27. April 2020 / 10:48 Uhr

Ex-Turbine Katja Friedl: "Habe es akzeptiert und meinen Frieden gefunden"

Ex-Turbine Katja Friedl: "Habe es akzeptiert und meinen Frieden gefunden"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Als Fußballerin hat Katja Friedl viel erlebt.
Als Fußballerin hat Katja Friedl viel erlebt. © Imago, Privat
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Deutsche Meisterin mit den B-Juniorinnen des 1. FFC Turbine Potsdam und Teilnahme an der U17-Europameisterschaft – was macht eigentlich die 22-jährige Wittstockerin Katja Friedl?

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Etwas Wehmut ist in der Stimme von Katja Friedl, wenn sie über ihre fußballerische Zeit spricht, doch noch hörbar. Enorm viel hatte die gebürtige Neuruppinerin, welche in Wittstock aufgewachsen ist, investiert, um sich den Traum von der Frauen-Bundesliga und sogar der Nationalmannschaft zu erfüllen. Doch das kaputte rechte Knie machte die goldene Zukunft, wie sie von vielen bereits vorhergesagt wurde, schnell zunichte. Heute, etwa drei Jahre nach dem absolvierten Abitur und bereits viereinhalb Jahre seit dem letzten Pflichtspiel, ist die 22-Jährige mit sich selbst im Reinen.

„Anfangs war es schon sehr schwierig. Im ersten Jahr, nachdem ich wusste, dass aus einer Karriere als Fußballerin nichts mehr wird, sind viele Tränen geflossen. Mittlerweile habe ich es akzeptiert und meinen Frieden gefunden“, erklärt Katja Friedl, der viele wertvolle Dinge auch nicht mehr zu nehmen sind, wie sie selbst betont: „Ob an der Sportschule in Potsdam oder die vielen Eindrücke mit Turbine und der Jugend-Nationalmannschaft. Ich durfte einiges sehen und erleben, habe diese Jahre extrem genossen und für meine persönliche Zukunft in Sachen Offenheit und Teamfähigkeit viel mitgenommen.“

Gerade einmal drei Jahre jung war Friedl, als das runde Leder in ihren Fokus geriet. Dafür verantwortlich war in großen Teilen Bruder Markus, der zwei Jahre älter ist und heute beim Kreisoberligisten BSV Zaatzke spielt. „Ich konnte nicht allein zu Hause bleiben, deswegen bin ich mit ihm immer mit zum Training“, verrät die kleine Schwester, die das Fußball-Abc im Wittstocker Stadion des Friedens beim FK Hansa erlernte. Unter den Jugendtrainern Horst Neumann, Manfred Bloch und auch dank Vater Olaf entwickelte sich Katja Friedl zu einer tollen Kickerin – ausgestattet mit großem Potenzial.

In Bildern: 50 ehemalige Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam – und was aus ihnen wurde

Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. Zur Galerie
Klickt Euch durch die Galerie der 50 ehemaligen Spielerinnen vom 1. FFC Turbine Potsdam. ©

Wegen eines fehlenden Mädchenteams in der Heimat verschlug es das ehrgeizige und spielintelligente Talent zum MSV Neuruppin. „Dort konnte ich mich dann auch für die Brandenburger Landesauswahl empfehlen und an mehreren Lehrgängen und Turnieren teilnehmen“, erinnert sich Friedl, die mit Beginn der siebten Klasse von der Fontane- in die Landeshauptstadt wechselte. Auf der Eliteschule des Sports Friedrich-Ludwig-Jahn in Potsdam fand der Fan des FC Bayern nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch einen neuen Verein. Ab 2010 trug die Nachwuchshoffnung das Trikot des 1. FFC Turbine – mit sechs Deutschen Meisterschaften und zwei Champions-League-Titeln ein echtes Aushängeschild im deutschen Frauenfußball.

Von Heimweh oder sportlichen Startschwierigkeiten war bei Katja Friedl keine Spur: „Ach, es lief von Anfang an eigentlich super. Im ersten Jahr haben wir ja noch in einer Liga mit Jungs gespielt und konnten trotzdem gut mithalten. Man wurde nach und nach an den Leistungssport rangeführt.“ Jürgen Theuerkorn, Thomas Kandler und Sven Weigang waren die drei Trainer, mit denen die Allrounderin stets zu tun hatte. „Unter Sven Weigang habe ich mich am besten weiterentwickelt“, blickt die Ruppiner Nachwuchssportlerin von 2011, die im defensiven Mittelfeld zur Führungsspielerin wurde, zurück. Einen riesigen Leistungssprung machte Katja Friedl 2014.

Erst im U17-Bundesliga-Finale gegen den FC Bayern München (0:1) mussten sich die Turbinen geschlagen geben. Der Frust bei Katja Friedl war allerdings schnell verflogen, folgte am 4. Juli doch das Debüt mit Adler auf der Brust. Beim Nordic Cup in Schweden wurde die Wittstockerin beim 4:0-Sieg gegen Norwegen eingewechselt. Den wohl größten Erfolg gab es aber ein Jahr später. Mit der Kapitänsbinde am Arm führte Friedl die Potsdamerinnen beim 3:1-Erfolg im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen Werder Bremen zum Titel – „ein unbeschreibliches Gefühl, die Trophäe in den Himmel zu recken. Das werde ich nie vergessen.“ Einmalig bleibt auch die Teilnahme mit der U17-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft auf Island. Nur wenige Wochen nach dem nationalen Titelgewinn wollte Katja Friedl im DFB-Trikot den nächsten Coup klarmachen, im Halbfinale scheiterte das Team von Nationaltrainerin Anouschka Bernhard aber knapp an der Schweiz.

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Der Anfang vom Ende für die 13-fache Jugendnationalspielerin. Statt so richtig durchzustarten und sich für die erste Turbine-Mannschaft, die damals noch von Legendentrainer Bernd Schröder gecoacht wurde, zu empfehlen, machten schwere Knieverletzungen keinen Halt vor ihr. „Ich durfte sogar noch unter Bernd Schröder trainieren, auf dem Trainingsplatz stand ich plötzlich mit meinen Vorbildern wie Jennifer Zietz oder Tabea Kemme. Beim Zweitliga-Auswärtsspiel mit Turbine II in Duisburg ist es dann aber wieder passiert“, erzählt Friedl, dass die rechte Kniescheibe nicht zum ersten Mal raussprang. „Hatte ich zuvor immer wieder Glück im Unglück und konnte teilweise mit Schmerzmitteln spielen, war es diesmal ein böser Knorpelschaden.“ Die folgende Zeit war geprägt von Reha-Maßnahmen, Aufbautraining und erneuten Operationen: „In drei Jahren waren es insgesamt vier. Im jetzigen Alltag ist es erträglich, für Leistungssport ist mein Knie aber nicht gemacht“, sagt Friedl realistisch.

Nach sieben Jahren in Potsdam absolvierte die einstige Hansa-Kickerin ihr Abitur 2017 mit einem Schnitt von 1,9. „Wenn sportlich alles geklappt hätte, wäre ein Stipendium in den USA mein Plan gewesen“, verrät Katja Friedl, die aktuell ein Duales Studium – BWL mit dem Schwerpunkt Personalwirtschaft – macht und in Berlin-Schöneberg lebt. Wie schon bei der Auswahl der Lieblingssportart eifert sie mit Blick auf die berufliche Zukunft ihrem Bruder Markus nach, der bei der Polizei tätig ist. „Ich muss abwarten, ob das aufgrund meiner Krankenakte überhaupt realisierbar ist. Aber ich hab es noch nicht aus den Augen verloren.“

So wie die Verbindungen in die früheren Heimatregionen: „Vor allem nach Potsdam besteht noch guter Kontakt, hin und wieder schaue ich sogar mal bei Turbine vorbei. Ich freue mich, dass ehemalige Mitspielerinnen wie Gina Chmielinski oder Caroline Siems den Durchbruch geschafft haben, mit Anna Gerhardt habe ich zum Beispiel in der Nationalmannschaft zusammengespielt. Wenn ich in Wittstock bin, dann genieße ich das Dorfleben und die Zeit mit der Familie.“ Nur der Fußball, der fehlt Katja Friedl weiterhin: „Vielleicht suche ich mir nach Corona einen Verein, um zumindest ein bisschen zu trainieren.“