26. April 2020 / 12:14 Uhr

"Die beste Zeit meines Lebens": Ex-Scorpions-Coach Kevin Gaudet blickt gern zurück

"Die beste Zeit meines Lebens": Ex-Scorpions-Coach Kevin Gaudet blickt gern zurück

Dirk Herrmann
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kevin Gaudet blickt mit sehr viel Dankbarkeit auf seine Zeit in Mellendorf und Hannover zurück.
Kevin Gaudet blickt mit sehr viel Dankbarkeit auf seine Zeit in Mellendorf und Hannover zurück. © Ulrich zur Nieden
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"Mellendorf, ein kleiner Standort, und plötzlich spielst du gegen die Großen aus Köln, Berlin oder München." Kevin Gaudet blickt voller Dankbarkeit auf die Zeit beim ESC Wedemark, aus dem später die Hannover Scorpions, zurück. Der SPORTBUZZER hat sich mit dem 56-jährigen Kanadier unterhalten.

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In Zeiten von Ausgangsbeschränkungen lässt Kevin Gaudet seinen Blick gern gelegentlich in die Ferne schweifen. Wenn er in seiner Wohnung in Bad Tölz aus dem Fenster schaut, kann der Kanadier von dort aus die Alpen sehen. Ein Panorama, das zum Innehalten einlädt und für manche Entbehrungen in diesen Tagen des Zuhausebleibens ein wenig entschädigt. „Wegen Corona stoppt die ganze Welt, so etwas kannte man bisher nur aus Filmen im Kino“, sagt Gaudet. Er ist aber überzeugt: „Wenn das alles vorbei ist, dann wird die Dankbarkeit, wieder normal leben zu können, größer sein.“

Viele Erinnerungsstücke in der Wohnung

Die kleinen Dinge des Alltags zu wertschätzen, sei für ihn von großer Bedeutung, sagt der 56-Jährige. In seiner Wohnung in der oberbayerischen Kurstadt zwischen Starnberger See und Tegernsee hat Gaudet, seit einem Jahr bei den Tölzer Löwen in der DEL 2 beschäftigt, deshalb auch mehrere Erinnerungsstücke platziert, die ihn oft an die Zeit denken lassen, als ihn in seinem Beruf als Eishockeytrainer noch kaum jemand kannte. 1991 hatte sich Gaudet dem ESC Wedemark angeschlossen, dem er viele Jahre treu blieb. „Ich war noch jung und zum Anfang selbst noch Spieler.“ Heute sagt er: „Es war die beste Zeit meines Lebens.“

Kevin Gaudet war der Mann, der den bei seinem Amtsantritt gerade in die Oberliga aufgestiegenen ESC, aus dem später die Hannover Scorpions hervorgegangen sind, auf die große Eishockeybühne hievte. „In fünf Jahren haben wir es bis in die DEL geschafft, das war eigentlich fast unmöglich“, blickt er zurück. „Mellendorf, ein kleiner Standort, und plötzlich spielst du gegen die Großen aus Köln, Berlin oder München. Wir hatten eine hervorragende Mannschaft, jedes Jahr war ein besonderes, es war wirklich Spaß pur.“ Und jede Saison habe ihn auch als Trainer „ein Stück besser gemacht“.

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Für die Fans war Gaudet nicht nur der Architekt des ESC-Erfolges, er ist für sie zudem stets der Trainer zum Anfassen gewesen. Begegneten sie ihm in seinen Wedemärker Lieblingsrestaurants Firenze oder Höpershof, nahm er sich die Zeit, ein wenig mit ihnen zu plaudern. In der Diskothek neben dem Mellendorfer Eisstadion kam es vor, dass Gaudet hinter dem Tresen stand und die Partygäste bediente. „Ich habe damals alles mitgemacht“, sagt er schmunzelnd über das, was ihn mit seiner Wahlheimat langfristig verbinden sollte. Auch nach der Trennung im Jahr 2000, und den anschließenden zwei Comebacks bis 2006, riss der Kontakt zu den Scorpions nie ab. „Mindestens einmal im Monat telefonieren wir miteinander und tauschen uns aus“, sagt deren Sportchef Eric Haselbacher.

In Straubing kommt Robin ins Spiel

In den vielen Jahren bei den Wedemärkern machte sich Gaudet einen Namen; 2001 holte ihn der EHC Straubing, 2007 ging es weiter nach Wien zu den Vienna Capitals. In Straubing lernte Gaudet, lange Zeit überzeugter Junggeselle, auf der Suche nach einem Fitnesscoach für den Verein auch seine Frau kennen. Robin Niderost, mit der er seit zehn Jahren verheiratet ist, begleitet ihn seither bei seinen Eishockeystationen als Athletiktrainerin der von ihm gecoachten Männerteams.

In Moncton, Gaudets Geburtsort in Kanada, betreibt sie noch ein eigenes Trainingszentrum – wie fit ihr Mann ist, kann sie also genau beurteilen. „Ich laufe regelmäßig, viermal pro Woche stemme ich Gewichte im Fitnessstudio“, sagt Gaudet. „Ich kann mich ja vor Robin nicht blamieren.“

Kevin Gaudet (links) und seine Frau Robin Niderost.
Kevin Gaudet (links) und seine Frau Robin Niderost. © privat
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Diese Gefahr dürfte bei einem, der auch heute noch Ehrgeiz zu seinen wesentlichen Eigenschaften zählt, nicht allzu groß sein. „Ich bin erfolgsorientiert, liebe es zu gewinnen und hasse es zu verlieren“, sagt Gaudet. „Wer oft gewinnt, hat als Trainer immer einen Job.“ Das galt auch während seines Engagements bei den Bietigheim Steelers, die mit ihm einmal Meister der 2. Bundesliga, zweimal Meister der DEL 2 und zweimal DEB-Pokalsieger geworden sind – ehe aufgrund von Sparmaßnahmen die sechsjährige Zusammenarbeit jedoch endete und Gaudet im Mai 2018 zu den Nürnberg Ice Tigers wechselte.

"Das Leben ist unglaublich"

Bei den Franken musste er indes seine Zelte im gleichen Jahr wieder abbrechen, doch auf eine neue Offerte brauchte nicht lange gewartet zu werden. Und als ihm die Tölzer Löwen einen Vertrag anboten, musste der Trainer unweigerlich an die Saison 1995/1996 denken. Die Best-of-three-Serie um die Meisterschaft der Staffeln Nord und Süd der 1. Liga hatte Gaudet seinerzeit mit dem ESC gegen den EC Bad Tölz mit 6:3, 4:5 nach Verlängerung und 7:2 für sich entschieden – der Klub, dem er damals das DEL-Ticket vor der Nase wegschnappte, wollte ihn nun verpflichten. „Das Leben ist unglaublich“, sagt Gaudet.

Ein paar Jahre her: Kevin Gaudet 1991 hinter der Bande.
Ein paar Jahre her: Kevin Gaudet 1991 hinter der Bande. © Ulrich zur Nieden

Im Mai 2019 sagte er den Löwen zu und machte aus ihnen in der vergangenen Saison trotz eines vergleichsweise kleinen Etats das beste Auswärtsteam der DEL 2. Auch in den Play-offs, die aufgrund der Corona-Krise abgesagt wurden, hätte das Team „eine gute Chance gehabt“, glaubt er.

Eishockeymüdigkeit? Keine Spur!

Seinen Vertrag in Bad Tölz, wo es für ihn von seiner Wohnung mit Alpenblick zur nur ein paar Schlagschüsse entfernten weeArena, dem Eisstadion seines derzeitigen Vereins, zu Fuß etwa zehn Minuten sind, hat Gaudet inzwischen um ein Jahr verlängert. In seiner Freizeit schwingt er des Öfteren den Golfschläger (Handicap 5) – von Eishockeymüdigkeit nach 30 Jahren Trainergeschäft aber nicht die geringste Spur.

Im Gegenteil. Ob er sich vorstellen könne, vielleicht ein weiteres Mal bei den Scorpions anzuheuern? Die Antwort gibt Gaudet ohne auch nur einen Moment zu zögern: „Absolut. Für die Zeit, die ich in der Wedemark hatte, bin ich immer noch sehr dankbar“, sagt der Kanadier. „Dankbarkeit – ich liebe dieses Wort.“