17. Juli 2020 / 16:30 Uhr

Ex-Wolfsburg-Coach Hecking über Schürrle-Rücktritt: "Kann es ein Stück weit nachvollziehen"

Ex-Wolfsburg-Coach Hecking über Schürrle-Rücktritt: "Kann es ein Stück weit nachvollziehen"

Andreas Pahlmann
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung
Anderthalb Jahre gemeinsam beim VfL Wolfsburg: Dieter Hecking und André Schürrle.
Anderthalb Jahre gemeinsam beim VfL Wolfsburg: Dieter Hecking und André Schürrle. © Getty
Anzeige

André Schürrle hat seine Karriere in Alter von nur 29 Jahren beendet. Dieter Hecking, der den Weltmeister eineinhalb Jahre beim VfL Wolfsburg trainierte, zeigt sich überrascht – hat aber auch Verständnis: "Der Rucksack ist für die jungen Menschen manchmal zu groß."

Anzeige

Als er kam, war er der teuerste Einkauf in der Geschichte des VfL Wolfsburg: 32 Millionen Euro überwiesen die Niedersachsen Anfang 2015 an den FC Chelsea, um sich die Dienste von André Schürrle zu sichern, der ein halbes Jahr zuvor mit Deutschland Fußball-Weltmeister geworden war. Jetzt hat Schürrle im Alter von nur 29 Jahren sein Karriereende verkündet. Dieter Hecking, damals sein Trainer in Wolfsburg, sagte gegenüber dem SPORTBUZZER: "Das überrascht mich – aber ich kann es ein Stück weit nachvollziehen."

Gegenüber dem „Spiegel“ erklärte Schürrle die Gründe für seinen Rücktritt: „Die Entscheidung ist lange in mir gereift", so der Außenstürmer, "ich brauche keinen Beifall mehr.“ Er sei oft einsam gewesen, gerade als "die Tiefen immer tiefer wurden und die Höhepunkte immer weniger". Die Fußballbranche habe es aber nicht erlaubt, diese Gefühle zu zeigen. "Man muss ja immer eine gewisse Rolle spielen, um in dem Business zu überleben, sonst verlierst du deinen Job und bekommst auch keinen neuen mehr."

Die Karriere von André Schürrle in Bildern

Gefeierter Bruchweg Boy in Mainz, Weltmeister 2014, Premier-League-Absteiger mit Fulham - der SPORTBUZZER blickt auf die Karriere von André Schürrle. Zur Galerie
Gefeierter "Bruchweg Boy" in Mainz, Weltmeister 2014, Premier-League-Absteiger mit Fulham - der SPORTBUZZER blickt auf die Karriere von André Schürrle. © imago

"Rucksack für junge Menschen manchmal zu groß"

Aussagen, die für Hecking zu dem Eindruck passen, den Schürrle in Wolfsburg auf ihn gemacht hat. "Man sieht, dass der Rucksack für die jungen Menschen manchmal zu groß ist", sagt der Ex-HSV-Coach, der als neuer Sportvorstand beim 1. FC Nürnberg im Gespräch ist. Schürrle war in Wolfsburg anders betrachtet worden als in seinen Klubs zuvor. In Mainz war er der Junge aus dem eigenen Nachwuchs, in Leverkusen das Toptalent, in Chelsea einer von vielen. Beim VfL aber war er ein Stareinkauf, kritischer beäugt als die meisten seiner Kollegen. Hecking: "Er hatte bei uns Phasen, in denen es richtig gut lief – und Phasen, in denen es intern wie extern hieß: Da muss aber mehr kommen."

63 Pflichtspiele absolvierte Schürrle in seinen eineinhalb Jahren beim VfL, 23-mal wurde er dabei eingewechselt – auch beim Pokalfinale 2015, das der VfL 3:0 gegen Dortmund gewann. Ivan Perisic und Daniel Caligiuri besetzten damals die offensiven Außenpositionen, an beiden kam Schürrle in Wolfsburg nie dauerhaft vorbei. Seine Verpflichtung war damals ein Teil der Wolfsburger Zukunftsstrategie, Hecking und Manager Klaus Allofs wollten einen dauerhaften Champions-League-Teilnehmer formen – und scheiterten. Auch Schürrle erfüllte die Erwartungen nicht, wenngleich seine sportlichen Qualitäten unbestreitbar waren: "Er war überragend im Torabschluss, dazu mit seiner Schnelligkeit oft auch ein wichtiger Faktor", so Hecking, "deswegen hatten wir ihn ja auch verpflichtet." Und er war "total integriert in die Mannschaft, eigentlich ein positiver Typ". Aber es gab eben auch in Wolfsburg "immer wieder Phasen, in denen er sehr nachdenklich wurde".

Mehr zum VfL Wolfsburg

Schon in Wolfsburg daran gedacht, "alles hinzuschmeißen"

Schon zu seiner VfL-Zeit, das verriet Schürrle jetzt, habe er daran gedacht, "alles hinzuschmeißen". Kritik an seiner Leistung habe er sich "sehr zu Herzen genommen". Denn: "Entweder ist man Depp oder Held. Dazwischen gibt es nichts." Eine Sichtweise, die für Hecking nachvollziehbar ist: "Wenn die Lupe so sehr auf einem brennt, dann kann ich verstehen, wenn jemand sagt: Ich will nicht mehr."

Julian Draxler löste Schürrle nach nur einem halben Jahr als teuerster VfL-Einkauf ab (und ist es bis heute), den Außenstürmer zog es im Sommer 2016 zu Borussia Dortmund. Dort wollte er unter seinem alten Mainz-Coach Thomas Tuchel einen Neustart versuchen, Wolfsburg freute sich darüber, dass die 30-Millionen-Euro-Ablöse Schürrle immerhin wirtschaftlich nicht zu einem Minusgeschäft machte. Doch auch beim BVB wurde er nicht glücklich, nach Leihen zum FC Fulham und zu Spartak Moskau löste er dort in dieser Woche seinen eigentlich noch bis 2021 laufenden Vertrag auf. "Es ist schade", so Hecking, "wenn so ein guter Spieler so früh mit dem aktiven Fußball aufhört."