27. März 2020 / 21:00 Uhr

Ex-96-Profi Uli Borowka in Zeiten von Hamsterkäufen: "Gibt zu viele Asoziale in Deutschland" 

Ex-96-Profi Uli Borowka in Zeiten von Hamsterkäufen: "Gibt zu viele Asoziale in Deutschland" 

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Machen
 sich Sorgen: Claudia und Uli Borowka suchen in der Corona-Krise nach Perspektiven – vor allem für die Kinder.
Machen sich Sorgen: Claudia und Uli Borowka suchen in der Corona-Krise nach Perspektiven – vor allem für die Kinder. © Florian Petrow
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Uli Borowka hat es geschafft: Schon mehr als zwanzig Jahre ist der frühere Fußballprofi, der zwischen 1996 und 1997 für Hannover 96 auflief, trocken. Der in Hämelerwald lebende Familienvater hat eine klare Meinung zum Verhalten der Gesellschaft in Zeiten des Corona-Virus.  

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Es ist eine Liebeserklärung. Eine wunderbare Liebeserklärung in Zeiten von Corona. „Und wenn ich wieder nicht weiß wohin mit mir und die Unzufriedenheit Oberhand gewinnt“, schreibt Claudia Borowka bei Facebook, „dann sagt er nur: ,Schatz, es geht uns gut, mach was draus.‘“ Uli Borowka herzt seine Claudia dafür natürlich nicht nur online: „Ich habe eine starke Frau, die mitten im Leben steht. Aber vielleicht bin ich in dieser Extremsituation tatsächlich ein bisschen stärker. Ich habe in der Gosse gelegen, ich weiß, was es heißt, wenn einem das Leben unter den Füßen weggezogen wird.“

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Die zwei Seiten des Uli Borowka

Seine Geschichte ist bekannt. Borowka galt trotz seiner Alkoholsucht als einer der besten Verteidiger seiner Zeit, sie nannten ihn „die Axt“. Als wir ihn in Hämelerwald besuchten, wo er mit seiner Frau Claudia (41) und der gemeinsamen Tochter wohnt und eine kleine „Kreativwerkstatt“ betreibt, erzählte er noch mal die ganze Geschichte: „Ich war 16 Jahre Profi, 16 Jahre alkoholabhängig, 14 Jahre medikamentenabhängig. Ich habe zu meiner Zeit in Bremen am Tag einen Kasten Bier, ’ne Flasche Wodka und ’ne Flasche Whiskey gesoffen.“

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Aber das ist Vergangenheit. „Mein Mann ist seit 20 Jahren trocken. Anfang März feierten wir dieses Jubiläum“, so geht Claudia Borowkas Facebookbeitrag weiter. „Mein Mann ist so beneidenswert diszipliniert. Jeden Tag sitzt er auf dem Hometrainer und erledigt gewissenhaft seine geplanten Tagesprojekte. Ich schwanke mehrmals täglich zwischen meiner To-do-Liste und einer Packung Toffifee XXL auf dem Sofa, gepaart mit grenzenlosem Selbstmitleid.“ Ihr Mann sei heute „ein Vorbild, auch mein Vorbild“.

„Es gibt zu viele Asoziale in Deutschland."

Uli Borowka weiß, was es bedeutet, „Verzicht zu üben, wenn das Leben dich auf eine Probe stellt – ich werde mit Sicherheit gestärkt aus dieser Sache hervorgehen“. Aber: „Ob das für die gesamte Gesellschaft gilt, wage ich zu bezweifeln.“ Er meint damit auch die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft. Borowka geht hart ran – wie früher auf dem Fußballplatz: „Es gibt zu viele Asoziale in Deutschland, da werden Autoscheiben einschlagen, um Desinfektionsmittel zu klauen – ganz zu schweigen von den Diebstählen von Schutzkleidung aus den Krankenhäusern.“ Wenn es heiße, die Corona-Krise hole das Beste und das Schlechteste aus den Menschen heraus – dann habe das Schlechte noch zu viel Spielraum. Das müsse spürbar bestraft ­werden.

Borowka hilft jetzt per Telefon

Auch für ihn sei es schwierig, über die Runden zu kommen: „Lesungen fallen aus, ich versuche, das Beste daraus zu machen. Mit Betroffenen kommuniziere ich jetzt über Telefon, man muss ihnen einen Tagesablauf an die Hand geben, damit sie nicht ins Bodenlose fallen.“ Im Jahr 2013 hat er den Verein „Uli Borowka Suchtprävention und Suchthilfe“ gegründet. Er selbst weiß etwas mit der vielen terminfreien Zeit anzufangen: „Ich habe im Haus genug zu tun, heute habe ich Lampen aufgehängt, ich probiere in der Küche was aus. Heute Abend gibt es Burger, morgen muss der Rasen gemäht werden, ich mache viel Sport.“

Uli Borowka im Interview: Seine Karriere, seine Erfolge, sein Leben

1986: Bevor Uli Borowka (Mitte) zu Werder Bremen ging, schnürrte er für Borussia Mönchengladbach seine Schuhe. Insgesamt lief er 189 für die Fohlen auf. Hier jubelt er mit Michael Frontzeck (rechts) und Jörg Jung (links) über einen Sieg im Europapokal. Zur Galerie
1986: Bevor Uli Borowka (Mitte) zu Werder Bremen ging, schnürrte er für Borussia Mönchengladbach seine Schuhe. Insgesamt lief er 189 für die "Fohlen" auf. Hier jubelt er mit Michael Frontzeck (rechts) und Jörg Jung (links) über einen Sieg im Europapokal. ©

Auch seine alte Liebe Werder Bremen bewegt ihn. Allerdings: „Wenn die Saison abgebrochen wird, dann ist es halt so – Werder würde davon profitieren, weil es dann wohl keine Absteiger gibt. Sportlich würde es Werder meiner Meinung nach nicht schaffen. Aber es gibt Wichtigeres.“ Dass Bundesliga-Fußball eine Spaßveranstaltung sei und ganz hinten anstehe in der Corona-Krise, teilt Borowka nur bedingt. „Das ist auch ein Riesenwirtschaftszweig, es geht um Existenzen. Da hängen Zigtausende Jobs dran – von den Ticketverkäufern bis zur Putzfrau.“ Dass Profifußballer in dieser Zeit auf Gehälter verzichten, sei „eine Selbstverständlichkeit“.

Unverständnis über fehlende Solidarität

Solidarität sei gefordert – auch in der Bundesliga. Dortmund-Boss Hans-Joachim Watzke, der anfangs eine eher ablehnende Position in puncto Unterstützung finanzschwacher Klubs eingenommen hatte, wird von Borowka angezählt. „Watzke hat vergessen, dass Dortmund vor 15 Jahren pleite und praktisch Zwangsabsteiger in die 3. Liga war. Auch mit ein paar Millionen damals aus München gelang die Rettung – und dann sagt Watzke, die Großen sind nicht dazu da, den Kleinen zu helfen. Pfui Teufel.“