12. Mai 2020 / 08:00 Uhr

Ex-Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld über den Luxus des Nichtstuns: "Ich brauche keine Aufgaben mehr"

Ex-Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld über den Luxus des Nichtstuns: "Ich brauche keine Aufgaben mehr"

Isabella Müller-Reinhardt
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Ottmar Hitzfeld trainierte unter anderem den FC Bayern und die Nationalmannschaft der Schweiz. 
Ottmar Hitzfeld trainierte unter anderem den FC Bayern und die Nationalmannschaft der Schweiz.  © imago sportfotodienst
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Ottmar Hitzfeld spricht im Buch „Mensch Trainer“ offen über sein Burnout und den heutigen Luxus des Nichtstuns. Der SPORTBUZZER veröffentlicht exklusiv Auszüge des Buches vorab.

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Trainer sind die entscheidenden Akteure im Profifußball. Sie tragen Verantwortung fürs Ganze, treffen die letzten Entscheidungen – und stehen meist allein für Misserfolg und Fehler gerade. Wie gehen sie mit dem Druck um und schaffen es, dass ihre Spieler für sie durchs Feuer gehen? Die Sportjournalistin Isabella Müller-Reinhardt hat zwölf Trainer getroffen und zeigt in ihrem Buch "Mensch Trainer", wie diese Menschen wirklich ticken. Der SPORTBUZZER druckt exklusive Auszüge. Heute: Ottmar Hitzfeld – die Legende

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Ottmar Hitzfeld ist ein sehr ruhiger Mensch. Er gestikuliert nicht mit den Händen, er verändert seine Sitzhaltung nicht, seine Stimme ist stets ruhig. Doch in seinem Gesicht erkenne ich, dass er jetzt an Dinge zurückdenkt, die ihn belastet haben und noch heute zum Nachdenken bewegen.… Er erzählt vom Double-Gewinn 2003 mit dem FC Bayern und der darauffolgenden Saison. Die sollte sein Leben nämlich ins Wanken bringen. "Ich saß eines Tages alleine im Auto und bekam plötzlich Platzangst. Ich musste rechts ranfahren und das Fenster öffnen. So ein Angstgefühl hatte ich zuvor noch nie erlebt, aber mir war sofort klar, da stimmt etwas nicht. Ich musste mir damals eingestehen, dass ich mich jetzt die ganze Saison über in einen Burnout reinentwickelt hatte."

Hitzfeld: "Ich war einfach nur froh, nicht verloren zu haben"

"Ich war ausgelaugt und hatte keinerlei Freude mehr. Ich konnte mich nicht einmal über ein gewonnenes Spiel freuen. Ich war einfach nur froh, nicht verloren zu haben. Mit den Tabletten verschwand die Platzangst, und ich konnte die Nächte wieder durchschlafen. Aber die Freude und der Spaß kamen nicht mehr zurück. Mit meiner heutigen Erfahrung wäre ich damals sofort als Trainer zurückgetreten. Aber ich habe mich immer an die Hoffnung geklammert, dass diese Phase schnell vorübergeht."

Titel, Tore, Emotionen: Die Trainerkarriere des Ottmar Hitzfeld

Die Karriere von Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld ist mit Titeln gespickt. In dieser Bildergalerie blicken wir auf die Karriere der BVB- und FC-Bayern-Legende zurück. Zur Galerie
Die Karriere von Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld ist mit Titeln gespickt. In dieser Bildergalerie blicken wir auf die Karriere der BVB- und FC-Bayern-Legende zurück. ©

Hitzfelds Burnout liegt mittlerweile gute 15 Jahre zurück, und doch beschäftigt ihn diese Zeit nach wie vor. Ich merke, dass es ihm gut tut, darüber zu reden. Das war 2004 nämlich nicht möglich. "Ich wollte keine Schwäche zeigen. Weder vor der Mannschaft, noch vor der Presse. Aus Angst, dass irgendetwas an die Öffentlichkeit gelangen könnte, habe ich mich nicht mal meinen engsten Freunden anvertraut", erzählt er.

Er vergleicht seine damalige Situation mit der von homosexuellen Spielern. Auch ihnen würde er immer raten, sich erst nach ihrer Karriere zu outen. "Gegnerische Fans nutzen so etwas aus. Die Zeit ist einfach noch nicht reif für so viel Ehrlichkeit."

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Hoeneß zu Hitzfeld: "Du musst uns helfen"

"Nachdem die Bayern zu Hause gegen Bochum nur Unentschieden gespielt hatten, wusste ich sofort, dass Felix Magath als Trainer wackelt, und ich habe zu meiner Frau gesagt: Jetzt gehen wir nach München zurück. Sie fragte mich, ob ich spinnen würde, und ich tat es als kleinen Spaß ab." Am nächsten Tag, es war der 1. Februar 2007, wollte Hitzfeld gerade auf die Skipiste, als sein Handy klingelte und auf dem Display stand: Uli Hoeneß. Er sagte: "Wir haben Magath entlassen. Du musst uns helfen." Hitzfeld: "Ok, ich komme." Ottmar Hitzfeld grinst, und ich spüre, dass ihm dieser Anruf noch heute viel bedeutet und er bis jetzt wichtig für sein Selbstwertgefühl ist. "Mit dieser spontanen Entscheidung damals habe ich mich natürlich selbst überlistet. Aber ich konnte mich wieder über Siege freuen und hatte sogar richtige Glücksgefühle", erzählt er.

… Er konnte loslassen, den Applaus hat er nie vermisst. "Ich brauche keine Aufgaben mehr. Ich kann auch einfach mal nichts tun", sagt Hitzfeld. Er muss sich nicht mehr unter Kontrolle haben oder gar verstellen. Er muss sich nicht rechtfertigen oder erklären. Endlich kann Ottmar Hitzfeld der Mensch sein, der er schon immer gewesen ist.