22. Februar 2018 / 17:31 Uhr

ESBD-Präsident Hans Jagnow: „In fünf Jahren wird eSports in jedem Haushalt eine Rolle spielen“

ESBD-Präsident Hans Jagnow: „In fünf Jahren wird eSports in jedem Haushalt eine Rolle spielen“

Angelo Freimuth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Zuschauermagnet eSports - Für ESBD-Präsident Hans Jagnow ist das nur der Anfang.
Zuschauermagnet eSports - Für ESBD-Präsident Hans Jagnow ist das nur der Anfang. © imago/Hanneck
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Der Chef des eSports-Verbandes ist überzeugt, dass sein professionelles Gaming eine goldene Zukunft hat. Im Interview sprach Hans Jagnow außerdem über Olympia, die Kritik von DFB-Präsident Reinhard Grindel und die Anerkennung als Sportart durch die kommende Große Koalition.

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Die Gründung des eSport-Bundes Deutschland (ESBD) im November 2017 war ein echter Meilenstein im deutschen eSports. Erstmals ist das professionelle Gaming damit in einem Dachverband organisiert, der die Interessen von Vereinen und Spielern in Politik und Sport vertritt.

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Wegbereiter und Sprachrohr des frisch gegründeten Verbandes ist Hans Jagnow. Der studierte Jurist engagiert sich im 1. Berliner eSport-Club e.V. und arbeitet zudem als persönlicher Referent zum Thema Digitalisierung und Netzpolitik im Berliner Abgeordnetenhaus. Im Interview mit dem SPORTBUZZER sprach der ESBD-Präsident über die Anerkennung des professionellen Gamings als Sportart, die Zukunft des eSports und die Olympia-Chancen.

Das sagt Reinhard Grindel über eSports

Herr Jagnow, DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte unlängst: „E-Sport kann Vereinssport in keinster Weise ersetzen. Fußball gehört an die frische Luft und auf den Rasen. Der Fußball schafft Orte für Gemeinschaft. Das ist der größte Wert des Fußballs.“ Was würden Sie erwidern?

Wir reden über eSports, nicht über Fußball. eSports hat nicht das Ansinnen, Fußball zu ersetzen. Es macht bei Herr Grindel fast den Eindruck, als ob eSports eine neue Form wäre, die unabhängig vom Konzept „Sportverein“ laufen würde. Das ist aber de facto nicht der Fall. eSports-Vereine wollen mitnichten klassische Vereinsstrukturen Strukturen ablösen, sondern sich in diese integrieren.

Die Meinung, eSports sei kein Sport, ist allerdings in vielen Köpfen noch vorhanden. Dazu kommt Kritik, dass Videospiele zum Beispiel unsozial oder aggressiv machen würden – Stichwort „Killerspiele“. Sind solche Urteile für Sie nachvollziehbar?

Sie sind nicht nachvollziehbar, aber auch nicht mehr zeitgemäß. eSports ist in vielen Disziplinen als Mannschaftssport ausgelegt und schafft es, mit seiner Begeisterung, die er auslöst, Menschen zusammenzubringen und das sogar tagtäglich international. Da sind wir vielen Sportarten um Einiges voraus. Auch die Frage nach der körperlichen Betätigung ist überholt. eSports ist sicherlich kein Ganzkörpersport, aber es ist eine Präzisions-Sportart und man kann es sehr gut vergleichen mit, zum Beispiel, dem Motorsport. Athleten haben ein entsprechendes Anforderungsprofil, er muss eine hohe Konzentrationsleistung aufbringen und muss dafür auch körperlich und geistig fit sein.

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Die Championship Series von League of Legends beginnt. Wir stellen euch die Teilnehmer und Teams vor. ©

Anders als Herr Grindel steht die voraussichtlich kommende Große Koalition dem eSports aufgeschlossen gegenüber und will diesen als Sportart anerkennen. Was würde sich damit für den eSports in Deutschland verändern?

Grundsätzlich ist eine Anerkennung – vor allem im Amateur-Bereich - damit verknüpft, dass es eine steuerliche Privilegierung über die Gemeinnützigkeit gibt. Dazu eröffnet sich, gerade in den einzelnen Bundesländern, die Möglichkeit der Sportförderung. Auf der anderen Seite haben wir im Profi-Bereich dadurch die Möglichkeit, international zum Leuchtturm zu werden und Deutschland im internationalen Vergleich angemessen vertreten zu können.

​Die Overwatch League wurde 2017 von Spieleentwickler Blizzard Entertainment gegründet und ist nach dem Vorbild anderer US-amerikanischer Profi-Ligen gestaltet. 12 Teams - jedes vertritt eine Großstadt in den USA oder weltweit - kämpfen in einer regulären Saison und schließlich in Playoffs um den Titel im Multiplayer-Shooter.

Für die Overwatch League wurden bewusst Teams mit Ortsbindung gegründet. Werden wir das bald auch in Deutschland auf Profi-Ebene sehen oder werden örtlich ungebundene Organisationen wie SK Gaming oder mousesports vorherrschend bleiben?

Diese Entwicklung ist schon im Gange, SK Gaming hat eine Kooperation mit dem 1. FC Köln bekanntgegeben, Schalke 04 hat ein eSports-Team, das auch auf Schalke trainiert. Sie wird sich auch mit dem fortschreitenden Einstieg der Bundesliga-Teams fortsetzen und gleichzeitig haben wir das auch auf regionaler Ebene, wo es Teams gibt, die ganz klar für ihre Stadt einstehen.

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Haben neu gegründete Vereine überhaupt eine Chance, in der professionellen Szene mitzumischen? Schließlich kostet der Unterhalt eines Teams je nach Disziplin bis zu siebenstellige Beträge.

Das müssen sie ja gar nicht, schließlich gibt es nicht den Anspruch, mit einem Amateur-Verein in der weltgrößten Liga mitzuspielen. Der Anspruch besteht vor allem darin, ein gutes, professionelles Training zu ermöglichen und ein Vereinsleben anzubieten, in dem sich Menschen physisch begegnen und ihrem Hobby gemeinsam nachgehen können.

Wie sieht die Zukunft des eSports aus? Wird er den Fußball an der Spitze der Sport-Nahrungskette ablösen?

Da wollen Sie mich jetzt aufs Glatteis führen, den Gefallen werde ich Ihnen und Herrn Grindel sicherlich nicht tun (lacht). Der Sportmarkt wird sich insgesamt sehr deutlich entwickeln. sSports ist eines der Zukunftsformate und wird sich sehr, sehr gut entwickeln. Aber er wird sich nicht auf Kosten anderer Sportarten, sondern daneben entwickeln und mit der deutschen Sportgesellschaft verschmelzen.

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Die Exoten der Olympischen Winterspiele

Der Sportbuzzer präsentiert die Exoten der Winterspiele. Zur Galerie
Der Sportbuzzer präsentiert die Exoten der Winterspiele. ©

In Pyeongchang wurde im Rahmen der Olympischen Winterspiele mit Unterstützung des IOC ein StarCraft-2-Turnier veranstaltet. Ist das ein Zeichen dafür, dass eSports bald Olympische Disziplin wird?

Es ist zumindest ein sehr gutes Zeichen, dass es ein Interesse und Akzeptanz des eSports über den Bereich der Sportsimulation hinaus gibt, aber das heißt nicht, dass das ein Selbstläufer wäre. Im Sommer sagte Thomas Bach, nur Sportsimulationen hätten eine Chance, bei Olympia zu landen. Das ist definitiv nicht unserer Vorstellung. Wenn ein Meinungsbildungs-Prozess abgeschlossen ist, können wir darüber reden, wie eine Integration aussehen kann oder ob es ein ganz eigenes Format geben sollte.

Also ein eSports-Olympia?

Das könnte eine Möglichkeit sein.

Das Turnier in Pyeongchang hat übrigens eine Frau gewonnen. Das war allerdings eine große Ausnahme, eSports ist – Stand jetzt – eine Männer-Domäne. Dabei gibt es allein in Deutschland laut statista.com 16 Millionen Spielerinnen. Warum gibt es dann kaum weibliche Profis und was kann getan werden, damit sich das in Zukunft ändert?

Der Erfolg von Sasha „Scarlett“ Hostyn hat gezeigt, dass die Differenz nicht in der sportlichen Leistung liegt. Grundsätzlich ist es auch ein Kultur-Problem: Dort, wo sich Männer untereinander organisieren, entsteht der berechtigte Eindruck eines Männer-Klubs. Daran müssen wir organisatorisch und strukturell arbeiten. Wir planen ein verbandsinternes Netzwerk, in dem sich Frauen aus dem eSports organisieren, Probleme besprechen und Anregungen an die Verbandsführung geben können. Eine Unterteilung, zum Beispiel von Ligensystemen, in Männer und Frauen wäre nur Augenwischerei, weil sich damit das Problem nicht löst.

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In nahezu allen anderen Sportarten gibt es im Wettbewerb aber die Unterteilung von Frauen und Männern. Kann eSports da Vorreiter sein?

Wir sind eine Sportart, die wie keine andere Zukunft ausdrückt. Wir sind eine Sportart des 21. Jahrhunderts, es wäre fatal, wenn wir im Gesellschaftsbild des 19. Jahrhunderts festhängen. Wenn das klappt, können wir auch ein Beispiel für andere Sportarten sein.

Abschließend: Was ist Ihre Prognose, wie steht der eSports in fünf Jahren dar? Ist er Olympisch? Stammgast im Fernsehen? Neuer Kronprinz des deutschen Sports hinter Fußball und vor Handball, Basketball und Co.?

eSports wird in jedem Haushalt eine Rolle spielen. Das wird in fünf Jahren die Realität sein. So wie sie heute in fast jedem Haushalt über Fußball sprechen, werden sie auch über eSports in jedem Haushalt sprechen. Es wird eine Begeisterung herrschen, die um ein Vielfaches größer ist als das, was wir heute schon erleben.