30. September 2019 / 18:02 Uhr

Recken-Kapitän Fabian Böhm: "Leider dominiert auch im Handball das Geld"

Recken-Kapitän Fabian Böhm: "Leider dominiert auch im Handball das Geld"

Marius Böttcher
Märkische Allgemeine Zeitung
Einmal noch gemeinsam jubeln: Morten Olsen und Timo Kastening verabschieden sich am Montag von den Recken-Fans und der TSV Hannover-Burgdorf.
Einmal noch gemeinsam jubeln: Morten Olsen und Timo Kastening verabschieden sich am Montag von den Recken-Fans und der TSV Hannover-Burgdorf. © Swen Pförtner/dpa
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Handball-Bundesliga: Der gebürtige Potsdamer mischt mit der TSV Hannover-Burgdorf als Kapitän die Liga auf, gibt sich aber trotz des Höhenflugs extrem bescheiden.

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Für Fabian Böhm läuft es aktuell perfekt – sowohl sportlich als auch privat. Der gebürtige Potsdamer, der vor drei Wochen zum zweiten Mal Vater wurde, führt den Handball-Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf seit Saisonbeginn als Kapitän auf das Feld und mischt mit den „Recken“, die mit 14:0-Punkten sensationell an der Tabellenspitze rangieren, die Liga auf. Über das Geheimnis des gegenwärtigen Höhenflugs, die persönliche Zukunft und Heimatgefühle spricht der 30-Jährige im Interview.

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Sieben Spiele, sieben Siege – die Handball-Republik blickt aktuell nach Hannover. War mit diesem Saisonstart zu rechnen, Herr Böhm?

Fabian Böhm: Die Frage beantworte ich mit Nein. Uns war bewusst, dass wir die ersten sechs Spiele gewinnen können, wobei mit den Auswärtsspielen in Göppingen und Stuttgart sowie die Partie gegen den Bergischen HC große Brocken dabei waren. Wir haben das aber gezogen und sind nun in einem Flow, in welchem du dann auch Flensburg niederringst.

Am Donnerstag geht es im DHB-Pokal zum Deutschen Meister Flensburg, den man zuletzt mit 23:22 besiegen konnte. In der Liga geht es anschließend gegen Melsungen, Magdeburg und die Rhein-Neckar-Löwen. Sind das die Wochen der Wahrheit?

Wir können die derzeitige Situation gut einschätzen, freuen uns über die 14 Pluspunkte und dass wir ungeschlagen sind. Grundsätzlich ist es aber noch immer eine Überraschung, wenn wir Duelle mit Flensburg oder den Rhein-Neckar-Löwen für uns entscheiden. Natürlich wollen wir aber den Schwung mitnehmen und das Maximale aus den nächsten Spielen rausholen.

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Uwe Gensheimer, Andreas Wolff und Silvio Heinevetter gehören zu den Topverdienern der deutschen Handball-Mannschaft. Der SPORTBUZZER zeigt die Gehälter der DHB-Stars. ©

Was macht „Die Recken“ denn momentan so stark?

Es ist vor allem die mannschaftliche Geschlossenheit, jeder kennt seine Rolle und weiß, was zu tun ist. Wir haben viele Optionen auf der Bank, können wechseln, ohne einen Einbruch zu haben. Unser Prunkstück ist die Abwehr, was 22 Gegentore gegen Flensburg beweisen.

Was trauen Sie Ihrer Mannschaft in dieser Saison zu? Ist sogar der Meistertitel möglich?

(lacht) Das ist aktuell natürlich eine unangenehme Frage. Nach dem Umbruch im Sommer, als viele junge Spieler dazukamen, wussten wir nicht wirklich, wo wir stehen. Es ist eine schöne Momentaufnahme. Das Mittelfeld der Liga ist sehr breit, wenn wir die Saison auf einem einstelligen Tabellenplatz beenden, dann sind wir absolut einverstanden. Die besten Chancen auf den Titel hat für mich der THW Kiel, auch Flensburg und die Löwen zählen zum Favoritenkreis. Es verwundert, dass etliche Teams zu diesem frühen Zeitpunkt bereits einige Punkte liegengelassen haben.

Kann die TSV Hannover-Burgsdorf langfristig zur Spitze gehören?

Das wird relativ schwer, leider dominiert auch im Handball das Geld. Man kann anhand des Etats bereits einschätzen, wer wo landen wird. Um dauerhaft ganz oben mitzuspielen, fehlt noch einiges. Wir können und werden aber auch künftig die Spitzenteams kitzeln können, da bin ich mir sicher.

"Gibt nichts Schöneres als das Vatersein"

Ihr Vertrag läuft in Hannover 2020 aus. Wie schätzen Sie ihre persönliche Zukunft ein?

Ich will gerne noch weiter Handball spielen, das steht für mich fest. Es wird demnächst Gespräche geben, nicht nur mit Hannover. Wichtig ist, dass eine Lösung gefunden wird, die auch für meine Frau und unsere zwei Kinder gut ist. Vor drei Wochen bin ich zum zweiten Mal Papa geworden, es gibt nichts Schöneres auf der Welt als das Vatersein.

Ihr Teamkollege Timo Kastening läuft in der nächsten Saison für die MT Melsungen auf. Ist dieser Wechsel nachvollziehbar?

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Ich verstehe mich gut mit Timo, kenne seine Beweggründe. Er kommt hier aus der Region Hannover und spielt seit vielen Jahren für die TSV. Melsungen ist ein finanzstarker Verein mit Perspektive. Daher kann ich diesen Schritt verstehen, es ist ein spannendes Kapitel.

Wie sind ihre Beziehungen in die Potsdamer Heimat, gibt es noch Kontakte zu ihrem Jugendverein VfL Potsdam?

Hin und wieder, ich beobachte den VfL und habe sie am Pokalwochenende in Bremen gesehen. Es ist eine junge und hochtalentierte Mannschaft, die Potenzial hat und immer wieder oben anklopft. Die 3. Liga ist aber nicht einfach, du musst in jedem Spiel abliefern.

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Sie haben dieses Jahr eine starke WM gespielt, im März sogar die Kapitänsbinde der DHB-Auswahl getragen. Wie groß sind ihre Ambitionen?

Ich habe zuletzt keine Maßnahmen verpasst, im Oktober steht die nächste Länderspielpause an. Dort will ich dabei sein und dank stetig guter Leistungen gehe ich davon aus, dass ich auch dabei bin. Ich habe jedenfalls regelmäßigen Kontakt mit dem Bundestrainer.

2013 haben Sie mit Kumpel Hannes Lindt, Geschäftsführer beim HV Grün-Weiß Werder, die Stiftung „BeTuk“ gegründet, mit der soziale Projekte unterstützt werden. Daraus resultiert ihr Spitzname: Sind Sie noch immer „Der Tukan“?

Das Projekt liegt grad auf Eis, der Spitzname ist dagegen präsent. Ich wollte nicht Fabian Böhm, der Shooter oder der Kämpfer, sein. Ich finde es cool, wenn mich Leute fragen, warum ich Tukan genannt werde. Dann hat man eine kleine Geschichte zu erzählen und kann zeigen, dass man sich auch außerhalb des Sports für eine gute Sache einsetzt.