29. August 2020 / 19:01 Uhr

Ex-Handball-Nationaltorhüter Klaus Wöller: Olympia 1984 in Los Angeles war sein Highlight

Ex-Handball-Nationaltorhüter Klaus Wöller: Olympia 1984 in Los Angeles war sein Highlight

David Lidón
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Klaus Wöller hält das Tor der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich sauber.
Klaus Wöller hält das Tor der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich sauber. © imago images/Sven Simon
Anzeige

Klaus Wöller aus Empelde ist einer der erfolgreichsten Handballer aus der Region Hannover. In seiner Karriere sicherte er sich sowohl nationale als internationale Titel. Dass der ehemalige Nationaltorhüter überhaupt im Tor stand, hat der heute 64-Jährige eigentlich nur einem kleinen Zufall zu verdanken.

Anzeige

Timo Kastening hat für sein Alter schon einiges erreicht im Handball. Um jedoch einen Klaus Wöller zu übertrumpfen, muss sich der frühere Burgdorfer noch gehörig anstrengen. Im beschaulichen Empelde der Sechzigerjahre lernte der spätere Torwart das Handball-ABC. Am Ende seiner langen Karriere standen ein Europapokaltriumph, ein DHB-Pokalsieg sowie die olympische Silbermedaille auf der Habenseite. Irgendwo in Melsungen legt ein ­25-jähriger Rechtsaußen womöglich gerade eine Sonderschicht ein, um irgendwann einmal der erfolgreichste Handballer zu werden, den man mit Hannover in Verbindung bringt.

Anzeige

Wie Wöller einst zum Keeper wurde, decke sich mit den meisten anderen Schlussmännern, sagt der heute 64-Jährige. „Da hat mal der Torwart gefehlt, und ich stellte mich einfach rein. Das war genau richtig“, sagt der aus Empelde stammende Athlet, der mit neun Jahren beim ortsansässigen TuS als Feldspieler begonnen hatte. Unter seinem Trainer und Förderer Rüdiger Waldeck ging es für Wöller mit den Lila-Weißen rauf bis in die Oberliga, damals die höchste Spielklasse für A-Junioren. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch der Deutsche Handballbund (DHB) erstmals auf ihn aufmerksam und machte ihn zum Juniorennationalspieler.

Bevor sich der knapp 1,90 Meter große Sportenthusiast für den Handball entschieden hatte, spielte er parallel noch Fußball, Tischtennis und Tennis. „Mit der Schule hatte ich es nicht so“, kommentiert er trocken. Bis zum Abitur auf dem Matthias-Claudius-Gymnasium in Gehrden zog Wöller zur Freude seiner Eltern aber noch durch. „Die Lehrer waren sehr kooperativ, wenn ich zur Jugendnationalmannschaft musste“, erinnert er sich. „Dass ich für die Schulmannschaft gespielt habe, machte es natürlich einfacher“, fügt der Torwart lachend hinzu.

Klaus Wöller heute mit seiner Frau Dagmar.
Klaus Wöller heute mit seiner Frau Dagmar. © privat

Der Weg führt in die Bundesliga

Nach seinem Männerdebüt bei Arminia Hannover klopften schnell die Bundesligisten an. Über die Stationen TV Grambke-Bremen und TV Hüttenberg führte ihn sein Weg zum TuS Nettelstedt, mit dem er 1981 DHB-Pokal und Europapokal der Pokalsieger gewann. „Leider wurde ich nie deutscher Meister, aber die Europapokalfahrten in den Ostblock nach Rumänien und Ungarn oder auch nach Alicante in Spanien waren eine tolle Zeit“, sagt er. Im Finale ging es im geteilten Deutschland in Hin- und Rückspiel gegen den SC Empor Rostock. „In der DDR wurden wir auf Schritt und Tritt von den Vopos (deutsche Volkspolizisten, Anm. d. Red.) begleitet, das war schon komisch. Dennoch konnten wir etwas Kontakt zu unseren Gegenspielern aufnehmen“, berichtet Wöller.

Längst gehörte er seit 1976 neben Andreas Thiel, Stefan Hecker und Siegfried Roch zu den Torhütern der deutschen Nationalmannschaft, für die er bei der Heim-Weltmeisterschaft 1982 im Kasten stand. Dort kam es abseits des Feldes zum Austausch von Sportbekleidung mit den ostdeutschen Kollegen. „Die Russen tauschten Kaviar gegen Bargeld, für das sie dann in den Kaufhäusern shoppen gingen“, erinnert sich Wöller. Sportlich sprang für den gastgebenden Titelverteidiger nur Platz sieben heraus – der sportliche Höhepunkt der Karriere des Empelders sollte zwei Jahre später folgen.

Olympia 1984 in Los Angeles war ein Riesenerlebnis, berichtet er. Das DHB-Team schaute sich in der Freizeit Hollywood an, im Olympischen Dorf verstanden sich die Handballer mit Jürgen Hingsen, Sven Ottke und den Wasserballern von Spandau Berlin prächtig. Im Eröffnungsspiel (21:19) ging es gegen den Gastgeber USA. „Das Publikum kannte die Regeln kaum, stand aber wie ein Mann hinter den Amis“, sagt Wöller. Der Weg der Deutschen führte bis ins Finale, dort hatte Jugoslawien beim 18:17 die Nase knapp vorn. „Die norwegischen Schiris haben unseren Sieg nicht zugelassen“, ärgert er sich noch heute. Dem damaligen Bundestrainer Simon Schobel sagt Wöller noch heute, dass Deutschland Gold geholt hätte, wenn er im Finale komplett auf ihn als Torhüter gesetzt hätte. „Die Jugoslawen lagen mir immer schon“, erklärt er.

Bei der Vorstellung der deutschen Nationalmannschaft für Olympia 1984 in Los Angeles steht Klaus Wöller vor der Nummer 1, Andreas Thiel.
Bei der Vorstellung der deutschen Nationalmannschaft für Olympia 1984 in Los Angeles steht Klaus Wöller vor der Nummer 1, Andreas Thiel. © imago sportfotodienst
Mehr Berichte aus der Region

Mit dem Hexer auf dem Zimmer

Mit seinen Kollegen im DHB-Tor wie dem „Hexer“ Thiel ging die Rivalität aber nicht über das sportliche Maß hinaus. „Wir hatten nie Stress, mit Thiel war ich ja Zimmergenosse. Man trifft sich heute noch“, sagt Wöller. Auf Vereinsebene stand er unter anderem noch bei den Reinickendorfer Füchsen, in Milbertshofen, Düsseldorf und direkt nach der Wende beim HSV Suhl im Tor. Während seiner Zeit in Berlin machte Wöller eine Ausbildung als Werbekaufmann, dann wechselte er in den Versicherungsbereich, wo er immer noch tätig ist.

Der berufliche Weg führte ihn 1993 nach Salach in Baden-Württemberg, dort ließ er sich mit seiner Frau Dagmar und seinen zwei Kindern nieder. Als Mitglied des „WM-Teams 1978“ machte er viele Jahre noch Spiele für die Joachim-Deckarm-Stiftung. Einmal im Jahr treffen sich die Weltmeister von ’78 immer noch, stets zu Fronleichnam, drei Tage lang – wenn die Feier wegen Corona nicht gerade ausfällt. Der junge Wöller saß beim WM-Triumph aber nur auf der Tribüne. „Trainer Vlado Stenzel verzichtete auf mich, weil ich mir nicht alles gefallen ließ, was man sich damals wohl gefallen lassen musste“, sagt der Schlussmann.

Doch auch ohne den WM-Titel kann er auf eine stolze Karriere zurückblicken. Gehörigen Anteil daran hatten seine Jugendtrainer Walter Öhlers und Waldeck in Empelde. „Ohne sie wäre ich nie so weit gekommen“, sagt Wöller, der heutzutage so viel Zeit wie möglich mit seinen zwei Enkelkindern verbringt. Nicht nur dabei wird er oft an den Preis erinnert, den er für seine Profikarriere zur damaligen Zeit zahlen musste. „Zwei Schultern und zwei Hüften sind ersetzt, ein Knie und das Sprunggelenk auch“, berichtet der frühere Torwart von einer Vielzahl an Operationen. Doch das alles sei verschmerzbar, denn „meine Laufbahn im Handball will ich nicht missen.“ Nun ist es an dir, Timo Kastening.