04. Februar 2020 / 11:36 Uhr

Ex-Schiedsrichter Urs Meier nach Pléa-Platzverweis: "Tobias Stieler ist über das Ziel hinaus geschossen"

Ex-Schiedsrichter Urs Meier nach Pléa-Platzverweis: "Tobias Stieler ist über das Ziel hinaus geschossen"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Für seine Entscheidung wurde Schiedsrichter Tobias Stieler auch vom ehemaligen Profi-Schiedsrichter Urs Meier kritisiert.
Für seine Entscheidung wurde Schiedsrichter Tobias Stieler auch vom ehemaligen Profi-Schiedsrichter Urs Meier kritisiert. © Getty Images / Montage: Sportbuzzer
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Sollen Spieler in 1. und 2. Bundesliga für unsportliches Verhalten konsequent bestraft werden? Braucht es Zeitstrafen auf dem Fußballfeld? Die hitzigen Diskussionen um Emotionen und Vorbilder auf dem Rasen halten an.

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Noch immer sorgt der Platzverweis von Gladbachs Alassane Pléa in Fußballdeutschland für Gesprächsstoff. Dabei steht nicht etwa der Franzose selbst im Fokus, sondern vor allem die Schiedsrichter. Die sind seit der Winterpause angehalten, unsportliches Verhalten wie Meckern, abfällige Gesten und Schauspielerei auf dem Rasen strenger zu bestrafen. Der Grund: Profifußballer sollen den Spielern in unteren Ligen ein Vorbild sein. Bleibt das Vorgehen und die Gelb-Rote Karte von Schiedsrichter Tobias Stieler also kein Einzelfall, sondern ist bald Normalität in der 1. und 2. Bundesliga?

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Die Bild hat einige Trainer, Schiedsrichter und Sportvorstände aus Profi- und Amateurbereich dazu befragt. Dabei gehen die Meinungen erheblich auseinander. Achim Beierlorzer stellt sich auf die Seite der Schiedsrichter: "Sportliches Verhalten und Fairness sind wichtig. Das gilt für den Umgang mit Schiedsrichtern, aber auch für den Umgang mit Spielern und Trainern. Diese Werte auf dem Platz zu leben, ist wichtig als Zeichen an die Gesellschaft", sagte der Trainer von Mainz 05. Dennoch ärgere den 52-Jährigen, dass die Verschärfung der Regelauslegung mitten in der laufenden Saison passiert sei.

Urs Meier: "Den gesunden Menschenverstand sollte man nicht ausblenden"

Urs Meier, ehemaliger Profi-Schiedsrichter, kritisiert die Entscheidung von Schiedsrichter Tobias Stieler: "Er ist ganz klar über das Ziel hinaus geschossen. Wenn du wegen so einem Scheiß vom Platz fliegst... Da gibt es ganz andere Szenen. Das Spiel zwischen Leipzig und Gladbach war ein großartiges, schnelles und faires Spiel. Der Platzverweis passt da nicht rein", so der 61-Jährige.

"Wir haben offiziell 17 Spielregeln, ein Schiedsrichter hat aber eigentlich 18 Regeln. Diese 18. Regel ist der gesunde Menschenverstand. Den sollte man nicht ausblenden. Es gehört auch Verständnis für die Spieler dazu."

Fohlen-Coach Marco Rose fand nach Abpfiff am Samstag deutliche Worte zum Platzverweis seines Offensivmanns: "Wir dürfen nicht dahin kommen, dass man uns in die Schuhe schiebt, dass wir dafür verantwortlich sind, dass woanders wirklich Dinge passieren, die einfach nicht passieren dürfen. Wir schlagen niemanden, wir sind einfach emotional zwischendrin", sagte Rose.

Profis gegen Schiedsrichter – Faustschläge, Schubser und Streiche

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"Voraussetzungen im Profigeschäft sind völlig andere als im Amateur-Fußball"

Doch beeinflussen Profifußballer mit ihrem Verhalten Amateurfußballer tatsächlich so stark, sodass sie künftig ihre Emotionen auf dem Rasen unterdrücken sollten, um keine Gelbe Karte zu riskieren? Dem widerspricht Max Köhler, der beim Berliner Kreisligisten Blau-Weiß Berolina Trainer ist. "Es ist totaler Quatsch, Parallelen zu ziehen. Die Voraussetzungen im Profigeschäft sind völlig andere als im Amateur-Fußball. Die Profis stehen unter einem ganz anderen Druck und sollten nicht die Sündenböcke für die Amateure sein", sagte der 32-Jährige. "Der Amateur-Bereich ist ein Sammelbecken von allen Kulturen und Persönlichkeiten, wo die Leute sich teilweise abreagieren wollen und ein Ventil für den Alltagsstress suchen", legt der Kreisliga-Coach dar.

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Handball-Schiedsrichter Lars Geipel hat aus dem Platzverweis von Alassane Pléa seine eigenen Schlüsse gezogen und Zeitstrafen für Fußballspieler ins Gespräch gebracht. "Für Situationen wie im Fall Pléa sollte auch der Fußball noch mal über temporäre Strafen nachdenken. Damit wäre allen geholfen."

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