05. Mai 2020 / 15:38 Uhr

Experte Prof. Dr. Rainer Tarek Cherkeh: "Die Krise zeigt, wie anfällig der Fußball ist"

Experte Prof. Dr. Rainer Tarek Cherkeh: "Die Krise zeigt, wie anfällig der Fußball ist"

Tobias Manzke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Prof. Dr. Rainer Tarek Cherkeh spricht sich unter anderem dafür aus, die 3. Liga so schnell wie möglich unter das Dach der DFL zu führen. 
Prof. Dr. Rainer Tarek Cherkeh spricht sich unter anderem dafür aus, "die 3. Liga so schnell wie möglich unter das Dach der DFL zu führen".  © Florian Petrow/imago images
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Prof. Dr. Rainer Tarek Cherkeh ist Honorarprofessor und Fachanwalt für Sportrecht. Er begleitete die HBL, als es um die Frage ging, ob die Saison in beiden Handball-Ligen abgebrochen werden soll. Wie sieht es mit dem Profifußball aus? Der SPORTBUZZER hat mit dem 51-Jährigen gesprochen.

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Die Handball-Saison wurde abgebrochen, warum ist das für den Profifußball offenbar keine Variante?

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Die Gefahr einer Infektion beim Spielbetrieb ist bei einem Hallen-Vollkontaktsport mit dem Spielgerät Handball nach Einschätzung von Experten höher zu bewerten, als beim Fußball. Auch sind die wirtschaftlichen Hintergründe beim Handball nicht mit dem Profifußball in den Bundesligen und den dort ausgeschütteten TV-Übertragungsgeldern vergleichbar.

Es ist es deshalb nachvollziehbar und aus meiner Sicht auch richtig, dass die DFL und die Bundesligisten jetzt alles daran setzen, den Spielbetrieb mit Geisterspielen und einem dann medizinisch vertretbaren Risiko fortzusetzen.

Warum?

Zumindest für die Klubs der Bundesligen sind die TV-Gelder, die auch bei Geisterspielen gezahlt werden, teils überlebenswichtig. Viele Klubs befinden sich in einer andernfalls existenzbedrohenden wirtschaftlichen Situation, die für einige unmittelbar in die Insolvenz führen kann. TV-Gelder, die an die Fortsetzung des Spielbetriebs der Bundesligen geknüpft sind, können dieses Szenario abwenden, auch wenn die Übertragungsgelder etwas niedriger als geplant ausfallen.

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Verliert der Fußball durch sein Alleinstellungsmerkmal im Profisport bei einer Fortführung der Saison seine gesellschaftliche Akzeptanz?

Maßgebliches Kriterium für die DFL und den DFB als Mitveranstalter der Spielbetriebe müssen das Wohl und die Gesundheit aller Beteiligten sein. Finanzielle Auswirkungen eines Saisonabbruchs, sei es für die DFL und den DFB oder für die jeweiligen Klubs, sind der Gefahr einer Infektion beim Spielbetrieb, nachzuordnen.

Die Verantwortlichen der Ligabetreiber und der Klubs wollen dies nach bestem Gewissen und mit Unterstützung durch hohe medizinische Fachkompetenz und nie dagewesenen Maßnahmen so auch umsetzen. Wenn es nach Wiederbeginn der Spielbetriebe jedoch zu Zwischenfällen kommt, könnte es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz der Fortführung des Spielbetriebs wackelig werden.

Es gibt die Diskussion, Profifußballer bis zum Saisonende als Quarantänemaßnahme in Hotels einzuquartieren. Ist das rechtlich möglich?

Eine wochenlange Dauerisolation von Mannschaften in Hotels, was die Arbeitsverträge der Spieler natürlich nicht vorsehen, wäre einseitig arbeitsrechtlich nicht durchsetzbar. So weit geht das Direktionsrecht des Klubs nicht. Umsetzen ließe sich dies allein freiwillig, also mit Zustimmung der betroffenen Spieler.

Ein Überblick: Das ist der Status quo bei Deutschlands Landesverbänden. Stand: 21. Mai 2020.

<b>Schleswig-Holstein:</b> Ob sie sich bei ihrem Weg auf Glatteis bewegen, wird sich zeigen. Klar ist: Das Präsidium des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes (SHFV) hat beschlossen, dass die Saison 2019/2020 nicht über den 30. Juni hinaus verlängert werden soll. Stattdessen wird sie ohne weiteren Spielbetrieb auslaufen. Mit anderen Worten: Sie ist abgebrochen worden. Die Entscheidung gibt unseren Vereinen die bestmögliche Planungssicherheit, wird SHFV-Präsident Uwe Döring auf der Homepage des Verbandes zitiert.

 Am 9. Mai entschied das Präsidium schließlich, die Saison mithilfe der Quotientenregel zu werten. Es gibt zwei Auf-, aber keine Absteiger. Sollte eine Mannschaft auf den Aufstieg verzichten, erfolgt keine Weitergabe des Aufstiegsrechts. Die ausstehenden Kreispokalspiele sollen als regionale Qualifikationsrunden vor Beginn der nächsten Saison gespielt werden. Bei den Frauen und Junioren steigen hingegen jeweils nur die Staffelsieger auf, Absteiger gibt es ebenfalls nicht.  Zur Galerie
Schleswig-Holstein: Ob sie sich bei ihrem Weg auf Glatteis bewegen, wird sich zeigen. Klar ist: Das Präsidium des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes (SHFV) hat beschlossen, dass die Saison 2019/2020 nicht über den 30. Juni hinaus verlängert werden soll. Stattdessen wird sie ohne weiteren Spielbetrieb auslaufen. Mit anderen Worten: Sie ist abgebrochen worden. "Die Entscheidung gibt unseren Vereinen die bestmögliche Planungssicherheit", wird SHFV-Präsident Uwe Döring auf der Homepage des Verbandes zitiert. Am 9. Mai entschied das Präsidium schließlich, die Saison mithilfe der Quotientenregel zu werten. Es gibt zwei Auf-, aber keine Absteiger. Sollte eine Mannschaft auf den Aufstieg verzichten, erfolgt keine Weitergabe des Aufstiegsrechts. Die ausstehenden Kreispokalspiele sollen als regionale Qualifikationsrunden vor Beginn der nächsten Saison gespielt werden. Bei den Frauen und Junioren steigen hingegen jeweils nur die Staffelsieger auf, Absteiger gibt es ebenfalls nicht.  ©

Welche rechtlichen Folgen würde es bei einem Abbruch im Profifußball geben?

In den Statuten und Lizenzverträgen zwischen DFL bzw. DFB und den Klubs der Ligen besteht zu der Frage der sportlichen Auswirkungen eines Saisonabbruchs während der Rückrunde eine Regelungslücke.

Ob man diese Lücke dann im Wege der ergänzenden Vertragsauslegung unter Berücksichtigung von Treu und Glauben schließt oder die sportliche Konsequenz des Abbruchs nach billigem Ermessen durch die Ligabetreiber entscheidet, das Ergebnis ist dasselbe: Bisherige sportliche Erfolge sind hinreichend zu würdigen, indem man die entsprechend platzierten Klubs aufsteigen und gleichzeitig die am schlechtesten platzierten Klubs aus Billigkeitsgründen nicht absteigen lässt. Dies liegt im Interesse der Ligabetreiber und aller Klubs, gerade auch derjenigen, die sich bei Abbruch auf einem Abstiegs- oder Aufstiegsplatz befinden.

Eine etwaige Annullierung der Saison wäre rechtlich angreifbar und würde zu gerichtlichen Auseinandersetzungen bis weit hinein in die kommende Spielzeit führen.

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Die Handball-Bundesliga hat aber ihre Saison ohne großes Theater abgebrochen.

Die HBL hat trotz des Abbruches der Ligen ebenfalls eine sportliche Wertung vorgenommen und in dieselbe Richtung zeigt die UEFA. Diese hat in der vergangenen Woche beschlossen, dass im Falle eines vorzeitigen Saisonabbruchs die betroffenen nationalen Ligen auf einer "transparenten und objektiven" Basis ihre Teilnehmer für die Champions League und Europa League nominieren sollen.

Die bis zum Abbruch erzielten sportlichen Erfolge sollen somit ausschlaggebend sein und dazu dürfte meines Erachtens vor allem die Tabelle vor dem Abbruch herangezogen werden, ggf. auf der Basis einerQuotientenregelung wie bei dem Saisonabbruch der HBL.

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Sollte es einen Rückschlag in der Pandemie-Entwicklung geben und die Saison trotz Start im Mai nicht bis Ende Juni zu Ende gespielt werden können, welche Auswirkungen hätte das auf Verträge?

Der 30. Juni ist der an die Statuten der Verbände gekoppelte Stichtag, an dem viele Verträge, insbesondere Arbeitsverträge mit Profispielern auslaufen. Dieser Termin ist in den meisten Spielerverträgen als Beendigungszeitpunkt fix und verlängert sich auch nicht „automatisch“, nur weil die Saison wegen der Besonderheit der Lage möglicherweise bis über den 30.06.2020 hinausläuft.

Für eine rechtssichere Vertragslage bedarf es dann des Abschlusses von Ergänzungs- oder Anschlussvereinbarungen, ggf. also unter Einbeziehung eines weiteren Klubs, wenn dieser den betroffenen Spieler bereits ab dem 01. Juli unter Vertrag hat.

Was können DFL und DFB bezogen auf den Abbruch der Saison der HBL lernen?

DFL und DFB befinden sich in einem guten und auch sehr engen Austausch mit den betroffenen Klubs der Ligen. Bis heute offen ist es jedoch, welche sportlichen Konsequenzen im Falle eines vorzeitigen Abbruchs des Spielbetriebs der Saison 2019/20 zu erwarten sind.

Die HBL hat bereits Anfang April über die Medien offen kommuniziert, dass es im Falle eines Saisonabbruchs keine Absteiger, sondern lediglich Aufsteiger in die Saison 2020/21 geben wird. Das war wichtig für die Planungssicherheit der HBL-Klubs, die über den späteren Abbruch ja erst noch zu entscheiden hatten.

Auch für die Fußball-Klubs der Bundesligen und der 3. Liga sollten die wesentlichen sportlichen Konsequenzen vor einem etwaigen Abbruch der Saison, der ja noch jederzeit denkbar ist, klar und transparent sein. Das ist es aber bis heute nicht. Diese Unsicherheit für die Klubs ist nicht hilfreich und daher sollten die DFL und der DFB sich zu den sportlichen Auswirkungen eines Abbruchszenarios positionieren.

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Welche Konsequenzen sollte der Fußballsport im Profibereich aus dieser Krise ziehen?

Die aktuelle Situation zeigt sehr dramatisch, dass viele Klubs der Bundesligen und 3. Liga es nicht schaffen, zwei oder drei Monate wirtschaftlich zu überstehen. Deshalb sind die Klubs jetzt auch so dringend und trotz aller Bedenken und Risiken auf die Fortsetzung des Spielbetriebs angewiesen.

Die Corona-Krise bringt deutlich zum Vorschein, wie anfällig der Profifußball ist. Sie bietet aber auch die Chance, ihn mit mittelfristig umzusetzenden Maßnahmen wirtschaftlich widerstandsfähiger aufzustellen.

Wie könnte das aussehen?

Erstens sollten die Ligabetreiber ihre Lizenzierungsverfahren reformieren und bei der Überprüfung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Klubs nicht nur die nächste Saison, sondern einen längeren Zeitraum und Rücklagenbildung in den Blick nehmen.

Zweitens müssen die Klubs den prozentualen Anteil der Ausgaben für Spielergehälter an den Gesamteinnahmen deutlich reduzieren. Denn wenn, wie in den fünf großen Ligen Europas, 50 bis 70 Prozent der Klubumsätze in Spielergehälter fließen, ist die Krisenanfälligkeit hausgemacht. Und drittens darf es surreale Ablösesummen nicht mehr geben.

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Ist zum Beispiel eine Gehaltsobergrenze wie in US-Sportarten auch rechtlich denkbar? 

Salary Caps für die Lizenznehmer der DFL kartellrechtskonform umzusetzen ist zwar herausfordernd, aber nicht unmöglich. Unter bestimmten Voraussetzungen können verbandsrechtliche Regelungen, die teambezogene Gehaltsobergrenzen schaffen, sowohl im nationalen wie auch im europäischen Kontext wirksam sein.

Eine weitere Möglichkeit zur Einführung von Salary Caps könnte die Regelung in einem Tarifvertrag sein, nach US-amerikanischem Vorbild. Damit die Bundesliga im internationalen Wettbewerb keinen Nachteil hat, sollte ein Cap aus Gründen der Chancengleichheit bei allen europäischen Top-Ligen eingeführt werden. Dazu müsste man die UEFA einbinden. Notfalls geht die DFL mit diesem Thema aber allein voran.

Martin Kind hat sich jüngst zu Recht dafür ausgesprochen, die Diskussion über Gehaltsobergrenzen neu zu führen. Wann, wenn nicht jetzt?

Welche Rolle wünschen Sie sich in Zukunft für die 3. Liga?

Die aktuelle Krise trifft die Klubs der 3. Liga am härtesten. In den elf Jahren seit Bestehen hat sie in der Gesamtbetrachtung neunmal rote Zahlen geschrieben. Viele Klubs können sich schon jetzt nur durch Kurzarbeit über Wasser halten. Am schlimmsten aber trifft es die Klubs, die die 2. Bundesliga in Richtung 3. Liga verlassen und bei dann gravierend niedrigeren Einnahmen aus TV-Geldern sowie annähernd gleich hoher Personalkostenlast zum schnellen Wiederaufstieg verdammt sind.

Daher habe ich mich jüngst gemeinsam mit dem Sportökonomen Albert Galli dafür ausgesprochen, die 3. Liga so schnell wie möglich unter das Dach der DFL zu führen. Doppelstrukturen beim DFB und der DFL wie zweigleisige Lizenzierungsverfahren, die Auf- und Abstiegsaspiranten aus der 2. Bundesliga und der 3. Liga regelmäßig beim DFB und der DFL durchlaufen müssen, könnten entfallen.

Durch eine gemeinsame Vermarktung, insbesondere der Medienrechte, und eine entsprechende Verteilung der Einnahmen, ließe sich eine auskömmliche Finanzierung der 3. Liga in dann echter Solidarität mit den Bundesligen sicherstellen.