08. November 2019 / 13:38 Uhr

Ex-DDR-Nationalspieler Burkhard Reich über den Mauerfall: "Haben wir gar nicht mitbekommen"

Ex-DDR-Nationalspieler Burkhard Reich über den Mauerfall: "Haben wir gar nicht mitbekommen"

Ronny Müller
Märkische Allgemeine Zeitung
Der Bremer Stürmer Karlheinz Riedle (l) kommt nicht an den Ball, Dynamo-Verteidiger Burkhard Reich (M) klärt vor BFC-Kapitän Frank Rohde (r). DDR-Fußballmeister BFC Dynamo Berlin gewinnt am 06.09.1988 im Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark das Hinspiel der 1. Runde im Europapokal der Landesmeister gegen Werder Bremen mit 3:0. Das Rückspiel gewinnt Werder fünf Wochen später mit 5:0. Foto: Roland Holschneider  +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit
Burkhard Reich (m.) klärt hier in der ersten Runde des Europapokals 1988 gegen Bremens Stürmer Karl-Heinz Riedle (l.). © Roland Holschneider
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30 Jahre Mauerfall: Burkhard Reich erzählt, wie er den Fall der Mauer erlebte und welchen Film er im Westen das erste Mal sah.

Burkhard Reich gehörte zum auserwählten Kreis, der die DDR wieder auf die Weltkarte des Fußballs bringen sollte. Der Verteidiger des BFC Dynamo wurde Anfang November 1989 in den Kader der DDR-Nationalmannschaft für den Abschluss der WM-Qualifikation gegen Österreich berufen. Schon ein Unentschieden in Wien hätte gereicht, um nach 1974 zum zweiten Mal an einer Weltmeisterschaft teilnehmen zu können.

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Und so versammelte Nationaltrainer Eduard Geyer seinen 18-Mann-Kader in der Sportschule Leipzig. Sie alle einte der Traum von Italien 1990. Am Abend des 9. November ging Burkhard Reich mit ein paar Mitspielern in der Stadt etwas essen. „Dass zwischenzeitlich in Berlin die Mauer fiel, haben wir gar nicht mitbekommen“, erinnert sich der 54 Jahre alte Reich. Erst nach der Rückkehr ins Teamquartier kam Ulf Kirsten angestürmt: „Die Mauer ist auf!“

Das einzige Telefon in der Leipziger Sportschule stand nicht mehr still. „Von dem Augenblick an war das Länderspiel nicht mehr im Fokus“, erzählt der gebürtige Fürstenwalder Reich. „Was auf uns und vor allem die Topspieler einströmte, war nicht mehr feierlich.“ Es sei eine schwierige Situation gewesen, erinnerte sich Ede Geyer viele Jahre später: „Einige Spieler hatten schon Angebote aus dem Westen. Sie wollten natürlich in den Profifußball.“

Weitere Geschichten zur Wende

Burkhard Reich hatte bis dahin eine wechselvolle Karriere hingelegt. Als Zwölfjähriger war er aus Fürstenwalde zum BFC Dynamo gekommen, jedoch schon mit 17 Jahren zurückgekehrt. Erst mit 21 holte ihn Jürgen Bogs zum BFC Dynamo zurück. Ab der Saison 86/87 war der robuste Verteidiger Stammspieler. Am 13. Mai 1987 gab er beim 2:0-Sieg gegen die Tschechoslowakei in Brandenburg (Havel) sein Debüt für die Nationalmannschaft. In der WM-Qualifikation kam Reich jedoch nur beim 3:0 in Island zum Einsatz. Es war das Pflichtspiel-Debüt von Geyer, der dann mit dem 2:1 gegen die UdSSR das Tor nach Italien aufstieß.

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Doch das 0:3 in Wien zerstörte alle Träume. Für Reich war Wien nicht die erste Reise ins kapitalistische Ausland. Sogar in der Bundesrepublik war er mit dem BFC schon gewesen. Am 11. Oktober 1988 verspielten die Berliner den 3:0-Hinspielsieg durch die 0:5-Blamage im Weserstadion. Wie die Ossis von den Verzückungen des Westens – ob Gastgeschenke auf dem Hotelzimmer oder Shoppingtour mit Werder-Rabatt – geblendet waren, ist oft dokumentiert. Auch von Videorekordern waren die DDR-Kicker fasziniert. „Wir haben bis kurz vor der Abfahrt ins Stadion im Hotel den Film Predator mit Arnold Schwarzenegger geguckt“, erinnert sich Reich. „Wir mussten vorspulen, um noch das Ende zu sehen.“

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Das Ende des DDR-Fußballs hätte sich Reich gerne erspart. Doch er hatte keine Angebote, so dass er die Spielzeit 1990/91 in der NOFV-Oberliga mit dem umbenannten FC Berlin absolvierte. „Ich habe mich gefragt, ob ich das Niveau für die Bundesliga habe“, erzählt Reich. Der Karlsruher SC traute ihm diesen Schritt zu und verpflichtete den Abwehrrecken im Frühjahr 1991 für eine Ablösesumme von 450 000 Mark. „Ich bin in der zweiten Welle gewechselt.“ Auch von Hansa Rostock und Dynamo Dresden hatte es lose Anfragen gegeben. Doch Karlsruhe sei für ihn die beste Entscheidung gewesen. „Schließlich bin ich immer noch hier.“

Reich ist inzwischen als Teammanager beim Zweitligisten angestellt. Er erlebte die Hochzeit des KSC in der Bundesliga Mitte der 90er Jahre unter Trainer Winfried Schäfer. Im Wildparkstadion wurden damals rauschende Europapokalnächte gefeiert. Höhepunkt war das 7:0 gegen den FC Valencia im November 1993. Nach der 1:3-Niederlage im Hinspiel drehte der KSC mit vier Toren von Edgar Schmitt auf. Burkhard Reich war im Rückspiel gesperrt, weil er im Hinspiel die zweite Gelbe Karte im Wettbewerb gesehen hatte. Immerhin: Reich hatte sich mit Valencias Star und Doppeltorschützen Ljuboslaw Penew in der Wolle, der in Karlsruhe ebenfalls gesperrt war. Mittlerweile sei Karlsruhe Heimat, sagt Reich, dessen Frau ebenfalls aus Fürstenwalde stammt. Sie haben nicht vor, zurückzugehen.

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