29. April 2021 / 19:00 Uhr

Ex-Hansa-Profi Rahn: "Da kriege ich Gänsehaut"

Ex-Hansa-Profi Rahn: "Da kriege ich Gänsehaut"

Sönke Fröbe
Ostsee-Zeitung
Mai 2007: Hansa-Torwarttrainer Perry Bräutigam, Torschütze Christian Rahn, Zafer Yelen und Kai Bülow jubeln über den Sieg gegen Unterhaching und den Wiederaufstieg in die Fußball-Bundesliga. 
Mai 2007: Hansa-Torwarttrainer Perry Bräutigam, Torschütze Christian Rahn, Zafer Yelen und Kai Bülow jubeln über den Sieg gegen Unterhaching und den Wiederaufstieg in die Fußball-Bundesliga.  © Christian Langbehn
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Christian Rahn ist einer der Helden von Hansas bislang letztem Bundesligaaufstieg 2007. Der 41-Jährige erinnert sich an die denkwürdige Saison, sein unvergessenes Tor gegen Unterhaching und seinen Rauswurf durch Dieter Eilts.

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Christian Rahn ist als Fußballprofi in Deutschland viel herumgekommen. Die ehemaligen Vereine des 41-Jährigen sorgen derzeit für jede Menge Geprächsstoff: Dem 1. FC Köln droht der Bundesligaabstieg, Greuther Fürth klopft mal wieder ans Tor zum Oberhaus, der HSV schwächelt auf der Zweitliga-Ziellinie, der FC St. Pauli ist das beste Zweitligateam der Rückrunde und eine Klasse tiefer steht Hansa Rostock auf dem Sprung nach oben.

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Die Stimmung im Ostseestadion war gigantisch

Nach dem Saisonfinale am 22. Mai im Heimspiel gegen den VfB Lübeck will der Koggenklub endlich wieder einen Aufstieg feiern. So wie in der Saison 2006/07, als die Rostocker den ganz großen Wurf landeten. Damals, am 20. Mai 2007, hieß der letzte Gegner Unterhaching, das Spiel fand im Ostseestadion statt und Christian Rahn war einer der Hauptdarsteller. Mit seinem Freistoßtor zum 3:1 machte der einstige Nationalspieler die Bundesliga-Rückkehr der Rostocker perfekt. Der Aufstiegsheld von damals hat mit dem SPORTBUZZER über das denkwürdige Hansa-Jahr gesprochen.

Der 3:1-Sieg gegen Unterhaching war eine Sternstunde für den FC Hansa und seine Fans. Wie war das damals, Herr Rahn?

Ganz ehrlich, wenn wir jetzt darüber sprechen, kriege ich Gänsehaut. Das war einer der ganz besonderen Tage in meiner Fußballkarriere. Die Chance zu haben, im heimischen Stadion vor ausverkauftem Haus – es waren vielleicht 15 Haching-Fans da - den Aufstieg perfekt machen zu können, das war schon ein besonderer Moment. Dass ich dann auch noch das entscheidende Tor zum 3:1 schieße und damit den Deckel draufmache... Wahnsinn! Ich kann mich noch heute genau an den Freistoß erinnern. Ich habe nach dem Tor überhaupt keinen Grund gesehen, irgendwo hinzulaufen. Ich habe einfach nur die Arme in den Himmel gestreckt. ,Pagel‘ (Trainer Frank Pagelsdorf/d. Red.) hat mir zu verstehen gegeben: ,Komm her zu mir!‘ Nee, ich wollte einfach mit den Jungs auf dem Platz jubeln! Die Stimmung an diesem Tag im Ostseestadion war gigantisch.

Im Sommer 2001 wurde das neue Ostseestadion nach Umbau eingeweiht.

Im ersten Spiel im neuen Ostseestadion am 4. August 2001 sahen 25.100 Zuschauer bei Dauerregen eine 0:3-Niederlage des FC Hansa gegen Bayer Leverkusen. Es war der erste Auswärtsauftritt des Brasilianers 
Zé Roberto in der Bundesliga, der später beim FC Bayern und dem Hamburger SV reüssierte. Zur Galerie
Im ersten Spiel im neuen Ostseestadion am 4. August 2001 sahen 25.100 Zuschauer bei Dauerregen eine 0:3-Niederlage des FC Hansa gegen Bayer Leverkusen. Es war der erste Auswärtsauftritt des Brasilianers  Zé Roberto in der Bundesliga, der später beim FC Bayern und dem Hamburger SV reüssierte. ©

Es war der persönliche Höhepunkt einer Geschichte, die vor der Saison eingentlich nicht unbedingt so geplant war, oder?

Das stimmt, von einer Verpflichtung war zunächst gar nicht die Rede, als ich während der Saisonvorbereitung als Probetrainierer nach Rostock kam. Zumindest offiziell nicht.

Wie kam es dann doch dazu?

Mein Vertrag beim 1. FC Köln war ausgelaufen, weil wir den Klassenerhalt in der Bundesliga nicht geschafft hatten. Ich war also auf der Suche nach einem neuen Verein. Bei den Münchener Löwen war ich schon im Training und hätte mir einen Wechsel auch gut vorstellen können. Mein Berater hatte Kontakt mit Frank Pagelsdorf, der mich ein paar Jahre vorher von St. Pauli zum HSV geholt hatte. Der sagte, komm doch mal in Rostock vorbei, trainiere bei uns mit, dann schauen wir mal, wie sich das entwickelt.

Und es entwickelte sich gut.

Nach einer Woche hat ,Pagel‘ gesagt: Wenn du keine horrenden Gehaltsvorstellungen hast, dann werden wir uns schon einigen. Ich habe im Probetraining natürlich Gas gegeben und versucht zu überzeugen. Das ist mir anscheinend gelungen. Schon nach wenigen Einheiten hatte ich ein gutes Gefühl. Ich kannte ja den einen oder anderen Spieler, deshalb ist mir die Eingewöhnung leicht gefallen. Und mit dem Trainer hat es auch gut gepasst.

Wir haben uns in einen Rausch gespielt

Was dann folgte, war die beste Hinrunde, die Hansa im gesamtdeutschen Fußball je gespielt hat. Welchen Stellenwert hat diese Saison in Ihrer Karriere?

Als Spieler bin ich vier Mal in die 1. Bundesliga aufgestiegen - mit St. Pauli, Köln, Hansa und Greuther Fürth. Es waren jeweils komplett unterschiedliche Vorzeichen. Nach Köln bin ich im Winter gewechselt, da war von Anfang an ganz klar der Aufstieg das Ziel - den wir dann ja auch souverän geschafft haben. Mit den anderen Vereinen waren wir eher der Underdog, der sich ein bisschen in einen Rausch gespielt hat. Das war in dem Jahr bei Hansa auch so. In der ersten Halbserie waren es zehn Siege und sieben Unentschieden. So eine Super-Hinrunde spielt man nicht alle Tage.

Ein Spiel überstrahlte alle anderen, und das war nicht mal ein Hansa-Sieg.

Das 4:4 in Karlsruhe! Daran erinnert sich sicher immer noch jeder Hansa-Fan gerne zurück. Ich habe mir das tatsächlich vor ein paar Wochen auf YouTube noch mal angeguckt. Da bekomme ich nach wie vor Gänsehaut.

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Was hat die Mannschaft damals ausgemacht, was war ihr Erfolgsgeheimnis?

Die Mischung, die Altersstruktur war überragend. Mit Paule Beinlich hatten wir einen, der in seiner Karriere schon alles erlebt hatte. Dazu kamen mit Hardy (Michael Hartmann), Rydle (Rene Rydlewicz) und Schobi (Mathias Schober) weitere sehr gestandene Profis. Meine Wenigkeit war auch Nationalspieler und hatte zusammen mit Enrico Kern in der U 21 gespielt. Mit Tim Sebastian, Marc Stein, Kai Bülow, Amir Shapourzadeh und Zafer Yelen hatten wir junge, hungrige Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Nicht zu vergessen verrückte Jungs wie Djordije Cetkovic! Ich erinnere mich gern an diese Saison zurück.

Am Ende stand ich mit dem berühmten blauen Müllsack draußen

Die Euphorie dauerte allerdings nicht lange, nach einem Jahr ging es wieder runter in die 2. Liga. Auch für Sie persönlich gab es kein Happy End bei Hansa. Wie kam es zu Ihrer Suspendierung durch Trainer Dieter Eilts?

Damit hatte ich tatsächlich nicht gerechnet, weil es sich überhaupt nicht angedeutet hatte. Nach dem letzten Spiel vor der Winterpause hatte Eilts noch ein dreitägiges Training angesetzt. Dann kam raus, dass er mit einzelnen Spielern Gespräche führen wollte, um ihnen zu sagen, dass es für sie nicht weitergeht. Mit mir hat am Montag und Dienstag niemand gesprochen. Dienstag bin ich nach dem Training nach Hause gefahren und habe von einem Journalisten einen Anruf erhalten. Er sagte: ,Du wirst morgen deinen blauen Brief bekommen.‘ Ich habe sofort meinen Berater angerufen, der von Manager Herbert Maronn die Auskunft bekam, dass das nicht stimmen würde. Danach war ich mir relativ sicher, dass es mich nicht treffen wird.

Wie lief Ihr letzter Trainingstag?

Nach dem Vormittagstraining haben sich die meisten schnell in den Winterurlaub verabschiedet. Ich war mit Enrico Kern und Jörg Hahnel einer der Letzten. Dann hat mich Perry Bräutigam (Torwarttrainer/d. Red.) in die Trainerkabine geholt. Er hat mich schon so traurig angeguckt, da war mir klar, dass der Trainer jetzt auch mir sagen wird, dass er nicht mehr mit mir plant. Am Ende stand ich dann mit dem berühmten blauen Müllsack draußen.

Welche Begründung hat der Trainer Ihnen genannt?

Ich passte nicht in sein Konzept und war nicht der Spielertyp, auf den er bauen wollte. Für meine Position gab es ja auch noch Heath Pearce und Bastian Oczipka, ein Stück weit konnte ich es deshalb nachvollziehen. Ich finde aber, dass man mit verdienten Spielern so nicht umgeht. Ich war froh, dass ich mit Greuther Fürth relativ schnell einen neuen Verein gefunden habe.

Das war extrem hart

Vom Aufstiegshelden zum Sündenbock, keine einfache Situation.

Das war extrem hart damals, zumal wir uns als Familie in Rostock und Umgebung sehr wohl gefühlt haben. Aber Dieter Eilts hat ja dann auch nicht mehr so lange durchgehalten.

Und wurde durch Andreas Zachhuber ersetzt.

Ich war in der Rückserie noch das eine oder andere Mal in Rostock zu Besuch und habe auch mal beim Training vorbeigeschaut. Zachhuber sagte mir, dass er mich nie hätte gehen lassen. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mir schon überlegt, doch bei Hansa zu bleiben. Aber im Endeffekt war es der richtige Schritt, nach Fürth zu wechseln. Im Jahr darauf haben wir den Aufstieg in die Bundesliga gepackt.

Verfolgen Sie die Entwicklung bei Hansa?

Mich interessieren grundsätzlich alle meine Ex-Vereine. Hansa natürlich, weil ich da einfach eine geile Zeit hatte. Mit ,Piecke‘ (Manager Martin Pieckenhagen) habe ich beim HSV zusammengespielt, wir schreiben uns ab und zu mal. Ich bin bin gespannt, wie es in der 3. Liga ausgeht. Vor ein paar Wochen hätte ich gesagt, Dynamo Dresden ist ganz klar der Aufstiegsfavorit Nummer eins. Jetzt sind es vier Mannschaften, die vorneweg marschieren - und Hansa hat sehr gute Karten.

Sie arbeiten seit Ihrem Karriereende als Nachwuchstrainer, derzeit als „Co“ bei der U 21 des HSV. Wo soll die Reise für Sie noch hingehen?

Als Spieler habe ich 2015 in St. Paulis U 23 aufgehört und bin dann zum HSV gewechselt, um meine ersten Erfahrungen als Trainer zu sammeln. Im vergangenen Jahr habe ich meinen Fußballlehrer gemacht und bin bereit für die nächsten Schritte. Als nächsten Schritt strebe ich eine eigene Mannschaft an, im besten Fall beim HSV. Wenn das nicht klappt, dann auch gerne woanders. Es muss nicht zwingend im Profibereich sein und auch nicht unbedingt als Cheftrainer. Vorstellen kann ich mir grundsätzlich alles.

Mit vier Vereinen in die Bundesliga aufgestiegen

Christian Rahn absolvierte 117 Bundesliga- und 155 Zweitligaspiele für den FC St. Pauli, den Hamburger SV, den 1. FC Köln, Hansa Rostock (28 in der Bundesliga, 38 in der 2. Liga, von 2006-08), Greuther Fürth und Jahn Regensburg. Der heute 41-Jährige spielte unter Teamchef Rudi Völler fünf Mal für die DFB-Auswahl (2002-04) und stieg vier Mal in die 1. Bundesliga auf (mit St. Pauli, Köln, Hansa und Greuther Fürth).

Der gebürtige Hamburger beendete seine aktive Karriere 2015 in der U23 des FC St. Pauli. Anschließend kehrte Rahn als Nachwuchstrainer zum HSV zurück. 2020 absolvierte er den Fußballlehrer-Lehrgang an der DFB-Akademie, u.a. zusammen mit Ole Werner (Holstein Kiel) und Tim Borowski (Werder Bremen). Zurzeit ist der Ex-Verteidiger Co-Trainer beim Regionalligateam des HSV, wo er noch bis Juni 2022 unter Vertrag steht.