31. Januar 2019 / 13:14 Uhr

Ex-Nationalspieler Himmer kritisiert das deutsche Rugby: "Dann wird es nicht mehr richtig hell"

Ex-Nationalspieler Himmer kritisiert das deutsche Rugby: "Dann wird es nicht mehr richtig hell"

Jonas Freier
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Kritiker: Ex-Nationalspieler Jens Himmer (Mitte) mit seinem Sohn Michl (links) und Attila Flockemann.
Kritiker: Ex-Nationalspieler Jens Himmer (Mitte) mit seinem Sohn Michl (links) und Attila Flockemann. © Florian Petrow
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Das deutsche Rugby hat eine historische Chance verspielt. Im vergangenen November ging das entscheidende Spiel gegen Kanada mit 10:29 verloren. Es wäre die erste WM-Teilnahme in der Geschichte des deutschen Rugby gewesen. Immerhin macht Nationaltrainer Mike Ford beim Deutschen Rugby-Verband (DRV) weiter. Allerdings hat sich der  Unternehmer Hans-Peter Wild („Capri-Sun“) als Förderer zurückgezogen. Jens Himmer (51),  Ex-Nationalspieler von Hannover 78 und Victoria Linden, erklärt, was das alles bedeutet.

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Herr Himmer, so eine Chance auf die Qualifikation zur WM wie zuletzt gegen Kanada – kommt die vielleicht nie wieder?
Wir hatten in der Qualifikation zur WM 1999 eine ähnlich große Chance gegen Spanien, da habe ich noch gespielt. Da haben wir sogar geführt, aber in den letzten fünf Minuten noch verloren. Und dann ist Spanien zur WM gefahren. Da war es also schon mal ganz knapp. Und jetzt war es wieder ganz knapp.

Der renommierte Engländer Mike Ford sollte Deutschland als Nationaltrainer zur WM führen, Capri-Sun-Milliardär Hans-Peter Wild das Ganze finanzieren. Es kam alles anders. Allerdings hat Ford jetzt für die anstehende Europameisterschaft als Cheftrainer verlängert. Das hört sich doch erst mal ganz professionell an ...
Auf den ersten Blick schon, aber im Vorfeld hat man zu oft die Trainer gewechselt. Richtig Kontinuität sehe ich da nicht. Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum noch immer kein deutscher Coach im Trainerstab der 15er-Nationalmannschaft ist. Dann wäre nämlich einer vor Ort, der den Laden aufrechterhalten kann, der weiß, wie es weitergeht. Nur mal angenommen, man würde jetzt einen Trainer aus der Bundesliga holen. Der weiß doch gar nicht, welches System, mit welcher Taktik in der Nationalmannschaft gespielt wird. Das kann es doch nicht sein.

Stand jetzt ist: Man hat sich nicht für die WM qualifiziert – und den Hauptsponsor Wild verloren ...
... so ist der katastrophale Zustand, ja. Wenn wir uns qualifiziert hätten, hätte Dr. Wild weitergemacht, er hat ja genug Geld für die Vorbereitung auf den Tisch gelegt. Eine günstigere Werbemöglichkeit als eine Rugby-Weltmeisterschaft gibt es nicht. Nur die Fußball-WM und die Olympischen Spiele kommen ja auf noch höhere Zuschauerzahlen weltweit. Man hätte also mit wenig Marketingmitteln einen großen Effekt ge­habt. Da wäre Dr. Wild endlich mal nicht nur Mäzen gewesen, sondern hätte auch et­was für seinen Einsatz be­kommen.

Lässt den Kopf hängen: Deutschlands Nationalspieler Carlos Soteras-Merz nach dem WM-Aus gegen Kanada.
Lässt den Kopf hängen: Deutschlands Nationalspieler Carlos Soteras-Merz nach dem WM-Aus gegen Kanada. © imago/Kessler-Sportfotografie
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Wenn wir uns qualifiziert hätten, hätte Dr. Wild weitergemacht, er hat ja genug Geld für die Vorbereitung auf den Tisch gelegt.

Und wohin geht die Reise für die Nationalmannschaft jetzt? Ja leider nicht zur WM in Japan im Herbst.
Die große Frage ist ja: Stehen künftig die Spieler zur Verfügung, die jetzt ins Ausland gegangen sind, weil Dr. Wild nicht mehr den HRK und das Leistungszen­trum in Heidelberg finanziert. Es sind ja Spieler nach Rumänien gegangen, nach England und auch nach Amerika. Die wird man wahrscheinlich nicht frei bekommen, schon gar nicht ohne finanzielle Mittel. Gott sei Dank ist es so, dass sich Mannschaften wie Handschuhsheim, Pforzheim, Frankfurt und die RG Heidelberg ein paar gute Spieler gesichert haben, so dass du jedenfalls im Süden ein vernünftiges Niveau hast und eine einigermaßen vernünftige Nationalmannschaft aufstellen kannst.

Bleibt Deutschland im Rugby zweitklassig?
Die Mannschaft ist stärker als die, die im vergangenen Jahr auflaufen musste, als die damaligen Wild-Spieler das Team boykottierten – aber schwächer ging es ja auch nicht mehr. Doch das ist immer noch nicht konkurrenzfähig im Vergleich zu Teams wie Georgien, Rumänien oder auch Russland.

Raus mit Applaus: Deutschlands Dash Barber nach der Niederlage gegen Kanada.
Raus mit Applaus: Deutschlands Dash Barber nach der Niederlage gegen Kanada. © imago/Kessler-Sportfotografie

Und das bedeutet?
Sollte keiner mehr einen Zugang zu Dr. Wild bekommen, dann wird es in nächster Zeit nicht mehr richtig hell im deutschen Rugby. Es muss doch möglich sein, sich an einen Tisch zu setzen und ein Konzept für die Zu­kunft zu entwickeln. Allerdings muss man auch sagen, dass die Wild-Akademie nur in Seniorenspieler investiert und den Nachwuchs leider vergessen hat. Germania List und Hannover 78 beispielsweise haben ohne Mittel mehr Nationalspieler herausgebracht als die Wild-Akademie mit richtig viel finanziellem Aufwand, weil das ganze Geld immer in Seniorenspieler gestopft wurde, damit die 15er-Nationalmannschaft ein gutes Niveau bekommt.

Germania List und Hannover 78 beispielsweise haben ohne Mittel mehr Nationalspieler herausgebracht als die Wild-Akademie mit richtig viel finanziellem Aufwand.

Wird Deutschland sich jemals für eine WM qualifizieren?
Wenn man so weitermacht, nein!

Hat Hannover jetzt eigentlich bessere Chancen auf den Meistertitel in der Bundesliga, weil der Süden schwächer geworden ist?
Im Moment ist es ein Segen, dass im Süden das Niveau nicht sinkt. Aber keiner weiß, wie lange sich Handschuhsheim, Pforzheim, Frankfurt und RGH die Spieler aus der ehemaligen Wild-Akademie leisten können. Und das ist dann die große Chance für den Norden, dass man mit guter Jugendarbeit wieder an den Süden herankommt. Das bedeutet dann aber nicht, dass der Norden stärker, sondern leider, dass der Süden schwächer wird. Das bringt das Niveau natürlich auch nicht voran, wenn man sagt: Angriff auf die nächste WM. Es bleibt kompliziert. Man braucht Dr. Wild als Unterstützung. Und dann müsste man einen Masterplan auf den Tisch legen. Man braucht Leistungszentren in Heidelberg, Hannover, Berlin, Hamburg und München.

Deutschland gehört nicht zu den Großen: Kanadas Kyle Baillie fängt den Gasseneinwurf vor Michael Poppmeier (Deutschland) ab.
Deutschland gehört nicht zu den Großen: Kanadas Kyle Baillie fängt den Gasseneinwurf vor Michael Poppmeier (Deutschland) ab. © imago/Kessler-Sportfotografie

Und wer könnte den Mäzen Wild zurückgewinnen?
Wenn ich der DRV wäre, würde ich mich vor sein Büro in der Schweiz setzen und so lange warten, bis ich reingelassen werde.

Wer wird deutscher Rugby-Meister 2019?
Vom Potenzial her müsste es am Ende Handschuhsheim rocken.

Und Hannover – wieder Schluss im Halbfinale?
Ja.

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