11. Januar 2021 / 07:59 Uhr

Experte für die Seele von Chemie Leipzig: Physio Alireza ist aus Leutzsch nicht wegzudenken

Experte für die Seele von Chemie Leipzig: Physio Alireza ist aus Leutzsch nicht wegzudenken

Jens Fuge
Leipziger Volkszeitung
Alireza
Seit 20 Jahren betreut er die Spieler der BSG Chemie Leipzig: Physiotherapeut Alireza Hamzehian. © Christian Donner
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Vor 20 Jahren fand Alireza Hamzehian den Weg nach Leipzig-Leutzsch. Damals hieß der Verein, der im Alfred-Kunze-Sportpark spielte, noch FC Sachsen. Seitdem hat der Physiotherapeut Spieler, Trainer und Präsidenten kommen und gehen sehen, war die einzige Konstante im Auf und Ab. Auch die aktuellen Kicker der BSG Chemie vertrauen "Ali", der all ihre Geheimnisse stets wahrt.

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Leipzig. Der Mann ist Kampfsportler, kommt aus Teheran und ist so etwas wie die Seele der momentan so erfolgreichen Chemie-Mannschaft. Physiotherapeut Alireza Hamzehian schaut in diesem Monat auf genau zwanzig Jahre in Grün und Weiß zurück.

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Andy Schiemann: „Ein einziger Muskel“

Er knetet längst nicht nur die Waden, sondern er schaut direkt in die Seelen der manchmal ach so empfindsamen Kicker. „Ich weiß eigentlich alles über die Jungs“, lässt er sich entlocken, nachdem er sich lange geziert hat. Im Mittelpunkt zu stehen, liegt ihm nicht so. Der 54-jährige Deutsch-Iraner, der vor 30 Jahren nach Deutschland kam und in Leipzig landete, um Sportwissenschaften zu studieren, ist ein bescheidener Mann. In Leutzsch, wo ihn jedermann nur „Ali“ ruft, weiß man wenig über ihn. Dabei hat er in seinem Leben schon eine Menge erlebt. Als junger Mann war er Leistungssportler und gehörte zur iranischen Taekwando-Nationalmannschaft, mit der er auch im Ausland antrat.

DURCHKLICKEN: Bilder von "Ali" im Einsatz

Chemie Leipzigs Physiotherapeut Alireza Hamzehian steht seit nunmehr 20 Jahren in den Diensten des Vereins. Zur Galerie
Chemie Leipzigs Physiotherapeut Alireza Hamzehian steht seit nunmehr 20 Jahren in den Diensten des Vereins. ©

Nach seinem Umzug nach Deutschland, dem Abbruch des Studiums und der Ausbildung zum Physiotherapeuten arbeitete er beim legendären Jürgen Ulrich in der Medica-Klinik. Ulrich war es auch, der ihm im Jahr 2000 empfahl, sich doch um die Kicker des damaligen FC Sachsen zu kümmern, die zur Reha sowieso ständig im Hause weilten. Gesagt, getan: Hamzehian stellte sich in Leutzsch vor, Trainer Volkan Uluc nickte ab und schon war der Iraner Nachfolger des schneidigen „00 Schneider“ als Physio, der soeben den Dienst quittiert hatte. Und sofort war der brave Ali mitten im Leutzscher Operettentheater mit drei Trainern allein in der ersten Saison, Skandalen, Bubenstücken und Peinlichkeiten.

Die einzige Konstante bis zur Insolvenz elf Jahre später war Hamzehian – er erlebte elf Trainer, etliche Präsidenten und den unaufhörlichen Niedergang des Vereines. Besondere Erinnerungen hat er an Spieler wie Andy Schiemann („Ein einziger Muskel“), Jens Härtel („sehr gesundheitsbewusst“), Mike Lünsmann („Ein absoluter Profi“), Daniel Ferl („toller Typ“) oder Karsten Klee („ist auch Physio geworden, nachdem wir lange darüber gesprochen haben“). Auch Almedin Civa, der heute Trainer bei Lokalrivale Lok ist und den er eine Saison lang als Spieler des FC Sachsen betreute, hat es ihm angetan: „Ein ganz angenehmer Mensch, toller Sportler und Typ.“

„Ich wünsche mir manchmal, dass der Tag mehr Stunden hat“

Nach der Auflösung des FC Sachsen dauert es nicht lange und die ersten Kicker der neuen BSG Chemie kamen in die Praxis in die Georg-Schwarz-Straße 173, die der fleißige Physio inzwischen eröffnet hatte und für die er immer fähige und motivierte Mitarbeiter sucht. „Irgendwann kam dann Vereinsvorsitzender Frank Kühne und fragte mich, ob ich nicht wieder einsteigen würde – und so saß ich wieder auf der Bank in Leutzsch“, erinnert sich Alireza.

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Ein riesiger Zugewinn für den aufstrebenden Verein, denn mit dem erfahrenen Physio gewann man gleichzeitig einen Seelenleser, der tief in die Psychen der Spieler schauen kann. „Ich kenne die Spieler ganz genau, nicht nur jeden Muskel, sondern auch, wie sie ticken. Ich sehe den Menschen ganzheitlich – nicht nur den Körper, sondern auch die Seele“, erklärt Ali. Er merkt immer, wie es einem Spieler geht, auch, wenn er heute längst nicht so viel Zeit mit den Kickern verbringt wie seinerzeit beim FC Sachsen. Eines nötigt ihm hohe Achtung ab: „Ich ziehe den Hut vor allen Spielern bei der BSG, wie sie die Belastung auf sich nehmen und wegstecken, neben Beruf, Arbeit und Studium abends zum Training zu kommen und sich noch zu Höchstleistungen zu quälen“.

In seiner Freizeit liebt es der Familienmensch, die Natur zu erleben, mag aber auch Theater und Kino oder ein Buch zu lesen. Auch den Sohn, der auf seinen Spuren als Taekwando-Sportler wandelt, begleitet er ab und an. „Es gibt so viele Sachen, die ich gern mache. Ich wünsche mir manchmal, dass der Tag mehr Stunden hat“, denkt er laut und schaut schon wieder zur Tür, durch die Chemie-Kapitän Stefan Karau tritt. Die Arbeit wartet, weiter geht’s. Schließlich hat Chemie vor, den sehr guten Lauf fortzusetzen, wenn es wieder erlaubt ist, zu spielen.