16. Januar 2020 / 10:37 Uhr

Ex-Manager Peter Obermeyer im Interview: So ging ihm Jefferson Farfán für 96 "verloren"

Ex-Manager Peter Obermeyer im Interview: So ging ihm Jefferson Farfán für 96 "verloren"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Peter Obermeyer hat als Manager von Hannover 96 Jefferson Farfán entdeckt, doch die DVD des talentierten Peruaners geriet in falsche Hände. 
Peter Obermeyer hat als Manager von Hannover 96 Jefferson Farfán entdeckt, doch die DVD des talentierten Peruaners geriet in "falsche" Hände.  © Florian Petrow/imago/Montage
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Peter Obermeyer war 1994 nur knappe drei Monate Manager von Hannover 96. Einen Namen machte er sich vor allem im Ausland. Er war 1970 erster deutscher Profi in Chile, arbeitete in 21 Ländern mit Vereins- und Nationalmannschaften sowie als Trainerausbilder. Im Interview lässt er seine kurze und doch ereignisreiche Amtszeit Revue passieren. 

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Peter Obermeyer wohnt abwechselnd in Hannover, Berlin und Santiago, der 78-Jährige spricht Englisch, Spanisch und auch Portugiesisch. Wir haben ihn an seinem alten Arbeitsplatz getroffen, der heute HDI-Arena heißt. „Gegenüber früher ist das ja ein Palast“, sagt Obermeyer.

Herr Obermeyer, wie war das mit Ihnen und 96 damals vor 26 Jahren?

Eines Tages rief mich der Präsident Dieter Braun an. Ich stand gerade unter der Dusche, als meine Frau Katja anklopfte und sagte, dass 96 am Telefon sei. Ein paar Tage später saßen wir bei 96 zusammen und mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich das Angebot ablehnen sollte. Die haben mich dann richtig breitgequatscht, auch meine Frau sagte: Mach das, da lernst du Leute kennen. Dann habe ich es gemacht für vergleichsweise wenig Geld – 5000 Mark plus eine eventuelle Beteiligung bei der Gewinnung neuer Sponsoren. Aber Geld war für mich nie das Wichtigste.

Und dann?

Dann fing das Chaos an. Mit Stasimethoden. Mein Telefon auf der Geschäftsstelle wurde abgehört, ich habe einen Techniker kommen lassen, der hat mir das bestätigt. Und dann schreibt die BILD-Zeitung, ich hätte Michael Schönberg in Berlin vergessen.

Er ist für 500 Mark im Taxi zurück nach Hannover gefahren.

Wir sind damals in Kleinbussen nach Berlin gefahren, ich habe den Busfahrern und Betreuern ganz klar gesagt: Denkt bei Schönberg bitte daran, sein Bein hochzulegen, vergesst das nicht. Er hatte sich verletzt. Wir kommen nach Hause – und Schönberg war schon da. Er hatte sich ein Taxi genommen.

Die Manager von Hannover 96 seit 1996:

<b>Franz Gerber:</b> Der gebürtige Münchener war gleich zweimal als 96-Manager im Amt. Das erste Mal von 1996 bis 1999 und nach seiner zwischenzeitlichen Tätigkeit als 96-Trainer ein weiters Mal von Juli bis Dezember 2001. Zur Galerie
Franz Gerber: Der gebürtige Münchener war gleich zweimal als 96-Manager im Amt. Das erste Mal von 1996 bis 1999 und nach seiner zwischenzeitlichen Tätigkeit als 96-Trainer ein weiters Mal von Juli bis Dezember 2001. ©
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Der Trainer Rolf Schafstall war auch nicht ihr Freund ...

Ich hatte das Trainingslager in Side organisiert und machte mir im Training Notizen. Da fragte er: Sagen Sie mal, beobachten Sie mich? Ich sagte: Herr Schafstall – wir haben uns gesiezt –, ich will hier nicht jahrelang Manager sein, sondern später wieder als Trainer arbeiten. Und Ihre Trainerarbeit finde ich gut, das notiere ich mir. Schafstall war so einer wie Magath – der wollte auch keinen Manager neben sich.

Als die Mannschaft todmüde aus dem Trainingslager in der Türkei zurückkehrte, standen am Flughafen zur Begrüßung eine Kaffeetafel, ein Herzlich-Willkommen-Transparent, die Spielerfrauen und eine Musikkapelle bereit. Da kam ein abstiegsgefährdeter Zweitligist zurück ...

Ich hatte meiner Frau gesagt, organisiere da mal was. Ich fand die Idee gut. Sie hatte einen besonderen Draht zu den Spielerfrauen. Die hat sich mit denen einmal im Monat zu Kaffee und Kuchen getroffen, aber damit hatte ich als Manager nichts zu tun. Und dann muss ich Jahre später in der „HAZ“ lesen: Er machte sich einen Namen durch das Organisieren von Kaffeekränzchen.

Sie haben nach 62 Tagen, so wurde es mal ausgerechnet, als 96-Manager hingeschmissen.

Rechnen können meine Kritiker auch nicht. Ich habe am 2. Januar 1994 angefangen und am 31. März aufgehört – das sind 89 Tage.

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Warum?

Es hat mir gereicht. Ich bin hin zum Vizepräsidenten Martin Brandstaedter (2017 im Alter von nur 56 Jahren verstorben, d. Red.), der war der Einzige, der Ahnung vom Fußball hatte, und habe gesagt: Ich höre auf. Meine Mutter war herzkrank, sie hat sich über die ganze Situation sehr aufgeregt. Ich wollte nicht, dass meine Mutter wegen 96 stirbt.

Sie haben dann alles Mögliche im Ausland gemacht – und auch wieder Kontakt mit 96 gehabt.

Ich habe in Peru Trainer ausgebildet. Als ich das erste Mal Jefferson Farfán bei meiner Trainingseinheit gesehen habe, er war damals knapp 18 Jahre alt, habe ich nach zehn Minuten gesagt: Das ist einer für 96. Er spielte damals bei Alianza Lima und musste verkauft werden. Ablöse: eine Million Dollar, rund 720 000 Euro. Er wollte unbedingt in die Bundesliga. Dann hat mir sein Berater eine DVD gegeben, die ich an Martin Kind geschickt habe.

Und?

Er hätte sie Ralf Rangnick geben müssen und nicht Ricardo Moar, die beiden waren ja wie Schmadtke und Slomka, haben nur über Telefon kommuniziert. Dann höre ich später, dass Moar die DVD an den PSV Eindhoven verkauft haben soll, wo Farfán dann spielte, ehe er zu Schalke 04 wechselte. Meine Frau hat gesagt, ich bin doof. Sie hätte Farfán damals gleich ins Flugzeug nach Deutschland gesetzt – und Rangnick hätte ihn nicht wieder nach Peru gelassen. Aber das konnte ich nicht machen, ich musste in vier weiteren Städten Trainer ausbilden. So ein Projekt breche ich nicht einfach ab. So ist mir Jefferson verloren gegangen.

Nicht selten ging es in der Vergangenheit nochmal rund in den letzten Tagen oder Stunden vor Ende der Transferperiode. Eine kleine Übersicht über die Last-Minute-Hours-Days-Transfers der vergangenen Jahre.

Fredi Bobic (Mitte) wurde von Manager Ricardo Moar (rechts) und Trainer Ralf Rangnick im September 2002 nach drei Spielen und null Punkten vom Aufsteiger als Neuzugang präsentiert. Der Plan mit dem von Borussia Dortmund verpflichteten Mann ging auf - Bobic schoss 14 Tore und hatte maßgeblichen Anteil am Klassenerhalt. Zur Galerie
Fredi Bobic (Mitte) wurde von Manager Ricardo Moar (rechts) und Trainer Ralf Rangnick im September 2002 nach drei Spielen und null Punkten vom Aufsteiger als Neuzugang präsentiert. Der Plan mit dem von Borussia Dortmund verpflichteten Mann ging auf - Bobic schoss 14 Tore und hatte maßgeblichen Anteil am Klassenerhalt. ©

Das lassen wir jetzt mal so stehen. Zurzeit heißt der Sportchef bei 96 Jan Schlaudraff. Auch er ist umstritten. Haben Sie Mitleid?

Mitleid habe ich schon, er muss noch lernen. Was 96 braucht, ist ein erfahrener Manager. Das heißt aber nicht, dass Schlaudraff gehen sollte, er könnte in der zweiten Reihe weiterarbeiten bis er soweit ist. 96 muss jetzt für die Saison 2020/21 planen, den Abstieg werden sie diese Saison auch so verhindern. Trotzdem, auch wenn Kenan Kocak offenbar gute Arbeit leistet: 96 hat kein Trainer-, sondern ein Kaderproblem.

Was bringt die Zukunft?

Ohne Martin Kind hätten wir bei 96 schöne Derbys gegen Arminia, dann würden die in der Oberliga spielen. So einen Präsidenten hätte ich mir als Manager gewünscht. Ich hoffe, das Kind weitermacht. Und ich hoffe, dass er die richtigen Spieler für die neue Saison bekommt. Ich habe da einem im Auge, der ist noch besser als Farfán: 22 Jahre, Angriffsspieler, kommt von rechts, beidfüßig: Kevin Quevedo von Alianza Lima. Der kostet knapp eine Million Euro, Peanuts. Hoffentlich macht 96 da nicht so einen ähnlichen Fehler wie bei Farfán.

Sie könnten mit fast 79 Jahren Ihren wohlverdienten Ruhestand genießen ...

Ruhestand ist Stillstand. Ich will noch als Trainer im Ausland oder internationaler Scout arbeiten. Ich habe die Gene meines Vaters, der ist 97 Jahre alt geworden.

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