14. Februar 2021 / 21:07 Uhr

Es knirscht im sächsischen Judo: Olympiasieger Udo Quellmalz nicht mehr Landestrainer

Es knirscht im sächsischen Judo: Olympiasieger Udo Quellmalz nicht mehr Landestrainer

Frank Schober
Leipziger Volkszeitung
judo
Udo Quellmalz (r.) mit Trainer Mike Göpfert. © Christian Modla
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Dunkle Wolken ziehen auf. Nach dem Wegfall des Bundesstützpunktes, folgt eine drastische Mittelkürzung. Genauer gesagt handelt es sich um 80.000 Euro. Aber es gibt auch schon Signale seitens des LSB, dass dies noch etwas abgepuffert werden soll. Dennoch endet infolgedessen der Vertrag mit der Leipziger Judo-Ikone Udo Quellmalz schon nach einem reichlichen Jahr.

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Leipzig. Trotz allem spricht er seinen Schützlingen Mut zu und ermuntert sie, ihren Weg weiterzugehen. Doch Udo Quellmalz ist frustriert – und konnte dies in den letzten Tagen und Wochen nicht verbergen. Als Olympiasieger, Weltmeister, Supervisor des Weltverbandes IJF und erfolgreicher Auswahltrainer in Österreich und Großbritannien gehört der Judoka zu den größten Persönlichkeiten, die seine Sportart in Deutschland hervorgebracht hat.

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Als der 53-Jährige vor einem reichlichen Jahr als Leitender Landestrainer gewonnen wurde, empfanden ausnahmslos alle diese Personalentscheidung als Segen und (letzte) Chance für das sächsische Judo nach Jahren des sportlichen Abstieges. Doch Ende Februar endet nun sein Vertrag, vergangenen Freitag hatte Udo Quellmalz seinen letzten Arbeitstag.

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Der Hauptgrund fürs abrupte Ende: Die deutsche Spitzensportreform trifft die Basis mit ganzer Härte. Zwar investiert der Bund mehr Mittel in den Leistungssport, doch diese werden an einigen wenigen Standorten konzentriert eingesetzt. So steht es im Papier, so wird es umgesetzt. Es gibt Standorte wie Berlin, Potsdam, München oder Köln, die im Judo profitieren. Wo Gewinner sind, gibt es Verlierer: Die trainieren auf der Tatami der Leipziger Nordanlage.



Halbe Stelle abgelehnt

Die Kündigung des Quellmalz-Vertrages sprach der Judoverband Sachsen (JVS) aus, dies hat zunächst nichts mit weniger Bundesmitteln zu tun. Der Deutsche Judo-Bund (DJB) beteiligt sich sogar bis 2024 zur Hälfte an der mischfinanzierten Trainerstelle von Mike Göpfert, der zeitgleich mit Quellmalz im Herbst 2019 seine Arbeit aufnahm. Lutz Pitsch, der im erzgebirgischen Thum selbst einen Judo-Verein betreibt, ist im JVS als Vizepräsident für die Finanzen und den Leistungssport zuständig. Der 65-Jährige hatte mit Kürzungen der öffentlichen Mittel gerechnet, da Leipzig am 1. Januar den Status Judo-Bundesstützpunkt verloren hat und die Sportart vom Landessportbund (LSB) von der B- in die C-Kategorie abgestuft wurde.

Ihn habe der Schlag getroffen, als er Mitte Dezember die Größenordnung der Kürzung für 2021 erfuhr: 80.000 Euro! Zwar gibt es inzwischen Signale des LSB, dass die Mittelstreichung noch abgepuffert wird. Doch die Stelle des Leitenden Landestrainers ist weg. „Unser Verband wäre in die Insolvenz gegangen, wenn wir nicht reagiert hätten“, so Pitsch.

Udo Quellmalz hatte nicht viel Zeit zu überlegen, ob er für eine halbe Stelle weiterarbeitet. Er lehnte dies ab, „so sehr ich meine Arbeit liebe und mit dem Herzen dabei bin“. Ihn ärgert, dass er seine Top-Talente (spätestens) nach dem Abitur abgeben muss. U21-Meister wie die Geschwister Yara und Lennart Slamberger seien massiv unter Druck gesetzt worden, an einen BSP zu wechseln – bei Androhung des Verlustes der Bundeskaderförderung. Judo in Sachsen werde nun für Misserfolge vor seiner Zeit bestraft. „Unsere aktuellen deutschen Meistertitel und EM-Tickets in der U18, U21 und U23 wurden nicht in die Bewertung aufgenommen.“ Grund ist Corona, denn in vielen Sportarten kam das Wettkampfsystem zum Erliegen.

Niemand übernimmt Verantwortung

LSB-Generalsekretär Christian Dahms bedauert, dass die Verbände erst vor dem Jahreswechsel über ihre Zuschüsse aus dem Topf Talententwicklung erfahren haben. „Das ist ein ungünstiger Zeitpunkt.“ Doch die Zuarbeit über die sportliche Entwicklung seitens des DOSB sei coronabedingt erst im Dezember erfolgt. Der LSB beobachte im sächsischen Judo-Nachwuchs seit 20 Jahren einen Leistungseinbruch bei deutschen und internationalen Meisterschaften. Auch schon 2004 bis 2012, als Annett Böhm und Kerstin Thiele (beide JCL) bei Olympia mit Bronze, Rang fünf und Silber heimkehrten und mit ihren Leistungen vieles kaschierten. Der LSB arbeite mit öffentlichen Mitteln und müsse sich an sein Leistungssportkonzept halten.

An der Basis in Leipzig können viele nicht verstehen, dass im JVS niemand die Verantwortung für den sportlichen Abwärtstrend übernimmt. Pitsch will diesen nicht an einer oder einigen wenigen Personen festmachen. „Die Gründe sind vielschichtig. Ein Trainer wie Norbert Littkopf war einfach nicht zu ersetzen. Andere Trainer sind an den Bundesstützpunkt Köln abgezogen worden. Die Zusammenarbeit mit den Verbänden Thüringen und Sachsen-Anhalt hat nicht wie gewünscht funktioniert. Und es gibt auch gesellschaftliche Gründe.“

Christian Dahms blickt über den Judo-Tellerrand und sagt: „Wie es funktionieren kann, sehen wir im Schwimmen.“ Da kam der große Knall mit Wegfall des BSP-Status vor vier Jahren. Inzwischen hat Frank Embacher eine starke Gruppe mit Olympiakandidaten nach Leipzig geholt. Der Unterschied zum Judo: Der sächsische Trainer muss seine Spitzenschwimmer nicht abgeben, wird von der aktuellen DSV-Führung akzeptiert und gehörte bei der WM 2019 sogar zur Teamleitung.

Mike Göpferts Stelle bleibt

Lutz Pitsch war viele Jahre DJB-Vizepräsident und weiß: „Eigentlich sollte nicht der Stützpunkt Leipzig, sondern der in Frankfurt/Oder gestrichen werden. Doch die Landesregierung in Brandenburg war sehr aktiv und hat trotz der Nähe zum Stützpunkt Berlin ihr Leistungszentrum erfolgreich verteidigt und nach Potsdam verlegt.“ Pitsch sieht im sächsischen Judo weitere dunkle Wolken aufziehen: „Auch die Sportstättenfinanzierung droht wegzufallen. Und seitens des DJB wird fast alles Geld in Olympia gesteckt.“ Die EM-Qualifikationsturniere für Daniel Herbst (JC Leipzig) in Israel und Prag sind finanziell nicht voll gesichert. Ein Judo-Wochenende an der Moldau koste inklusive mehrerer PCR-Coronatests mal eben 1500 Euro.

Udo Quellmalz versucht, seine Judoka trotzdem zu motivieren: „Sie sollen sich an mir ein Beispiel nehmen. Ich habe in den 90er-Jahren viel allein trainiert.“ Von der Bildfläche will er nicht verschwinden, aber er wolle zunächst Abstand zu gewinnen.

Dass Daniel Herbst und Emil Hennebach gerade in Kienbaum ein nationales Kaderturnier gewannen, nennt „Quelle“ einen versöhnlichen Abschluss. Medizinstudent Hennebach sagt: „Für so vieles ist Geld da – aber für eine einfache Trainerstelle nicht. Udo wird uns fehlen. Er ist ein toller Mensch und eine Persönlichkeit, er hätte mit seiner Autorität und Ausstrahlung noch viel bewegen können.“ Der 22-Jährige nennt auch einen positiven Fakt: „Wir haben Ende 2019 zwei neue Trainer bekommen. Zum Glück bleibt uns Mike Göpfert erhalten. Mike und Udo waren für uns ein Dream-Team.“

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