28. Mai 2021 / 14:00 Uhr

"Es war zu viel Taktik im Spiel": RB Leipzigs Fans ziehen Saison-Bilanz

"Es war zu viel Taktik im Spiel": RB Leipzigs Fans ziehen Saison-Bilanz

Elena Boshkovska
Leipziger Volkszeitung
Im Heimspiel gegen den FC Schalke 04 waren 8500 Fans zugelassen.
Im Heimspiel gegen den FC Schalke 04 waren 8500 Fans zugelassen. © dpa
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Wer sagt, dass Fangesänge nur auf den Rängen zur Stimmung beitragen? Bei einigen Anhängern von RB Leipzig hallten die Lieder durch die Wohnzimmer, wurde das Trikot vor dem TV-Schirm getragen, gingen die Diskussionen über Spielsituationen und Ergebnisse virtuell weiter. SPORTBUZZER-Reporterin Elena Boshkovska hat mit einigen von ihnen gesprochen und sie um ein ganz persönliches Saisonfazit gebeten.

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Leipzig. Ganze viermal hatten sie die Chance, ihrem Team in der heimischen Red-Bull-Arena die Daumen zu drücken, sofern sie eines der wenigen Tickets ergattert hatten. Ansonsten blieben Fernseher und Couch. Hier erlebten RB Leipzigs Fans starke Auftritte, feierten Siege, litten bei Niederlagen mit. Hier erlebten sie die Abgänge von Coach Julian Nagelsmann und Sportdirektor Markus Krösche, die Doppel-Pleite gegen Liverpool in der Champions League, das sportlich schlechteste Saisonviertel der Vereinsgeschichte (nur elf Punkte aus neun Spielen), dennoch die Vize-Meisterschaft, schließlich die 1:4-Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund.

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Fangesang im Wohnzimmer

Für die RB-Anhänger ist in der Rückschau längst nicht alles schwarz. „Das Bemerkenswerte war das Aufbäumen der Mannschaft nach Rückstand. So bleibt mir der 3:2-Sieg gegen Mönchengladbach (nach 0:2-Rückstand) als positivstes Spiel in Erinnerung“, sagt Ronny Wardetzki von den Sportfreunden Leipzig. Aber er erinnert sich auch an die schwächeren Leistungen des Teams von Julian Nagelsmann. „Das schlechteste Spiel und vermutlich entscheidend gegen die Meisterschaft war die Niederlage gegen Mainz 05. Nicht weniger traurig waren die Spiele gegen den BVB. Mit Fansupport wäre sicher noch der ein oder andere Sieg drin gewesen.“ Umso mehr freut sich der Dauerkarteninhaber darauf, „wieder im Fanblock B meines Herzenvereins“ stehen zu dürfen und hofft, dass die neue Saison auch wieder Zuschauer auf den Rängen der Red-Bull-Arena zulässt.

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Nichtsdestotrotz habe er alle Spiele im Fernsehen verfolgt. „Bei mir daheim aber auch bei meinen Eltern sowie Schwiegereltern standen SkyGo oder DAZN auf dem Programm. Das Bier schmeckte mir wie im Stadion, aber die Atmosphäre… war eben eine andere“, so Wardetzki. Die Unterstützung für die Roten Bullen habe deshalb nicht gelitten. An den Spieltagen stimmte er gemeinsam mit seinem Sohn schon früh am Morgen Fanlieder an, trug zu jeder Partie das entsprechende Heim- oder Auswärtstrikot, den Fanclub-Schal und den Tagesschal mit dem Namen von RB Leipzigs Abwehrchef Dayot Upamecano.



Spiele werden heiß Diskutiert - aber nur virtuell

Für Claudia Leutholdt vom Fanclub Red Campus war die Partie gegen Hertha BSC im Oktober 2020 eine ganz besondere. „Zum Einen, weil damals schon in der Luft lag, dass dies das letzte Spiel mit Zuschauern sein könnte. Diese Atmosphäre habe ich aufgesogen. Und wir haben ja gegen die Hertha auch gewonnen, was mir als gebürtige Berlinerin immer ein besonderes Fest ist.“ Auch Fanclub-Kollegin Friederike stand im Herbst im Cluster in der Red-Bull-Arena und hat die Mannschaft angefeuert. Bei beiden Heimspielen, die sie live erleben durfte, gewann RB. „Die restlichen Spieltage habe ich fast alle per Sky zu Hause oder im Garten verfolgt. Es war eine ganz andere Saison, als sonst, wo ich dank meiner Dauerkarte fast alle Heimspiele im Sektor B verfolgt habe. Mir haben auch die Auswärtsfahrten gefehlt, die für mich persönlich immer ein Highlight waren.“

„Für mich waren die regen Diskussionen an jedem Spieltag in unserer WhatsApp-Stammtischgruppe sehr prägend", so Leutholdt weiter. "Manche Spielsituationen oder Ergebnisse müssen eben schon mal heiß diskutiert werden, genau wie der Abgang von Julian Nagelsmann“, sagt sie. Den habe sie besonders schade gefunden, freue sich jetzt aber schon auf die kommende Saison mit Jesse Marsch als Trainer, „der hoffentlich wieder den schnellen Umschaltfußball mit Pressing nach vorne voran treibt, welcher mir in den letzten Spielen unter Nagelsmann gefehlt hat“.

Abgang von Nagelsmann überstrahlt die Gesamtlage

Sebastian Stier von den Holy Bulls empfand die Saison sogar als „richtig gut“: „Wir haben im DFB-Pokalfinale gestanden, sind Zweiter in der Bundesliga geworden und in der Champions League weit gekommen“, bilanziert er die Spielzeit 2020/21. Besonders in Erinnerung werden ihm die Spiele im Dezember des vergangenen Jahres bleiben, darunter das 4:3 gegen Istanbul Basaksehir, das 3:3 gegen den FC Bayern München und das 3:2 gegen Manchester United. Gab es einen besonders hervorstechenden Spieler? Eine schwere Frage. „In der ersten Halbserie war es eindeutig Angelino“, sagt er. In der Rückrunde hätten ihn Christopher Nkunku und Dani Olmo überzeugt. „Leider überstrahlt der unglücklich kommunizierte Abgang des Trainers die Gesamtlage“, bedauert Stier.

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<b>Tino Vogel:</b> In RB Leipzigs erster Fußballsaison (2009/10) überhaupt, agierte Tino Vogel als Cheftrainer, bevor es für ihn über die U19 in die zweite Mannschaft von RB ging. Nachdem er am Saisonende 2016 die U23 abgeben musste, übernahm das Urgestein des Clubs die Aufgabe als RB-Scout. Zur Galerie
Tino Vogel: In RB Leipzigs erster Fußballsaison (2009/10) überhaupt, agierte Tino Vogel als Cheftrainer, bevor es für ihn über die U19 in die zweite Mannschaft von RB ging. Nachdem er am Saisonende 2016 die U23 abgeben musste, übernahm das Urgestein des Clubs die Aufgabe als RB-Scout. ©

Olmo und Nkunku haben auch Katrin von Red Campus überzeugt. „Sie waren für mich am spannensten, da sie aus meiner Sicht immer eine sehr konstante Leistung gezeigt haben und es Spaß macht, den beiden zuzuschauen.“ Aber auch für die alteingesessenen Roten Bullen hat sie Lob übrig. „Am besten fand ich tatsächlich Willi Orban und Peter Gulácsi. Er ist einfach einer der besten Torhüter der Liga und Orban für mich der RB-Spieler, der am meisten unterschätzt wird.“ Enttäuscht habe sie hingegen Justin Kluivert: „Er ist eher so ein Tänzer als ein wirklich knallhart effektiver Fußballer. Aber bei ihm sehe ich noch Potential nach oben.“ Auch von Angelino sei sie nicht wirklich begeistert gewesen. „Ich weiß nicht, was hinter den Kulissen passiert ist, aber seine Leistung war für mich sehr labil und daher schwer einzuschätzen.“

Mario Pinckert von den Vollzahlern schätzt den kleinen Spanier hingegen als einen der besten Spieler, und das obwohl Angelino nach seiner Verletzung in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr wirklich an seine Leistungen aus der Hinrunde anknüpfen konnte. Eher enttäuscht sei er hingegen von Alexander Sørloth gewesen, von dem er sich deutlich mehr erhofft habe. Auch er warf sich übrgens für die Spiele vorm Fernseher in Schale, vor allem zum DFB-Pokalfinale habe er die komplette Fanmontur ausgepackt. An der Saison habe ihn aber dennoch etwas genervt: „Es war zu viel Taktik im Spiel.“