29. Oktober 2021 / 06:04 Uhr

Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger: "Frauen-Bundesliga braucht eine Sonderrolle"

Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger: "Frauen-Bundesliga braucht eine Sonderrolle"

Christoph Brandhorst
Märkische Allgemeine Zeitung
Theo Zwanziger spricht über die Ausgliederung der Frauen-Bundesliga aus dem DFB.
Theo Zwanziger spricht über die Ausgliederung der Frauen-Bundesliga aus dem DFB. © IMAGO/Schüler (Montage)
Anzeige

Frauenfußball: Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger spricht im SPORTBUZZER-Interview über die Lage des deutschen Frauenfußballs im internationalen Vergleich, einen möglichen Ligaverband und seine Beziehung zu Turbine Potsdam.

SPORTBUZZER: Wann waren Sie zuletzt in Potsdam, Herr Zwanziger?

Anzeige

Theo Zwanziger (76): Das ist jetzt schon ein paar Jährchen her. Ich schätze mal, das war zum 75. Geburtstag von Bernd Schröder (2017; Anm. d. Red.). Ich fliege nicht mehr, deshalb bewege ich mich sehr stark hier in der Region. Zu der einen oder anderen Spielerin aus der Zeit, in der ich Fan von Turbine geworden bin, wie Conny Pohlers, Anja Mittag oder Ariane Hingst ergibt sich aber immer mal wieder Kontakt. Man kann sagen: Meine Liebe zu Turbine ist nach wie vor nicht erloschen.

Sie sind immer noch Mitglied beim 1. FFC Turbine. Wann entstand ihre Sympathie für den Club?

Das war bei diesem denkwürdigen Pokalendspiel gegen Frankfurt 2004 in Berlin. Ich war damals noch Schatzmeister des DFB, saß vor dem Fernseher und war begeistert vom Spiel von Turbine. Danach habe ich ein paar SMS verschickt, einen Brief an Anja Mittag geschrieben, die ein tolles Spiel gemacht hatte. Danach war ich öfter in Potsdam oder habe zugeschaut, wenn sie hier in der Region gespielt haben. In dieser Phase bin ich auch Mitglied bei Turbine geworden.

Heute sind Sie Ehrenpräsident des Fußballverbandes Rheinland und haben dessen Antrag für den DFB-Bundestag im März 2022, die Frauen-Bundesliga aus dem Deutschen-Fußball-Bund auszugliedern, maßgeblich mit auf den Weg gebracht. Warum sehen Sie Handlungsbedarf?

Ich bin der Auffassung, man muss der Bundesliga der Frauen eine Sonderrolle geben. Wenn man dafür wirbt, mehr Mädchen zum Fußball zu bringen, darf man die Bedeuutung und die Anziehungskraft der Frauen-Bundesliga nicht unterschätzen, sondern sie intensiv weiterentwicklen. Nur durch Nationalmannschaft und Clubfußball ist die Faszination des Fußballs an die Basis zu vermitteln. Bei den Männern wird das doch deutlich: Nur mit der Nationalmannschaft schafft man nicht über das ganze Jahr hinweg eine Fußballstimmung. Aber es gibt 34 Bundesliga-Spieltage, jede Woche gibt es diese Spiele, die schaffen die Faszination für Fußballfans. Man muss sehen, dass man die Spiele der zwölf Clubs in der Frauen-Bundesliga sichtbarer macht, die Fernsehpräsenz weiter verstärkt. Die Strahlkraft der Liga, in der es wirklich tolle Spiele gibt, muss medial verstärkt und damit auch für Sponsoren attraktiver gemacht werden. Das ist das Ziel, in dem ich auch mit dem DFB übereinstimme.


Wie geht es bis zum DFB-Bundestag weiter?

Zunächst einmal muss man mit den Bundesligaclubs sprechen, es wird Gremiensitzungen beim DFB geben und dann werden wir uns sicher bis Ende des Jahres auf eine Lösung verständigen, die diese Ziele verwirklicht. Ob das in einem eigenen Verband ist, wird man sehen.

Hat der DFB nicht gerade andere Baustellen?

Natürlich gibt es die, und viel schwierigere. Was wir erreichen wollten war, den Stein ins Wasser zu werfen, damit das Thema Frauen-Bundesliga nicht vor dem Hintergrund der Vielzahl an Baustellen im DFB – inhaltlich und personell – verloren geht. Ich glaube, das wird gelingen. Dadurch, dass wir das Thema auf die Agenda gehoben haben, haben wir eine Diskussion darüber herbeigeführt.

Mehr Aktuelles vom SPORTBUZZER

Wie hoch sind die Wellen, die ihr „Stein“ schlägt?

Wenn man das Ziel beschreibt und die Entwicklung erklärt, wie es dazu kommt, sitzt man jetzt schon in einem gemeinsamen Schiff. Es gibt viele beim DFB, die dem Frauenfußball sehr offen gegenüberstehen, das gilt natürlich auch für die Landesverbände und die Frauen-Bundesliga selbst. Das müssen wir zusammenführen, dann werden wir bis zum Bundestag auch ein ordentliches Ergebnis haben, das der Frauen-Bundesliga einen deutlichen Schritt nach vorn ermöglicht. Dass das Thema noch einmal verschoben wird, kann man vor dem Hintergrund der Entwicklungen im internationalen Frauenfußball nicht zulassen.

Wo steht der deutsche Frauenfußball im internationalen Vergleich?

Wir waren mal weiter vorne. Das kann man unschwer erkennen, wenn man die Ergebnisse von Frankfurt, Potsdam oder Wofsburg in den internationalen Wettbewerben sieht. Wenn man feststellt, dass deutsche Nationalspielerinnen verstärkt ins Ausland gehen, nach England, Spanien oder Italien, dann muss man fragen: Haben die bessere Bedingungen? So ist das wohl. Die haben eine stärkere wirtschaftliche Grundlage durch Fernsehverträge und Sponsoren. Wenn man das sieht, muss man sagen: In einem Land, in dem über eine Million Mädchen und Frauen dem Fußball verbunden sind, mehr als es Handballer oder Basketballer in Deutschland gibt, sollten wir versuchen, dass man diesen Anschluss wieder herstellen kann.

Anzeige

Ist die Frauen-Bundesliga, sind vor allem die Clubs stark genug, sich als Liga selbst zu vermarkten?

Wenn man sich entwickeln will, muss man anspruchsvoll arbeiten. Wenn man Angst vor der Arbeit hat, sollte man lieber aufhören. Aber das kann es ja nicht sein. Die Liga braucht natürlich eine innere Kraft. Der Frauenfußball braucht Selbstbewusstsein, um deutlich zu machen: Wir können das, wenn man uns die richtigen Rahmenbedingungen dafür schafft. Es ist doch aber auch völlig klar, dass die Unterstützung des DFB mit einem eigenen Verband nicht geringer werden würde, sondern eher größer. Der eigene Verband hat aber auch seine Risiken, es vielleicht im Moment noch etwas früh dafür. Es gibt Zwischenschritte auf dem Weg dorthin. Aber zunächst einmal muss man anpacken. Entscheidend ist, dass die Liga als sportlich wirtschaftliches Modell sichtbarer wird, dazu braucht man natürlich auch Personen.

Wie meinen Sie das?

Da kann man keine Personen gebrauchen, die viele andere Aufgaben auch erfüllen. Da muss es zum Beispiel eine Ligapräsidentin geben. Da muss es jemanden geben, der an der Spitze der Liga Verantwortung übernimmt, gewählt von den Clubs der Frauen-Bundesliga und von niemand anderem.

Christian Seifert, noch Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, hatte in der Vergangenheit angedeutet, dass der Frauenfußball ein „interessanter Markt“ sein könne. Wäre das ein Modell, das für sie Sinn machen würde?

Da muss ich ein Kompliment an die DFL aussprechen. Der Markt Frauenfußball-Bundesliga wird bei den Männern schon deutlich gesehen. Und natürlich gab es da auch die Überlegung, dass es vielleicht am besten ist, wenn die Frauen dazukommen. Dann gab es aber kluge Vereinpräsidenten, die schon lange Frauenfußball machen, die gesagt haben: Nein, dann passiert das Gleiche wie jetzt beim DFB, dann steht die Frauen-Bundesliga wieder im Schatten anderer Bereiche, die sehr viel mehr Aufmerksamkeit erfahren. Man muss der Liga ein eigenes Profil geben. Das schafft man durch Inhalte und Personen. Deswegen ist dieser Weg mit einem eigenen Verband in der Zielrichtung schon richtig. Da man aber manche Dinge nicht von einen Tag auf den anderen regeln kann, kommt er vielleicht – das räume ich durchaus ein – noch ein Stück zu früh. Es geht darum, das Ziel im Auge zu behalten.

Nationalmannschaftskapitänin Alexandra Popp hat kürzlich im Interview mit dem Kicker gesagt, sie sehe Turbine nicht mehr in der Reihe der Clubs, die oben angreifen können und dass es keine andere Möglichkeit gebe, für mehr Professionalisierung mit den Männern zu fusionieren. Hat sie Recht?

Das ist aus meiner Sicht nicht zwingend. Es gibt Standorte, da war das einfach naheliegend und sinnvoll, etwa in Köln oder Leverkusen. Dass es in Frankfurt nun auch so gekommen ist, liegt ein Stück auch daran, dass Eintracht Frankfurt ein Name ist. Diese Situation gibt es nach meiner Einschätzung in Potsdam nicht. Aber Turbine hat eine riesen Tradition. Und deshalb muss es, wenn man Entscheidungen entwickelt, auch eine faire Chance für Clubs wie Turbine geben. Potsdam hätte in einer Frauen-Bundesliga, die wirtschaftlich insgesamt stärker aufgestellt ist, durchaus eine Chance, weil dort eine exzellente Nachwuchsarbeit möglich ist. Sie sind in der Lage, sich Talente aus Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern zu sichern, haben also ein gutes Talentreservoir. Und es ist ja nicht immer so, dass die Meister werden, die das meiste Geld haben.

Turbine Potsdam hat mit aktuell rund 1200 Besuchern immer noch den zweitbesten Zuschauerschnitt der Liga. Geht es nicht auch darum, die Fans nicht nur vor den Bildschirm, sondern auch ins Stadion zu bekommen?

Das eine bedingt ja das andere. Eine größere Aufmerksamkeit bringt natürlich mehr Leute ins Stadion. Turbine hat da zwei Grundvoraussetzungen, die nicht jeder andere Club in der Liga hat: Der Verein verfügt über die Möglichkeit einer ausgezeichneten Nachwuchsförderung und er hat sich ein Fanpotenzial über Jahre und Jahrzehnte erworben, dass ohne Weiteres so in Hoffenheim oder Wolfsburg nicht gibt. Wenn die Vereinsführung diese Entwicklungen klug aufnimmt, sich auch einsetzt für insgesamt wirtschaftlich bessere Rahmenbedingungen in der Bundesliga, dann wird auch Turbine mit diesem Möglichkeiten profitieren und im Leistungsbereich oben dabei sein.

Sie waren 2011 maßgeblich beteiligt, dass die Frauen-WM in Deutschland stattfand. So enttäuschend wie das deutsche Abschneiden war auch der Effekt für den Frauenfußball. Wo lagen die Versäumnisse?

Wir hatten schon 2006 durch die Männer-WM einen riesiegen Fußball-Boom in Deutschland. Man darf nicht unterschätzen, dass das auch auf die Mädchen ausstrahlt. 2007 wurden unsere Frauen in China Weltmeister. Das war ein Riesenhype für den Frauenfußball, den wir in Vorbereitung auf die WM in Deutschland nutzen konnten. Wir haben in dieser Zeit viele Projekte an der Basis gemacht, es sind Bolzplätze entstanden und vieles andere mehr. Es sind in dieser Zeit auch sehr viele Mädchenfußballmannschaften entstanden. Dann war die WM und das war natürlich auch irgendwo ein Schlusspunkt. Die Projektzeit bis dahin war aber sehr intensiv. Dass das danach wieder abflacht, ist auch ein normaler Vorgang. Umso wichtiger ist es ja, den Leistungsbereich im Frauenfußball sichtbar zu halten, nicht nur durch die Nationalmannschaft, auch durch die Clubs. Es geht darum, immer wieder neue Idole und Vorbilder zu kreieren. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten dafür sind im Vergleich zu 2011 viel größer geworden, die muss man anpacken, man darf sie nicht verschlafen.

2027 soll es neben den Niederlanden und Belgien auch wieder WM-Spiele in Deutschland geben. Welche Chancen birgt die Bewerbung?

Wir haben zunächst 2024 eine Männer-Europameisterschaft in Deutschland, ein Riesenereignis. An der Spitze des Organisationskommittees steht nicht nur Philipp Lahm, sondern mit Celia Sasic auch eine langjährige deutsche Nationalspielerin, die wir im Übrigen für das Präsidium des DFB vorgeschlagen haben. Solche Persönlichkeiten machen die Aufgabenstellungen im Frauenfußball auch sichtbar, deswegen ist das Turnier 2024 auch eine Chance für den Frauen- und Mädchenfußball. Man darf nur nicht zugucken und warten, dass einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Man muss den Schnabel weit aufreißen.