den entscheidenden Treffer, der VfL durfte zum siebten Mal in Folge die Trophäe in die Höhe stemmen.

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Nach dem am Ende vielleicht dramatischsten der sieben Endspiel-Siege (insgesamt waren es acht) lagen sich die Spielerinnen in den Armen, es wurde gehüpft, getanzt, aber auch geweint. Denn für Akteurinnen wie Lena Goeßling, Ingrid Engen, Fridolina Rolfö, Friederike Abt, Zsanett Jakabfi und Lara Dickenmann war es der letzte Pokal-Auftritt im VfL-Trikot, sie alle werden den Verein im Sommer verlassen.

Schult: "Muss ich besser lösen"

Für Schult, die aufgrund einer Finger-Verletzung von Stammtorhüterin Katarzyna Kiedrzynek wieder zur Nummer 1 geworden war, war es die erste Rote Karte ihrer Karriere. "Zum einen ist es emotional, wenn man der Mannschaft so schadet, aber meine Gefühle sind jetzt einfach nur Dankbarkeit für diese Mannschaftsleistung", so die Zwillings-Mama, die weiß: "Das muss ich einfach besser machen und lösen." An den Platzverweis, da ist sie sich sicher, wird sie sich noch ein Leben lang erinnern. Aber glücklicherweise "sitzt es aufgrund des Ausgangs nicht so tief. Dafür macht man Mannschaftssport, wenn man ein Tief hat, wird man da rausgeholt. Auf der Pressekonferenz habe ich noch gesagt: ,Wenn ich einen Fehler mache und wir trotzdem gewinnen, ist es trotzdem ein schöner Tag'."



Dass sie nun in die Mannschaftskasse einzahlen muss, stört Deutschlands ehemalige Nummer 1 nicht, denn was am Ende überwiegt, ist der stolz. "Man hat jetzt nicht gesehen, dass wir dann eine Spielerin weniger auf dem Platz hatten. Wir haben verdient gewonnen und über 90 Minuten auf ein Tor gespielt, auch wenn Frankfurt zwei Konter-Chancen hatte", resümierte Schult weiter. Der VfL habe "aufopferungsvoll gekämpft und es ist einfach toll, mit so einer Mannschaft zusammen zu spielen."

Torfrau Friederike Abt, die nach der Saison zu Bayer Leverkusen wechseln wird, musste nach dem Schult-Rot ran. Vergangenes Jahr war sie im Elfmeterschießen gegen die SGS Essen die gefeierte Heldin, diese Saison musste sich die 26-Jährige jedoch überwiegend hinten anstellen. Spielpraxis sammelte die gebürtige Bielefelderin in den vergangenen Wochen in der U20, ihr letztes Pflichtspiel in der Profimannschaft hatte sie im Dezember gespielt. Schult lobt: "Ich habe mir überhaupt keine Sorgen gemacht, denn sie hat unter anderem letztes Jahr schon gezeigt, was sie kann. Ich habe mich sehr für sie gefreut, dass sie reinkommt und noch ein Spiel machen kann, bevor sie den VfL im Sommer verlässt."

Abt: "Wusste sofort, was jetzt passiert"

Abt selbst gab sich nach Abpfiff unaufgeregt: "Emotional war ich die ganze Zeit im Spiel drin, da wir von Außen die ganze Zeit unterstützt haben. Und da ich mich auch mit aufwärmen durfte, war ich immerhin etwas warm." Für den Kopf war es zwar nicht einfach, direkt hochzufahren, aber "ich denke, es ist mir gut gelungen. Man rechnet natürlich nicht damit, aber als ich das Foul gesehen habe, wusste ich sofort, was jetzt passiert und bin losgelaufen." Auch sie lobte die Mannschaftsleistung. "Als ich reinkam und mich direkt auf den Freistoß einstellen musste, habe ich kurz an das letzte Pokalfinale gegen Essen gedacht, wo es auch kurz vor Schluss einen gab und der zum 3:3 führte. Ich habe zugesehen, dass meine Mauer gut steht und ich den Fehler nicht wiederhole, mich zu früh zu bewegen..."

Oberdorf: "Kriege Grinsen nicht aus dem Gesicht"

Während die Pokal-Sammlung einiger Spielerinnen bereits groß ist, war der Triumph in Köln für andere aber auch eine Premiere. VfL-Nationalspielerin Lena Oberdorf stand auch Vorjahr im Finale - damals allerdings noch im Trikot der SGS Essen, die nach Elfmeterschießen unglücklich gegen Wolfsburg verlor. "Ich kriege das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht. Dieses Mal sind es zum Glück keine Tränen. Ich bin total happy", so die 19-Jährige nach Abpfiff, und weiter: "Pokalspiele sind immer eklig, da ein einziger Fehler entscheidend sein kann. Ich hatte die ganze Zeit ein gutes Gefühl, dachte mir bei der Roten Karte aber kurz: Scheiße, jetzt wird es eng." Doch die Mannschaft fand die passende Antwort und "ich habe immer an den Sieg geglaubt"!

Lerch: "Unfassbarer Siegeswille"

Wolfsburgs Trainer Stephan Lerch wechselt nach der Saison vom Frauenfußball in den männlichen Jugendfußball und nimmt viele Erfahrungen mit - eine jedoch nicht. Im Pokal hat der 36-Jährige als Co- sowie Cheftrainer noch kein einziges Spiel verloren. "Ich kann selber noch nicht in Worte fassen, wie es in mir aussieht. Das war ein kräftezehrendes Spiel, sehr aufregend und sehr unterhaltsam. Die Dramaturgie war wieder voll drin", so der 36-Jährige. Seine Mannschaft habe von der ersten Minute an das Spiel kontrolliert und Druck gemacht. "Ich hatte immer das Gefühl, dass das Tor nur eine Frage der Zeit ist. Wir wussten aber auch, dass Frankfurt über sich hinauswachsen kann. Im zweiten Durchgang haben sie eine kämpferische Leistung gezeigt."

Je länger das Spiel lief, je mehr sprach auch gegen den VfL, so Lerch: "Wie die Mannschaft dann noch über den Willen dieses Spiel entschieden hat, macht mich einfach unglaublich stolz. Auch in Unterzahl hat sie toll reagiert, Gas gegeben und sich Chancen erspielt." Der "unfassbare Siegeswille" charakterisiere sein Team, obwohl "uns der eine oder andere Stein in den Weg gelegt wurde. Wir kriegen diesen Platzverweis und agieren nach dem Motto: Jetzt noch mehr. Es war eigentlich nicht mehr viel Kraft im Tank, und dann holen die Spielerinnen noch diese paar Prozent für den mannschaftlichen Erfolg raus - das ist einmalig." Unterm Strich "haben wir das Spiel, wenn man den gesamten Verlauf sieht, verdient gewonnen und sind froh, dass wir uns belohnen konnten."

Auch Oberbürgermeister und Frauenfußball-Fan Klaus Mohrs freute sich: „Meine Begeisterung ist kaum in Worte zu fassen. Ihr habt, sage und schreibe, zum achten Mal den Pott nach Wolfsburg geholt. Das ist eine unglaubliche Leistung, die gar nicht genug gewürdigt werden kann."