10. Juni 2021 / 21:32 Uhr

Weltmeister Christoph Kramer über seine EM-Favoriten und die deutschen Erfolgschancen

Weltmeister Christoph Kramer über seine EM-Favoriten und die deutschen Erfolgschancen

Imre Grimm
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Christoph Kramer (r.) hat sich zu den Chancen der deutschen Mannschaft geäußert.
Christoph Kramer (r.) hat sich zu den Chancen der deutschen Mannschaft geäußert. © IMAGO/MIS/Moritz Müller
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Vor dem EM-Start am Freitag steigt die Vorfreude - auch bei "ZDF"-Experte Christoph Kramer. Der 30-Jährige glaubt durchaus an eine besondere Atmosphäre in den Stadien und rechnet mit einem besseren Abschneiden der deutschen Mannschaft als noch bei der WM 2018 in Russland. Zudem warnt er aber vor den Underdogs, denen er eine große Rolle im Verlaufe des Turniers zutraut.

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Nur noch wenige Tage, dann startet die Europameisterschaft - mit einem Jahr Verspätung. Weltmeister Christoph Kramer, der während des Turniers als TV-Experte für das ZDF arbeiten wird, erhofft sich einiges von der deutschen Nationalmannschaft. Der 30 Jahre alte Mittelfeldspieler von Borussia Mönchengladbach äußert sich im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) nicht nur über die Erfolgschancen des DFB-Teams, sondern auch über den Reiz der paneuropäischen EM und seine Tätigkeit beim ZDF.

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SPORTBUZZER: Herr Kramer, wie ist Ihre Meinung dazu, in diesen Zeiten eine EM in elf Städten zu veranstalten? Viele sind skeptisch. Wie sehen Sie das?

Christoph Kramer (30): Im Grunde finde ich die Idee einer europaweiten EM schön. Für die Profis dürfte das kein Problem sein, die sind es heutzutage ja gewohnt, viel zu reisen. Aber durch die aktuelle Lage wird das alles natürlich sehr viel schwieriger und mit Strapazen verbunden sein. Das ist natürlich schade.



Glauben Sie, dass sich diese EM normal anfühlen wird?

Hundertprozentig. Ich nehme als Beispiel mal das Finale des FA-Cups am 15. Mai in England, da waren 20 000 Leute im Stadion bei Chelsea gegen Leicester, eine unglaubliche Stimmung. Die EM wird auch sehr schnell eine eigene Dynamik entwickeln. Und auch wenn in diesen eher tristen Zeiten keine richtige Vorfreude aufkommen mag: Es wird eine große Euphorie ausbrechen, sobald wir wieder Menschen im Stadion sehen, die sich freuen, die jubeln. Die feiern dann ja auch, dass die Pandemie gefühlt auf ihr Ende zusteuert und wir diese schwierige Zeit überstanden haben. Es wird uns glücklich machen, im Fernsehen wieder Menschen zu sehen, die sich einfach darüber freuen, dass ihre Mannschaft ein Tor geschossen hat. Da bin ich mir sehr sicher.

Das ZDF erwähnt in der Vorstellung seiner EM-Experten eigens Ihren „Humor und Ihre Redegewandtheit“. Wie viel Humor verträgt denn das Expertendasein?

Na ja. Das höre ich zum ersten Mal. Ich bin jetzt aber sicher nicht dafür da, einen Witz nach dem anderen zu reißen. Ich versuche in erster Linie, die Spiele vernünftig und gut zu analysieren. Aber natürlich gehört Humor zum Leben. Ich bin aber weit davon entfernt, mich irgendwie als Spaßvogel oder Clown zu sehen. Ich glaube, ich kriege den schmalen Grat zwischen Humor und Analyse ganz gut hin.

Auf welche Mannschaften sollte man denn bei dieser EM ein Auge haben? Mit wem ist zu rechnen?

Deutschland, Italien, England, Belgien – es ist eine große Favoritengruppe, zu der für mich auch Deutschland gehört. Und ich warne die ganz großen Nationen wie schon bei der WM 2018 davor, vermeintlich kleinere Mannschaften wie Dänemark zu unterschätzen. Das wird sehr unangenehm, gegen die zu spielen. Auf dem Papier magst du Favorit sein, aber in einem Spiel kann so viel passieren. Das gilt neben den Dänen auch für die Österreicher oder die Schweizer. Deren erste Elf ist eine richtig, richtig gute Mannschaft. Und wir sehen das ja auch in der Bundesliga: Das Leistungsniveau ist eng zusammengerückt. Und in einem einzigen Spiel, ohne Hin- und Rückspiel, kann wirklich eine Menge passieren. Ich glaube, dass die sogenannten Underdogs eine große Rolle spielen werden.

Was glauben Sie: Wie weit kommt die DFB-Elf nach dem Vorrunden-Aus bei der WM 2018?

Jogi Löw hat als Bundestrainer in allen Turnieren bis auf 2018 mindestens das Halbfinale erreicht. Das ist auf jeden Fall drin. Es ist auch mehr möglich. Die Deutschen sind klar Mitfavorit, aber das sind acht oder neun andere Nationen auch. Wenn man so ein Turnier tatsächlich gewinnt wie Deutschland bei der WM 2014, dann hat das auch viel mit Spielglück und Momentum zu tun – auch wenn das keiner hören will. Bei einem solchen Turnier musst du auch mal das ganz große Glück haben wie Deutschland im Achtelfinale der WM 2014 beim 2:1 gegen Algerien mit dem Last-Minute-Tor von Mesut Özil. Ich glaube, dass Deutschland deutlich besser abschneiden wird, als viele das nach der Enttäuschung von 2018 und der aktuell eher mäßigen Stimmung rund um die Nationalmannschaft vielleicht erwarten.

EM 2021: In diesen Stadien wird gespielt

Die Partien der EM 2021 werden in 11 verschiedenen Spielstätten ausgetragen. Der <b>SPORT</b>BUZZER stellt die Stadien vor. Zur Galerie
Die Partien der EM 2021 werden in 11 verschiedenen Spielstätten ausgetragen. Der SPORTBUZZER stellt die Stadien vor. ©

Warum glauben Sie, dass niemand das hören will, dass auch Glück und Momentum wichtig sind?

Weil wir immer für alles Erklärungen suchen. Das ist im Menschen so angelegt. Wenn wir keine Erklärung für eine Niederlage haben, dann sagen wir immer: Die wollten eben nicht genug! Aber ich habe als Profi so viele Spiele erlebt, in denen einfach Glück oder Pech eine Rolle spielten. Im Fußball gibt es eben weniger Tore oder Punkte als im Handball oder Basketball. Du kannst 70 Minuten lang klar besser sein und dreimal den Pfosten treffen – und dann macht der Gegner ein Tor, und du triffst noch zweimal den Pfosten und hast trotzdem verloren. Es ist halt so schwer, mit dem Fuß in dieses Tor zu schießen. In der Bundesliga fallen im Schnitt 3,2 Tore pro Spiel. Das ist nicht viel. Natürlich kann man nicht alles mit Glück oder Pech erklären. Bayern München wird nicht neunmal hintereinander Deutscher Meister, weil sie am meisten Glück haben, sondern weil sie über eine ganze Saison die Besten sind. Aber wenn es um einzelne Spiele geht, wie bei einer EM, braucht man auch Spielglück.

Es hat ja jeder Spieler so seine großen Momente und unvergessenen Anekdoten. Bei Ihnen ist das sicher das WM-Finale 2014, als sie nach einem Zusammenprall mit dem Argentinier Ezequiel Garay eine Gehirnerschütterung erlitten und den Schiedsrichter Nicola Rizzoli benommen fragten: „Schiri, ist das das Finale?“ Werden Sie noch oft darauf angesprochen?

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Eigentlich nicht. Medial gesehen war das damals natürlich super, mein Bekanntheitsgrad ist dadurch deutlich angestiegen. Aber ich hätte natürlich auch gerne einfach ohne Verletzung weitergespielt. Und ich glaube, inzwischen ist die Geschichte auserzählt.

Wäre es Ihnen lieber gewesen, Rizzoli hätte der Gazzetta dello Sport die Anekdote nicht erzählt?

Es gibt sicher Schöneres, als durch eine kuriose Verletzung bekannt zu werden. Aber es war damals eine coole Mediengeschichte, keine Frage. Ich hätte auch prima weiterleben können ohne diese Episode. Schade finde ich im Grunde nur, dass ich nicht mehr spielen konnte.

Tipp: Die komplette SPORTBUZZER-Berichterstattung zur EM 2021 findest Du auch in der superschnellen EM-App von Toralarm. Und folge gerne @sportbuzzer auf Instagram!