31. März 2022 / 16:04 Uhr

Ewald Lienen über die Rolle des Sports und Kritik an Katar-WM: "Das ist verlogen"

Ewald Lienen über die Rolle des Sports und Kritik an Katar-WM: "Das ist verlogen"

Roman Gerth
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der ehemalige Spieler und Trainer Ewald Lienen ist für seine deutlichen Worte bekannt.
Der ehemalige Spieler und Trainer Ewald Lienen ist für seine deutlichen Worte bekannt. © Getty/IMAGO (Montage)
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Ewald Lienen bemängelt, dass sich die Kritik an WM-Gastgeber Katar häufig auf den Sport beschränkt. "Das ist verlogen und das geht nicht“, sagt er im Video-Interview dem SPORTBUZZER. Außerdem spricht der langjährige Profi und Trainer, der aktuell Botschafter des FC St. Pauli ist, über die Nachwuchsarbeit und das Ehrenamt.

Klare Worte sind bei Ewald Lienen nicht ungewöhnlich. Bei den Sepp-Herberger-Awards in Berlin hatte der ehemalige Profi und Trainer beim Bühnentalk bereits Kritik an der Nachwuchsausbildung im deutschen Fußball geäußert. "Wir kümmern uns zu sehr darum, dass alle Kinder sich perfekt in der Abwehrkette bewegen und die Abstände einhalten, bis sie dann die Lust verlieren", monierte Lienen, der als Botschafter des FC St. Pauli einen Preis der DFB-Stiftung Sepp Herberger für das Engagement des Hamburger Vereins für die Resozialisierung junger Strafgefangener entgegengenommen hatte. Im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), führte der Ex-Coach (u.a. St. Pauli, Rostock, Köln, Hannover) weiter aus, was ihn besonders stört.

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Lienen bemängelte vor allem, den Fokus zu wenig auf Charakterbildung und Persönlichkeitsentwicklung zu legen. "Es reicht nicht aus, dass wir Top-Leute ausbilden wollen. 90 bis 95 Prozent derjenigen, die durch die Nachwuchsleistungszentren laufen, haben gar keine Chance, irgendwann im Profifußball zu landen. Was mache ich mit denen? Ich raube ihnen die Jugend, erzähle ihnen alles Mögliche", erklärte der 68-Jährige und fügte an: "Dann habe ich auch die Verantwortung im NLZ, den Leuten etwas mitzugeben, über das technisch-taktische Niveau hinaus." Das komplette Interview mit Lienen über Nachwuchsausbildung, die Rolle des Ehrenamts und eine kritische Auseinandersetzung mit der Haltung gegenüber WM-Gastgeber Katar sehen Sie hier im Video!

„Wir messen mit zweierlei Maß“: Lienen bezeichnet Kritik an Katar-WM als „verlogen“

Die Probleme, die es laut Lienen gibt, seien aber übergeordnet vorzufinden. "Das hat der Fußball nicht exklusiv, das ist nur ein Abbild der Gesellschaft", merkte er an. Die gesellschaftliche Rolle der führenden Sportart in Deutschland will der gebürtige Westfale dabei nicht kleinreden. "Es ist krank, die Weltmeisterschaft nach Katar zu vergeben", betonte Lienen. Klar sei auch, dass "Sportverbände wie der DFB, die UEFA, die FIFA und das IOC eine besondere Verantwortung haben".

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Lienen: "Kritischen Blick ausweiten"

Doch den Botschafter des Kiezklubs stört es, dass "mit zweierlei Maß gemessen" werde. Lienen: "Ich möchte darum bitten, dass man den absolut berechtigten kritischen Blick auf andere Bereiche ausweitet. Wenn der Fußball nach Katar geht, drehen alle durch. Wenn die Wirtschaft nach Katar geht, sagt keiner etwas." Als zweites Beispiel nannte er den Einstieg des Staatsfonds Saudi-Arabiens beim Premier-League-Klub Newcastle United. Außer deren Fans, die auf den Gewinn der englischen Meisterschaft hofften, sei die Aufregung in der Sportwelt groß gewesen. Von den Verstößen gegen die Menschenrechte und dem Krieg im Jemen habe man vorher ebenfalls gewusst – trotzdem mache man "Geschäfte mit ihnen", sagte Lienen.

Die Auseinandersetzung damit muss sich aus seiner Sicht dringend ändern. "Der Sport soll immer total sauber sein – und alles andere nicht? Das ist verlogen und das geht nicht. Ich möchte, dass wir im Sport sauber sind. Aber ich möchte auch, dass wir im Rest der Gesellschaft sauber sind", erklärte Lienen.

Kritik an Vergabe von Sportgroßereignissen

Dabei stehe es aber außer Frage, dass die Vergabe von Sportgroßereignissen angepasst wird. "Warum sind die Olympischen Spiele in Russland und China gewesen? Was erleben wir dort? Was hat eine WM in Brasilien zu suchen, wenn es dem Land nicht hilft?", fragt Lienen. Und er meint: "Es werden Millionen und Abermillionen in Stadien investiert, die später vergammeln. Die Einnahmen kommen der FIFA und den internationalen Konzernen zugute, die die FIFA unterstützen, auch wenn dadurch einzelne Landesverbände unterstützt werden. Großereignisse sollten in Länder gehen, um sie damit zu unterstützen."

Damit unterstreicht er die Forderungen von Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm aus dem RND-Interview von Montag. "Grundsätzlich halte ich es für unabdingbar, dass künftig bei der WM-Vergabe wasserfeste Kriterien festgelegt werden, an die man sich dann auch hält. Das Auswahlverfahren muss transparent sein", hatte Lahm gesagt.