25. März 2022 / 07:37 Uhr

Ex-Profi Hinkel über die nächsten Wochen bei RB Leipzig: "Es geht jetzt um die Wurst"

Ex-Profi Hinkel über die nächsten Wochen bei RB Leipzig: "Es geht jetzt um die Wurst"

Antje Henselin-Rudolph
Leipziger Volkszeitung
Co-Trainer Andreas Hinkel auf dem Trainingsgelände am Cottaweg
Co-Trainer Andreas Hinkel auf dem Trainingsgelände am Cottaweg © Picture Point
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Als Verteidiger hat Andreas Hinkel nicht nur einen großen Titel gewonnen, war Nationalspieler und ist jetzt eine von drei Säulen im Trainerteam von RB Leipzig. Im Interview mit LVZ-Sportchefin Antje Henselin-Rudolph spricht der 36-Jährige unter anderem über die aktuelle Arbeit im kleinen Kreis, die Herausforderungen im April und sein Verhältnis zu Chef Domenico Tedesco sowie dem zweiten Co-Trainer Max Urwantschky.

Leipzig. Als Domenico Tedesco im Dezember den Job bei RB Leipzig übernahm, kam er nicht allein. Neben Max Urwantschky begleitete den 36-Jährigen ein zweiter Co-Trainer: Andreas Hinkel. Im Interview verrät der Ex-Nationalspieler unter anderem, wie er zu Tedesco fand, sich das Trio die Aufgaben teilt und Training mit nur einer Handvoll Profis funktionieren kann.

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SPORTBUZZER: Es sind diese Woche nur eine Handvoll Profis im Training. Was kann man mit denen überhaupt machen?

Andreas Hinkel: Viel. Erstmal macht es Spaß. Domenico und ich kommen ja aus dem Kinderfußball. Da sind die Gruppen oft klein. Aktuell hatten wir quasi eine komplette Fünferkette plus Kevin Kampl da. Lukas Klostermann war jetzt leider kurzfristig draußen. Dennoch hat das gepasst. Thema waren Spielaufbau und Positionstechniken, heute hatten wir Box-Verteidigung. In einer kleinen Gruppe sind mehr Wiederholungen möglich. Wir verschwenden die Zeit also nicht, gucken auch Videos mit den Jungs. Auch wenn fast alle anderen weg sind, kann man die Übrigen verbessern.

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Ist es so gesehen nicht schade, dass die anderen unterwegs sind? Die verpassen ja richtig was.

Ja, natürlich. Aber es ist halt die Länderspielpause und sie sind mit ihren Nationalmannschaften unterwegs. Es ist ja schön für die Jungs. Gerade zum Beispiel für Christo (Nkunku, d. Red.), der das erste Mal nominiert ist. Das gibt auch einen Schub. Und sie bringen von der Nationalmannschaft viele Eindrücke und Sichtweisen mit. Die Jungs gehören zu den besten Spielern ihrer Länder. Das hat andere Effekte auf unsere Mannschaft.

Es kommt jetzt der April mit sehr vielen Spielen in kurzer Zeit. Wie ungelegen kommt da die Länderspielpause?

Wir machen das Beste daraus. Wenn wir durchgespielt hätten, wäre auch nicht so viel Zeit gewesen, Inhalte zu vermitteln. Abgesehen von den zwei Wochen im Januar haben wir bisher alles peu a peu vermittelt. Natürlich wäre es schön, wenn das gesamte Team hier wäre. Aber dann hätten wir keine Nationalspieler in der Mannschaft und würden wohl auch nicht dort stehen, wo wir stehen.

In Anbetracht der anstehenden entscheidenden Wochen: Welche Baustellen sehen Sie im Moment?

Wir hatten anfangs einige Verletzte, sind so personell ein bisschen auf dem Zahnfleisch gegangen. Unser Ziel war, dass wir auf alle zurückgreifen können, wenn es in die heiße Phase geht. Das ist jetzt so. Ein großes Lob ab die medizinische Abteilung übrigens. Richtig große sportliche Baustellen sehe ich nicht. Es gibt natürlich von Spiel zu Spiel immer wieder Themen. Manchmal wird man nachlässig. Das muss man dann immer wieder ansprechen, wiederholen. Zuletzt ist uns zum Beispiel die Kompaktheit aufgefallen. Wenn wir da nach vorn spielen und nicht schnell genug nachrücken, hat ein Team wie Frankfurt immer wieder Umschaltmomente. Frankfurt hat es nicht richtig zu Ende gespielt, war aber gefährlich. Auch wenn wir ein Chancenplus hatten. Das war nicht optimal und wir arbeiten weiter hart daran, solche Dinge zu verbessern.

DURCHSCROLLEN: Die Bilder vom Training

Bei bestem Wetter trainierte RB Leipzig am 09. März 2022 in Vorbereitung auf das Bundesliga-Spiel bei Greuther Fürth. Zur Galerie
Bei bestem Wetter trainierte RB Leipzig am 09. März 2022 in Vorbereitung auf das Bundesliga-Spiel bei Greuther Fürth. ©

Was wird in den kommenden vier Wochen besonders wichtig sein, abseits von Siegen?

Es geht jetzt um die Wurst. Jedes Spiel ist wichtig . Jeder Fehler kann bestraft werden. Es kommt auf Kleinigkeiten an. Man kann sich nicht mehr viel erlauben. Wir hoffen, dass der Kader verletzungsfrei bleibt. Auf manche Dinge hat man keinen Einfluss, sie können aber wichtig werden: Schiedsrichterentscheidungen, ein Elfmeter, eine rote Karte, wo ein Spiel dann komplett in die andere Richtung kippen kann.

Wenn jeder Fehler entscheidend sein kann, steigt der Druck auf jeden Einzelnen. Wie stark muss ein Trainerteam da eingreifen?

Grundsätzlich ist im Fußballgeschäft immer Druck vorhanden. Ich persönlich habe mich darauf immer sehr gefreut, anderen geht es ähnlich. Die sind quasi dafür geboren. Die sagen sich: Geile Stimmung, K.o.-Spiel, dafür arbeiten wir die ganze Saison. Bei manchen muss man den Druck eher wegnehmen. Und natürlich passieren Fehler. Die dürfen auch passieren. Die Jungs bügeln sie untereinander aus. Wichtig ist, dass jeder alles gibt. Angst hemmt. Die Jungs sollen frei aufspielen können.

Was zeichnet die Mannschaft in Ihren Augen aus?


Sie ist in der Breite qualitativ sehr gut. Und die Qualität ist sehr hoch. Wir haben hungrige Spieler, die in einem guten Alter sind. Sie können in dieser Saison für den Club Geschichte schreiben. Dadurch, dass alle fit sind, ist die Konkurrenzsituation hoch. Also stellt sich immer die Frage: Wer spielt? Wer passt zum nächsten Gegner?

Wie oft beschwert sich ein Spieler über fehlende Einsatzzeiten?

Es ist nicht so, dass da tagtäglich jemand an der Tür steht. Aber man spürt bei manchen natürlich auch mal ein wenig Unzufriedenheit. Das ist auch gut so. Bei jemandem, der nicht spielt, aber nicht unzufrieden ist, würde ich mich fragen: Was ist denn mit dem los? Deshalb versuchen wir, die Jungs immer wieder mitzunehmen und sprechen viel mit ihnen. Jeder hat bisher seinen Teil beigetragen und wird das auch im April tun. Es ist nicht schön, wenn Spieler enttäuscht sind. Aber sie müssen Profi genug sein, das zu akzeptieren und weiterzumachen. Bisher bekommen wir das aber sehr gut hin. Jeder weiß: Wenn wir als Team erfolgreich sind, profitiert auch der Einzelne davon.

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Sie selbst sind seit 2019 im Team von Domenico Tedesco. Wie sind Sie zu dem Job gekommen?

Bei den Profis stimmt das. Kennengelernt haben wir uns aber schon beim VfB Stuttgart. Ich war im Kinderfußball und der U16, er war Co-Trainer in der U17. Das war die Saison 2013/14. Im Jahr darauf war er Cheftrainer der Mannschaft und ich bin ebenfalls zur U17 gewechselt. Dort haben wir das erste Mal zusammengearbeitet. Wir waren danach immer in Kontakt. Wenn er Angebote hatte, hat er immer wieder gefragt, ob ich mitmöchte. Das war auch bei Schalke so. Da hat es bei mir aus privaten Gründen nicht gepasst. Bei Spartak Moskau habe ich dann zugesagt.

Sie sind ein Trainerteam. Wenn Domenico Tedesco den Club wechselt, entscheidet er für sie mit oder fragt er vorher?

Wir arbeiten gut zusammen. Es funktioniert super. Die Konstellation passt. Aber wir sind natürlich trotzdem nicht verheiratet, sag ich mal so. Ich habe eine Familie, er hat eine Familie. Das muss für alle passen. Natürlich fragt er. Ich blockiere ihn aber nicht.

Gibt es für Co-Trainer einen Markt? Das sind ja schon sehr spezielle Konstellationen.

Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, man findet sich. Ich würde nicht unter jedem Cheftrainer ein Co-Trainer sein wollen. Das ist immer sehr von der Rolle abhängig. In meiner aktuellen bin ich sehr zufrieden. Grundsätzlich bin ich Trainer, war schon Cheftrainer und würde mir das auch zutrauen. Aber ich möchte es im Moment nicht sein. Ich bin auch keiner, der den Job jetzt übernehmen würde, wenn Domenico gehen würde.

Sie, Max Urwantschky und Domenico Tedesco sind ein Trainer-Trio. Wie teilen Sie sich auf?

Wir haben in Moskau das erste Mal so zusammengearbeitet, sind eingespielt, haben unsere Abläufe. Moskau war im erweiterten Staff nicht ganz so gut aufgestellt wie Leipzig. Da haben wir vieles selbst gemacht, haben zum Beispiel auch selbst Videos geschnitten. Da haben auch alle alles gemacht. Das ist im Portfolio jetzt so drin. Jeder kann alles. Es haben sich aber Schwerpunkte herausgebildet. Ich übernehme nach Rücksprache mit Domenico viel in der Trainingsplanung: die Schwerpunkte, die Inhalte, den Ablauf, die Organisation, die Belastungssteuerung. In Moskau hatte ich noch Standards. Hier übernimmt die Max. Er war in Moskau ja Torwarttrainer, ist hier jetzt viel für die Organisation zuständig. Er kommuniziert sehr viel. Er ist die Schnittstelle für uns als Trainerbüro zum Staff und ins Management. Wir kommunizieren zu dritt sehr offen, sprechen zusammen mit den Spielern, besprechen Matchpläne, alles eben. Domenico hätte hier ein eigenes Büro, ist aber zu uns gezogen. So haben wir kurze Wege. Es gibt keinen Informationsverlust.