31. März 2020 / 20:50 Uhr

Spanische Sensation und "Wahnsinn" in Kopenhagen: Ex-Profi Pinto erinnert sich an seine Zeit bei Hannover 96

Spanische Sensation und "Wahnsinn" in Kopenhagen: Ex-Profi Pinto erinnert sich an seine Zeit bei Hannover 96

Jonas Szemkus
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Sergio Pinto hat viel erlebt mit 96. Den schönsten Moment, verrät er, gab’s in Sevilla. Dort setzte sich Pinto nicht nur gegen Gegenspieler Jesus Navas (kleines Bild) durch, sondern 96 auch gegen den vermeintlich übermächtigen Gegner, um sich für die Gruppenphase der Europa League zu qualifizieren.
Sergio Pinto hat viel erlebt mit 96. Den schönsten Moment, verrät er, gab’s in Sevilla. Dort setzte sich Pinto nicht nur gegen Gegenspieler Jesus Navas (kleines Bild) durch, sondern 96 auch gegen den vermeintlich übermächtigen Gegner, um sich für die Gruppenphase der Europa League zu qualifizieren. © Ulrich zur Nieden / Getty Images
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Von 2007 bis 2013 lief Sergio Pinto im Trikot von Hannover 96 auf. Gemeinsam mit dem SPORTBUZZER erinnert sich der kampfstarke Sechser an seine persönlichen Highlights bei den Roten. 

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Von 2007 bis 2013 war der Sechser in Hannover. Pinto ist ein Kämpfertyp, einer, der vorangeht, auch wenn es wehtut – egal ob ihm oder dem Gegner. Sein schönster Moment als 96-Profi? Der Deutschportugiese überlegt kurz. „Es gibt viele“, sagt er. Dann kommt es doch spontan: „Der Abpfiff in Sevilla!“ Das wohl schönste Unentschieden seiner Karriere.

"Das war ein Kraftakt, das war so emotional"

Es ist der 25. August 2011, der Abpfiff ertönt nach drei Minuten Nachspielzeit gegen 23 Uhr. Pinto wirft an diesem spanischen Abend die Arme in die Luft, von hinten umarmt ihn Christian Schulz. Lars Stindl und Kapitän Steven Cherundolo jubeln Arm in Arm mit. Das 1:1 in der Europa-League-Qualifikation bringt Hannover in die Gruppenphase. „Das war ein Kraftakt, das war emotional. Dafür haben wir ein Jahr so hart gearbeitet“, erinnert sich Pinto.

Zurück in die Vergangenheit: Die Spiele von Hannover 96 in der Europa League.

Hannover 96 auf erfolgreicher Europa-Tour 2011/2012. Hier dürft ihr in Erinnerungen schwelgen. Zur Galerie
Hannover 96 auf erfolgreicher Europa-Tour 2011/2012. Hier dürft ihr in Erinnerungen schwelgen. ©

Los sorgt für wenig Zuversicht

Der Moment ist umso schöner, weil mit dem Weiterkommen bei der Auslosung kaum jemand gerechnet hatte. Das eher unerfahrene 96 gegen den großen FC Sevilla. „Ich erinnere mich genau an den Moment der Auslosung“, erzählt Pinto. „Wir saßen zusammen beim Mittagessen, dann wurden die uns zugelost – und wir dachten erst mal alle: Ein Jahr lang den Arsch aufgerissen und das war jetzt für die Katz.“ Pinto lacht. Sevilla war ein Hammerlos mit Stars wie Alvaro Negredo, Jesus Navas und Frederic Kanoute. „Die hatten eine Bombenmannschaft“, sagt Pinto. „Aber natürlich haben wir an unsere Chance geglaubt.“ Nicht erst nach dem 2:1 im Play-off-Hinspiel, bei dem Jan Schlaudraff doppelt traf.

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"Jedes Rädchen hat perfekt ins andere gegriffen"

Im Rückspiel geht 96 in Führung: Mo Abdellaoue mit links nach Flanke von Konstantin Rausch. „Nach dem Auswärtstor wussten wir, dass sie uns das nicht mehr nehmen können, wenn wir alles geben. So ein Tor setzt Kräfte frei und Selbstvertrauen, dann spielst du automatisch anders. Da gewinnst du 10 Prozent Energie dazu“, erzählt Pinto. Auch der Ausgleich 14 Minuten später bereitet ihm keine Sorgen. „Du hast schon was in der Hand, das willst du dir nicht nehmen lassen, das verteidigst du.“ Es klappt – und bringt weitere schöne Momente wie das Auswärtsspiel in Kopenhagen mit 10 000 Hannover-Fans. „Das war der Wahnsinn“, sagt Pinto. „Wir hatten damals vielleicht keine Weltklasse-Einzelspieler, aber als Team hat jedes Rädchen perfekt ins andere gegriffen.“

Das waren die Choreos der Fans von Hannover 96 der letzten Jahre:

Die 96-Fans präsentierten eine aufwendige Choreo für den Pokalheld Jörg Sievers, der Anfang Januar 2020 nach 30 Jahren bei Hannover 96 dem Ruf von Daniel Stendel nach Schottland folgte. Zur Galerie
Die 96-Fans präsentierten eine aufwendige Choreo für den Pokalheld Jörg Sievers, der Anfang Januar 2020 nach 30 Jahren bei Hannover 96 dem Ruf von Daniel Stendel nach Schottland folgte. ©

Hanke und Pinto hatten "sehr gutes Verhältnis"

Mit dabei waren Lieblingsmitspieler wie der junge Stindl („Er hat eine überragende Entwicklung genommen“), Schlaudraff („Er hatte überragende Fähigkeiten, hat an einem guten Tag alles auseinandergenommen“), Abdellaoue und Didier Ya Konan. Etwas vor dem Europa-Erlebnis bei 96, aber ein persönlicher Freund war außerdem Mike Hanke: „Er war mein Buddy, wir hatten ein sehr gutes Verhältnis“, verrät Pinto.

Eine weitere 96-Erinnerung, die ihn bis heute nicht loslässt, ist derweil prägnant, schön und schmerzhaft zugleich. Irgendwie bittersüß. Pinto senkt die Stimme, als er davon spricht: „Das 3:0 in Bochum. Alle wissen, wie das Jahr gelaufen ist …“ Im Mai 2010, am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison, sichert 96 beim VfL den Klassenerhalt. Ein halbes Jahr vorher hatte sich Mitspieler Robert Enke das Leben genommen.

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Karriereende in Düsseldorf

Pinto beendete 2016 seine aktive Karriere bei Fortuna Düsseldorf, blieb noch ein halbes Jahr als Scout im Verein, bevor er zu Eintracht Frankfurt ging. Im Sommer 2018 wechselte er als Chefscout zu Greuther Fürth. Dort arbeitet Pinto bis heute, wohnt mit der Familie in Aachen. Die Corona-Zeit verbringt der 39-Jährige im Home­office, statt auf Sportplätzen und in Arenen. „Die Arbeit geht weiter. Ich habe sogar mehr zu tun als sonst“, verrät Pinto. „Jetzt klingelt eben noch häufiger das Telefon und es kommen mehr Mails rein, in denen Spieler angeboten werden.“

Videostudium also statt Live­scouting – das kostet Zeit. Auf der Liste potenzieller Verstärkungen stehen „über 100 Spielernamen“. Als Chefscout erfasst Pinto Spieler und schaut, ob sie ins Anforderungsprofil passen könnten. Es geht zunächst um Alter, Transferkosten, Gehaltswünsche und Bedarf auf der jeweiligen Position, dann geht es ins Detail. „Für die Beurteilung des einen Spielers brauchst du zwei Stunden, für den anderen 20 Minuten“, schildert er. Wenn es nicht passt, geht es eben schneller.

Das sind die restlichen Spiele von Hannover 96 in der Saison 2019/20 in der 2. Bundesliga nach der Corona-Zwangspause:

28. Spieltag (Mittwoch, 27. Mai, 18.30 Uhr): Karlsruher SC (H) Zur Galerie
28. Spieltag (Mittwoch, 27. Mai, 18.30 Uhr): Karlsruher SC (H) ©

Neuer Vertrag in Fürth nur Formsache

Pinto ist glücklich mit dem Job als Chefscout. Sein Vertrag in Fürth läuft zwar im Sommer aus, mündlich gab es aber schon eine Einigung – „eine Woche bevor das mit Corona losging. Unterschrieben ist jetzt noch nichts.“ Aber Sorgen macht sich Pinto deshalb nicht. „Wir haben uns die Hand drauf gegeben.“

Die Corona-Krise überlagert den Sport, für fast alle gilt die Zwangspause. Dafür bleibt endlich Zeit, mal zurückzublicken auf frühere 96-Tage. Wir haben mit ehemaligen Profis über ihren schönsten 96-Moment gesprochen, über die besten Mitspieler und was sie heute tun. Den Auftakt zur Serie, deren Teile in loser Folge erscheinen, macht Sérgio da Silva Pinto (39) – früher Chefabräumer, heute Chefscout.