13. März 2020 / 11:01 Uhr

Ex-Radprofi Täve Schur: Ein Zeugnis über das untergegangene Land

Ex-Radprofi Täve Schur: Ein Zeugnis über das untergegangene Land

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Radsport-Legende Gustav-Adolf Schur steht am 22.02.2016 vor seinem Wohnsitz in Heyrothsberge (Sachsen-Anhalt).  Schur will am 23.02.2016 seinen 85. Geburtstag feiern. In seiner aktiven Zeit löste Täve wahre Begeisterungsstürme aus. Millionen Menschen säumten die Straßen, wenn der neunmalige DDR-Sportler des Jahres und seine Teamkollegen auf ihren Rennrädern vorbeirauschten. Zwischen 1950 und 1964 feierte er Erfolge, die im Amateursport einzigartig waren. Als erster deutscher Fahrer gewann der gebürtige Heyrothsberger 1955 die prestigeträchtige Friedensfahrt. Vier Jahre später gelang ihm das erneut. Im Zenit seines Leistungsvermögens holte Schur Ende der 50er Jahre zwei Mal den Straßenrad-Weltmeistertitel der Amateure (1958 und 1959). Bei Olympia 1956 und 1960 gewann Schur im Mannschaftsfahren Bronze und Silber. Er war von 1958 bis 1990 DDR-Volkskammerabgeordneter und gehörte von 1998 bis 2002 der PDS-Fraktion im Deutschen Bundestag an. Foto: Jens Wolf/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Radsport-Legende Gustav-Adolf Schur steht am 22.02.2016 vor seinem Wohnsitz in Heyrothsberge (Sachsen-Anhalt). © dpa
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In „Täve Schur. Was mir wichtig ist“ lässt der populäre Autor auch mit 89 Jahren keinen Zweifel an seiner Haltung

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Leipzig. Wo Täve draufsteht, ist auch Täve drin. Da gibt es kein Drumherumreden oder taktische Manöver. Allenfalls ein sowohl als auch. Wenn es jedenfalls darum geht, was von der DDR im Allgemeinen und ihrem Sportsystem im Besonderen zu halten ist, lässt Gastav-Adolf Schur, genannt Täve, keine Zweifel aufkommen: Er verteidigt beides. Von dieser klaren Haltung kann niemand überrascht sein, seinen Überzeugungen ist der populärste Sportler der DDR (zweimal, 1979 und 1989, fiel diese Wahl auf ihn) schließlich immer treu geblieben. Auch in seinem neuen Buch „Täve Schur. Was mir wichtig ist“.

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Der gerade 89-Jährige erzählt anekdotenhaft von seinem Weg durch die Zeit. Er will noch Fragen beantworten, die ihm als Radsportler und Politiker häufig auch auf Foren gestellt werden. Daher sind die Überschriften der zehn Kapitel als Fragen formuliert. Weil er zudem beim Aufräumen auf viele unbeantwortete Briefe gestoßen sei, sollen ebenfalls unterlassene Antworten gegeben werden. Ein Teil dieser Post findet sich ebenfalls im Buch und zeigt, welches Ansehen Schur bei Prominenten und „normalen“ Menschen genoss und genießt.

Schur verweist auf generelle Anfänge des Dopings

Auf besonderes Interesse dürfte der Abschnitt stoßen, in dem es um das Dopingsystem der DDR geht. An diesem Reizthema scheiterte vor drei Jahren zum zweiten Mal seine Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports. In der Jury hatte der erfolgreichste deutsche Radsportler seiner Zeit – Schur wurde unter anderem Amateur-Weltmeister 1958 und 1959, Friedensfahrtsieger 1955 und 1959 und olympischer Medaillengewinner 1956 (Bronze) und 1960 (Silber) jeweils in der Mannschaft – keine Mehrheit gefunden, weil er ein „grausames System“ verteidigt habe.



ARCHIV - 13.08.1960, DDR, Hohenstein-Ernstthal: Der DDR-Radrennfahrer Gustav-Adolf (Täve) Schur (M) bei der Radweltmeisterschaft der Straßenamateure am 13. August 1960 auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal. Am 20. September 1954 wurde der SC DHfK Leipzig gegründet. Auch Täve Schur gehörte dem Verein an. Bis zur Wende gewannen Sportler der Leipziger Kaderschmiede 93 Medaillen bei Olympischen Spielen und über 130-mal WM-Gold. (zu dpa «Happy Birthday SC DHfK: Der erfolgreichste Verein der Welt wird 65») Foto: DB ZB/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Der DDR-Radrennfahrer Gustav-Adolf ("Täve") Schur (M) bei der Radweltmeisterschaft der Straßenamateure am 13. August 1960 auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal. © dpa

Schur bestreitet das, eine solches System kenne er nicht, weshalb es von ihm auch nicht verteidigt werden könne. Er verweist vielmehr auf die generellen Anfänge des Dopings und darauf, dass in Zeiten des Kalten Krieges auch in anderen Ländern, so in Westdeutschland, Doping und Dopingforschung betrieben wurde. Was natürlich nicht ernsthaft zu bestreiten ist, aber nichts an der Verantwortung der DDR für ihre jungen Sportler ändert. Schur räumt zumindest ein: „Nationale und politische sowie kommerzielle Interessen wie auch subjektiver Ehrgeiz von Medizinern und Athleten führten in beiden deutschen Staaten zu einer fatalen Entwicklung.“

DDR ein Land, dem Täve alles zu verdanken hat

Schur kämpft darum, dass die Stasiakten nicht das letzte Wort haben, wenn es darum geht, Zeugnis über die DDR abzulegen. Deshalb möchte der Vegetarier auch 100 Jahre alt werden. Er will seine Erfahrungen weitergeben, von denen er einige gesammelt hat. Die DDR sei das Land gewesen, „dem ich alles zu verdanken habe“. Er fühlte sich nicht missbraucht. Seine Popularität litt jedenfalls nicht darunter, dass er von 1958 bis 1990 in der DDR-Volkskammer saß. Dies sei eigentlich das Gremium gewesen, in dem notfalls auf die Bremse getreten würde, wenn die Regierenden Mist machten. Doch die kollektive Kontrollpflicht sei nicht erfüllt worden. „Dafür schämte ich mich.“

Dem Bundestag gehörte er für die PDS-Fraktion von 1998 bis 2002 an und war deren sportpolitischer Sprecher. Auf Bitten Gregor Gysis hatte er sich zur Verfügung gestellt und seinen Wahlkreis in Leipzig gewonnen. Ursprünglich wollte der einstige Fahrer des SC DHfK nicht antreten. Weil die Bank aber das Haus der Familie in Heyrothsberge, wo Schur nach wie vor lebt, wegzupfänden drohte und das Hotel seines Sohnes Jan in Schierke Insolvenz anmelden musste, sagte er zu. Ähnliche Erlebnisse hätten damals viele Ostdeutsche durchlebt, so Schur.

Radsportlegende zu Gast auf dem Riverboat

Für sie will er weiter das Wort erheben und regt sich an den entsprechenden Stellen auf. „In Filmen und Büchern, in Ausstellungen und im Fernsehen erzählt man uns, wie wir in der DDR gelebt haben. Mit unserem Leben jedoch hat das nichts zu tun.“ Schur nennt das „Diebstahl unserer Identität“. Starker Tobak? Nein, Täve eben.

Täve Schur. Was mir wichtig ist. Verlag Neues Leben. Die Lesung mit Schur am Samstag im Ring-Café fällt aus. Die Radsportlegende ist am Freitag zu Gast auf dem Riverboat des MDR.

Winfried Wächter