14. Februar 2020 / 08:30 Uhr

"Es heißt immer: ,Ihr werdet eh Meister'" - Lena Goeßling im großen SPORTBUZZER-Interview

"Es heißt immer: ,Ihr werdet eh Meister'" - Lena Goeßling im großen SPORTBUZZER-Interview

Jasmina Schweimler
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Im Interview: Lena Goeßling vom VfL Wolfsburg.
Im Interview: Lena Goeßling vom VfL Wolfsburg. © imago images/regios24
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Hoffenheim ist stark, die Bayern verstecken sich, der DFB-Rücktritt war gut, und das Karriere-Ende 2021 ist nicht sicher: Zum Ende der Winterpause in der Frauenfußball-Bundesliga redet Lena Goeßling vom VfL Wolfsburg im großen SPORTBUZZER-Interview Klartext.

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Die Winterpause ist vorbei, die Frauenfußball-Bundesliga startet am Wochenende mit dem 14. von 22 Spieltagen in das neue Kalenderjahr. Zum Auftakt gibt es heute gleich das absolute Spitzenspiel: Tabellenführer, Meister-Favorit und Titelverteidiger VfL Wolfsburg tritt um 19.15 Uhr bei Überraschungs-Verfolger 1899 Hoffenheim an, Eurosport überträgt live. Vor dem Spiel spricht Lena Goeßling (33), Routinier des VfL, im großen AZ/WAZ-Interview über den ersten Gegner, die Lage der Liga und ihre eigene Karriere.

Frau Goeßling, am Freitag treten sie zum Top-Spiel der Frauen-Bundesliga, Erster gegen Zweiter, bei 1899 Hoffenheim an. Hätten Sie das vor der Saison so erwartet?

Ich glaube, vor der Saison haben wir alle – auch ich – an einen Zweikampf zwischen Bayern und dem VfL geglaubt. Dass Hoffenheim jetzt oben mitspielt, finde ich richtig gut. Das ist spannend und macht viel Spaß. Es geht schon um relativ viel. Wenn wir gewinnen, können wir uns etwas distanzieren. Das wäre ein gewisses Polster und gegen München spielen wir erst am vorletzten Spieltag. Klar, da sind noch schwierige Aufgaben dazwischen, aber wenn wir unsere Hausaufgaben machen, kann das schon ein großer Schritt in die richtige Richtung sein.

Trauen Sie es Hoffenheim zu, dauerhaft oben mitzumischen?

Sie haben eine konstante Hinrunde gespielt, also warum sollen sie jetzt nicht auch eine konstante Rückrunde spielen? Es ist natürlich immer schwierig zu sagen, wie man aus der Winterpause kommt. Keiner weiß, wo man steht. Ich würde mir wünschen, dass es auch über die Saison hinaus so bleibt. Es ist ja nicht auszuschließen, dass sie zukünftig dann auch international spielen, immerhin gibt es bald einen dritten Startplatz in der Champions League. Das heißt aber auch, dass Hoffenheim seine Philosophie unter Umständen ein bisschen ändern muss, um auch international erfolgreich zu sein. Dann kann man nicht nur auf den Nachwuchs setzen, sondern sie müssen den Kader möglicherweise auch in der Breite qualitativ aufstocken.

Wie bewerten Sie denn die verteilten Rollen hinter dem VfL? Die Münchnerinnen haben bereits sechs Punkte Rückstand.

Sie haben mit Jens Scheuer einen neuen Trainer. Ein neuer Trainer bringt ja auch immer neue Impulse mit, vielleicht muss sich das alles noch ein bisschen einspielen. Sie haben aber unglaubliche Qualität in der Mannschaft und viele deutsche Nationalspielerinnen in ihren Reihen. Ich finde, dann kann der FC Bayern auch den Anspruch haben, Meister zu werden. Ich verstehe oft nicht, warum man sich dort in den letzten Jahren immer ein bisschen hinter uns versteckt und so getan hat, als wären sie mit uns nicht auf Augenhöhe.

Lena Goeßling: Karriere in Bildern

In der U 17 spielte Goeßling erstmals für Deutschland, später gehörte sie auch zur U-19-Nationalmannschaft Zur Galerie
In der U 17 spielte Goeßling erstmals für Deutschland, später gehörte sie auch zur U-19-Nationalmannschaft ©
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2018 mahnten Sie bereits, die Frauen-Bundesliga wäre insgesamt schlechter geworden.

Die Spiele sind im Endeffekt weiterhin eindeutig und die Unterschiede zwischen den Mannschaften teilweise zu groß. Ich bin gespannt, wohin die Tendenz geht. Wenn ich mich mit Außenstehenden unterhalte, heißt es immer: „Ihr werdet doch eh wieder Meister und holt den Pokal.“ Das ist halt nicht schön, denn das zeigt doch, dass die Menschen insgesamt gelangweilt sind, weil es immer wieder das Gleiche ist. Aber genau das ist nicht selbstverständlich und es ist der Lohn unserer harten Arbeit, dass wir diese Saison zum sechsten Mal in Folge den Pokal gewinnen und zum vierten Mal in Folge Meister werden können.

Dementsprechend schwierig scheint es auch, Top-Spielerinnen in die Liga zu locken…

Bei uns in Wolfsburg passiert immer etwas, wir holen immer wieder gute Spielerinnen, die man vielleicht nicht so auf dem Schirm hatte. Ein gutes Beispiel ist da jetzt auch Ingrid Engen, die voll eingeschlagen ist. Das vermisse ich aber in anderen Vereinen. Ich habe das Gefühl, dass es die Spielerinnen eher aus Deutschland wegzieht und wir in der Liga verteilt nicht mehr so viele Top-Spielerinnen haben. Auch der VfL bleibt davon nicht verschont. Uns verlassen zur neuen Saison auch wieder Top-Spielerinnen, die einen großen Stellenwert im Team genießen. Aber unser Sportlicher Leiter Ralf Kellermann setzt immer alles daran, dass neue Spielerinnen kommen, die das mit uns auffangen können. Das beweisen wir dieses Jahr auch, denn nach den Abgängen von Nilla Fischer und Caroline Hansen haben sich auch viele gefragt, wie sich das auswirken wird.

Heißt das konkret, dass der Frauenfußball in Deutschland weiterhin stagniert?

Es muss viel passieren. Vernünftige Stadien sind ein Anfang, die Anlage beim SC Sand beispielsweise ist wirklich nicht mehr zeitgemäß. Dann braucht es vielerorts richtige Trainingsstrukturen, da ist noch so viel möglich. In England kann man jedes Ligaspiel in einer App live sehen – so etwas würde unserer Liga auch gut tun. Die ganzen großen Vereine müssen jetzt endlich mal ernst machen, damit es in Deutschland vorangeht. Beim Pokal-Achtelfinale gegen die Bayern waren zum Beispiel auch nicht einmal 1500 Zuschauer – und an dem Wochenende war wohlgemerkt keine Männer-Bundesliga.

VfL-Frauen in Portugal - Die Bilder aus dem Trainingslager

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Es gab ja neuerdings die Diskussion rund um Borussia Dortmund, dabei ist beim BVB noch nicht sicher, ob die Frauen Voll-Profis sein könnten.

Entweder machen sie es vernünftig, oder gar nicht! Es bringt keinem etwas, nur eine Frauenmannschaft zu gründen, um sagen zu können: Jetzt haben wir eine. Mit Ernsthaftigkeit meine ich auch, dass Leute dahinterstehen, die nicht nur reden, sondern auch einfach Macher sind. Bei uns hat man es auch richtig gemacht. Als ich hier angefangen habe, haben wir uns noch nebenan in einer Garage umgezogen und wenn man jetzt sieht, wie weit wir gekommen sind, sagt das viel aus.

Sie sind seit 2011 beim VfL, letztes Jahr haben sie Ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben. Was hat sich konkret für Sie geändert?

Für mich war der Rücktritt das Beste, was mir passieren konnte. Davon abgesehen, dass ich viel mehr Freizeit habe, verspüre ich nicht mehr so viel Druck. Ich kann mich voll und ganz auf den Verein konzentrieren, fühle mich so fit wie eigentlich noch nie. Mir macht es hier weiterhin total Spaß.

Wie hat sich Ihre Rolle beim VfL über die Jahre hinweg verändert? Angefangen haben Sie im defensiven Mittelfeld, jetzt sind sie Innenverteidigerin.

Früher habe ich immer gesagt, ich will auf gar keinen Fall Innenverteidigerin spielen (lacht). Das war für mich keine Option. Aber ich fühle mich jetzt hinten total wohl. Ich bin schon so viele Jahre hier und kriege viel Spielzeit, wovon ich nicht ausgegangen bin, wenn man bedenkt, dass immer wieder neue Spielerinnen kommen und andere sich weiterentwickeln. Die Konkurrenzsituation hat mich noch besser gemacht. Ich bin wirklich stolz darauf.

Sie haben wettbewerbsübergreifend 216 Spiele im VfL-Dress absolviert. Wie viele dürfen noch dazukommen?

Ich habe noch ein Jahr Vertrag, lassen Sie mich kurz rechnen, auf wie viele Spiele ich noch kommen könnte (lacht). Aber jetzt ernsthaft: Ich habe wirklich keine Ahnung. Ich fokussiere mich auf das Hier und Jetzt und verfolge meine sportlichen Ziele. Zum Beispiel den Gewinn der Champions League. Die letzten Jahre haben wir als Ziel ausgegeben, ins Finale zu kommen. Jetzt sage ich aber ganz klar, dass es mir nicht reicht, nur ins Finale zu kommen. Ich will den Pott auch noch einmal gewinnen.

Ist 2021 definitiv Schluss?

Das habe ich zwar mal gesagt, aber ich weiß nicht, was in der Zukunft passiert. Ob ich mir vielleicht eine Familie wünsche, obwohl ich mir das gerade konkret gar nicht vorstellen kann. Es kommt aber auch auf den Verein an und wie der VfL plant. Ich habe aber schon Pläne für die Zukunft und bin vorbereitet auf die Zeit nach der Karriere.

Wäre ein Trainerschein etwas für Sie?

Das wird sich erst zeigen, wenn ich wirklich mit dem aktiven Sport aufhöre, denn ich kenne es ja gar nicht ohne Fußball. Es kann ja schon sein, dass ich den Fußball dann nach einiger Zeit vermisse und sage, ich will Individualtrainerin werden oder so. Es gibt viele Möglichkeiten, im Fußball zu bleiben. Aber das ist nicht mein Hauptgedanke.

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