07. Oktober 2021 / 10:50 Uhr

Ex-Nationalspieler Marcel Raducanu über Rumäniens WM-Chancen, seine Zeit beim BVB und seine Flucht

Ex-Nationalspieler Marcel Raducanu über Rumäniens WM-Chancen, seine Zeit beim BVB und seine Flucht

Dimitrios Dimoulas
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Der ehemalige rumänische Nationalspieler Marcel Raducanu war lange Zeit als Profi von Borussia Dortmund aktiv.
Der ehemalige rumänische Nationalspieler Marcel Raducanu war lange Zeit als Profi von Borussia Dortmund aktiv. © IMAGO/Horstmüller
Anzeige

Vor dem DFB-Duell gegen Rumänien schätzt der Ex-Dortmunder Marcel Raducanu im SPORTBUZZER-Interview  die Chancen seines Heimatlandes in der WM-Qualifikation ein und blickt auf seine Karriere zurück.

Als Fußballer war Marcel Raducanu ein filigraner Spielmacher, der mit Steaua Bukarest zweimal den rumänischen Meistertitel gewann und 1980 in seinem Heimatland zum Fußballer des Jahres gekürt wurde. Im darauffolgenden Jahr nutzte er ein Freundschaftsspiel der rumänischen Auswahl, um sich in Deutschland abzusetzen. Seine Frau und sein Sohn mussten im Ceausescu-Regime verbleiben, ihnen gelang 1985 die Flucht. Vor dem Duell der DFB-Elf mit Rumänien am Freitag (20.45 Uhr, RTL) in der WM-Qualifikation spricht der 66-Jährige im Interview mit dem SPORTBUZZER, dem Sportportal des RedaktionsNetzwerks Deutschland, über seine Flucht und die Hoffnungen auf eine WM-Teilnahme seines Heimatlandes.

Anzeige

SPORTBUZZER: Herr Raducanu, Sie planen seit langer Zeit, ein Buch zu veröffentlichen. Wie weit ist Ihr literarisches Projekt mit dem originellen Titel „Aschenbecher“ gediehen?

Marcel Raducanu (66): Es ist noch nicht druckreif, zumal ich Stoff aus den Securitate-Akten (Anm. d. Red.: rumänischer Geheimdienst) bearbeiten muss, den ich vor geraumer Zeit erhalten habe. Ich weiß noch nicht, ob es beim ursprünglich geplanten Titel bleibt.

Der Titel soll aus einer Gegebenheit resultieren, als Sie in der Dortmunder Klubzentrale angefangen haben, mit einem Aschenbecher zu jonglieren.

Allerdings, das ist eine Tatsache. Ich hatte einen Termin beim damaligen BVB-Präsidenten Reinhard Rauball, und im Vorzimmer war auch ein Kamerateam zugegen. So fing ich an, mit einem Kristallaschenbecher zu jonglieren, was medial für viel Gesprächsstoff gesorgt hat.

Sie nutzten im Sommer 1981 ein Freundschaftsspiel der Nationalmannschaft aus, um sich in den Westen abzusetzen. Wieso haben Sie die Flucht riskiert?


Ich hatte schon länger vor, das Land zu verlassen. Als wir mit der Nationalmannschaft und Steaua in Europa unterwegs waren, haben wir gesehen, wie das Leben hinter dem Eisernen Vorhang aussieht. Ausschlaggebend war, dass ich beim WM-Qualifikationsspiel gegen England im Wembley-Stadion auf der Bank schmoren musste, obwohl ich in Bestform war. Der Trainer hatte anscheinend die Order bekommen, mich zu demoralisieren, weil ich mich zu kritisch geäußert hatte. Da hatte ich wirklich die Nase voll.

Beim 2:1-Sieg Rumäniens im Hinspiel gegen England hatten Sie noch das 1:0 erzielt. Stimmt es, dass anschließend Ihr Namen als Torschütze gestrichen wurde?

Für sehr lange Zeit klaffte da ein Vakuum. Es war zwar der Torerfolg registriert, aber nicht der Torschütze. Und bei der Aufstellung waren lediglich zehn Spieler aufgeführt. Absurd, aber wahr.

Raducanu skeptisch: Rumäniens Qualität reicht für WM-Qualifikation nicht aus

Ihre Flucht aus den Katakomben des Westfalenstadions verlief filmreif. Hatten Sie nicht Angst, dass Ihr Versuch scheitern könnte?

Mir war bewusst, dass die Flucht nur zu dem Zeitpunkt stattfinden könnte, zumal mein Fluchthelfer, ein Landsmann von mir, auch im Stadion war. Ich täuschte in der Halbzeitpause eine Verletzung vor und blieb anschließend allein in der Kabine, habe geduscht und bin mit dem Auto nach Hannover gefahren, wo mein Fluchthelfer wohnte.

Sie spielten von 1982 bis 1988 in Dortmund, ehe Sie Ihre Karriere in der Schweiz ausklingen ließen. Blicken Sie etwas wehmütig zurück, zumal es damals eine eher erfolglose Zeit gewesen ist?

Sportlich lief es in der Tat nicht besonders. Als ich zum BVB gekommen bin, saß Branko Zebec auf der Trainerbank. In der darauffolgenden Saison wurde Zebec gefeuert und durch Kalli Feldkamp ersetzt. Zwischen den beiden Trainern lagen Welten.

Die Generation um den "Karpaten-Maradona" Gheorge Hagi war die letzte, die 1998 an einer WM-Endrunde teilnahm. Wie stehen aktuell die Chancen Rumäniens, sich für die WM in Katar zu qualifizieren?

Anzeige

Es wird schwer. Deutschland ist unangefochtener Gruppenfavorit und für Rumänien bleibt der zweite Platz und die damit verbundene Gelegenheit auf ein Playoff-Match. Aber das ist eher Zweckoptimismus, weil die Qualität dieser Generation für so einen Erfolg nicht ausreicht.