07. September 2021 / 17:03 Uhr

Fanforscher Pilz zu Trikotwerbung für Opferfonds: Verband "kuscht in vorauseilendem Gehorsam"

Fanforscher Pilz zu Trikotwerbung für Opferfonds: Verband "kuscht in vorauseilendem Gehorsam"

Britt Schlehahn
Leipziger Volkszeitung
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Gunter A. Pilz stärkt TeBe Berlin den Rücken. © imago/Hartenfelser
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Darf ein Fußballteam auf seinen Trikots für gemeinnützige Organisationen werben? Der Nordostdeutsche Fußballverband hat diese Frage jüngst im Fall von TeBe Berlin und einem Opferfonds rechter Gewalt mit Nein beantwortet. Dagegen regt sich bundesweit Widerstand. Fanforscher Gunter A. Pilz findet im SPORTBUZZER-Interview deutliche Worte und fordert wie viele andere auch eine Änderung der Spielordnung.

Leipzig/Berlin. Vor zwei Wochen veröffentlichte Fußball-Regionalligist Tennis Borussia Berlin gemeinsam mit der Amadeu Antonio Stiftung einen offenen Brief unter dem Motto "Position beziehen für die demokratische Zivilgesellschaft". Im Papier schlagen die Initiatoren vor, die Spielordnung des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) so zu ändern, dass auf den Spielertrikots für gemeinnützige Organisationen wie "CURA. Opferfonds rechter Gewalt" geworben werden darf. Mittlerweile unterzeichneten hunderte Menschen, Vereine und Organisationen diesen Brief. Während der NOFV eher darauf setzt, "ohne Hektik" auf die Forderung zu reagieren, fragte der SPORTBUZZER bei einem Unterzeichner des Briefes nach. Gunter A. Pilz ist einer der renommiertesten Fanforscher in der Bundesrepublik und Vorsitzender des Netzwerkes Sport und Politik für Fairness, Respekt und Menschenwürde.

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SPORTBUZZER: Sie haben den offenen Brief von TeBe unterstützt. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Gunter A. Pilz: Der NOFV bekennt sich in seiner Satzung ausdrücklich zu den Menschenrechten und verspricht, sich entschieden gegen jede Form von Diskriminierung zu wenden. Dann erscheint es mir nur konsequent, dass er Werbung für gemeinnützige Organisationen, die genau dies im Fokus ihrer Arbeit haben, auch auf den Trikots erlaubt.

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Was halten Sie von der Position des NOFV, den Opferfonds rechter Gewalt als zu einseitig zu interpretieren?

Das ist immer das Totschlagargument konservativer Institutionen, in dem sie dann auch auf linke Gewalt verweisen. Es wird doch niemand daran gehindert, auch Werbung für Institutionen zu machen, die sich für andere Opfer von Gewalt einsetzen, solange diese Institutionen die Menschenrechte, die Werte des Sports und zivilisierter Gesellschaften achten.

Welche Zeichen setzt der Verband Ihrer Meinung nach im Hinblick auf das gesellschaftliche Engagement im Fußball?

Die Aussage, dass das Engagement für Opfer rechter Gewalt auf den Trikots zu politisch und nicht neutral sei, steht für ein falsches Neutralitäts- und Politikverständnis. Das Neutralitätsgebot bezieht sich eindeutig auf parteipolitische Neutralität. In Bezug auf seine Werte, Ziele und Aufgaben ist und war der Sport immer politisch und muss es auch sein. Ein „zu politisch“ kann und darf es da nicht geben. Fataler allerdings ist die Begründung gegen die Trikotwerbung, dass sich dadurch „bestimmte Fans provoziert fühlen“ könnten. Wer fühlt sich denn von einem Opferfonds gegen rechte Gewalt provoziert? Das können doch wohl nur Rechtsextreme sein, vor denen man mit dieser Argumentation quasi in vorauseilendem Gehorsam kuscht, und das ist eine politische Botschaft, die ganz im Gegensatz zu den eigenen Werten und der eigenen Satzung steht.

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Halten Sie die Verbandsposition für eine typisch ostdeutsche Position?

Das wäre zu einfach: Es gab in der Vergangenheit auf Vereinsebene auch ähnliche Positionen in Westdeutschland. Dennoch kann auch nicht verschwiegen werden, dass es bei ostdeutschen Vereinen und Verbänden diesbezüglich zum Teil noch ausgeprägter an der hier dringend gebotenen Sensibilität mangelt.


Haben die Debatten während der Fußball-EM um Regenbogenfahnen überhaupt keine Auswirkungen auf das hiesige Fußballsystem?

Ich glaube nicht, dass einzelne öffentlichkeitswirksame Aktionen – so wichtig und gut gemeint sie auch sind – große Veränderungen bringen, wenn diese nicht in ein langfristig angelegtes Konzept eingebunden sind. Und welche Auswirkungen hat denn die Reaktion der UEFA, beim EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn zu untersagen, das Münchner EM-Stadion in Regenbogen-Farben zu beleuchten, gehabt? Welche Botschaft wurde denn damit ausgesandt? Damit wurden von oberster Verbandsebene viele der gut gemeinten Aktionen, zum Beispiel regenbogenfarbige Armbinden konterkariert, und gerade die Einstellungen Derjenigen bestärkt, die gegen die Vielfalt sexueller Orientierungen sind.