05. Februar 2018 / 09:43 Uhr

Fanforscher Pilz zu 50+1: "Man darf die Wurzeln und die Seele des Vereins nicht verkaufen"

Fanforscher Pilz zu 50+1: "Man darf die Wurzeln und die Seele des Vereins nicht verkaufen"

Christian Purbs
Hannoversche Allgemeine / Neue Presse
Gunter A. Pilz: Die Fans haben mit Martin Kind ein ausgeprägtes Feindbild.
Gunter A. Pilz: "Die Fans haben mit Martin Kind ein ausgeprägtes Feindbild." © imago/Martin Hoffmann/dpa
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Der Fanforscher Gunter A. Pilz spricht im Interview über die 50+1-Regel und die Situation bei Hannover 96. Außerdem rechnet er auch im Falle einer Ablehung des Ausnahmeantrags von Martin Kind mit einem andauernden Stimmungsboykott der organisierten Fanszene.

Hallo, Herr Pilz, es ist geplant, dass die DFL am Montag über den Antrag von 96-Boss Martin Kind auf eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel entscheiden wird. Wie schätzen Sie die Situation ein?

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Wenn die DFL den Antrag ablehnen sollte, wird sie das in dem Bewusstsein tun, dass Kind klagen wird – und wahrscheinlich recht bekommt. Allerdings musste sie die Entscheidung nicht fällen, was strategisch gesehen auch besser bei den Fans ankommt.

Gibt es keine andere Möglichkeit?

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Wenn ich die Neujahrsansprache von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert richtig interpretiere, dann hat er signalisiert, dass die jetzige Form der 50-1-Regel nicht im Interesse der DFL ist und er auch die Gefahr sieht, dass die Bundesliga dadurch international abgehängt wird. Ich kann mir deshalb vorstellen, dass die Regel noch aufgeweicht wird.

Choreos, Spruchbänder, Schweigen: Die Proteste bei Hannover 96 in Bildern.

Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. Zur Galerie
Protestbanner beim Heimspiel am 15. Dezember 2018 gegen Bayern München. ©

Und was spricht dagegen?

Dass die DFL und auch die Fans ein verständliches Interesse daran haben, dass 50+1 nicht wie in England völlig über den Haufen geschmissen wird. Deshalb gibt es ja auch die Regel, dass man mindestens 20 Jahre lang einen Verein gefördert haben muss. Es will ja niemand, dass da irgendwelche durchgeknallten Scheichs oder Oligarchen einen Verein kaufen und dann, wenn sie keine Lust mehr haben, ihn einfach wieder verschleudern. Kind legt deshalb auch Wert darauf, dass diejenigen, die bei 96 einsteigen würden, aus der Region kommen und dadurch auch das sichern, wofür die Fans stehen. Man muss der historischen und sozialen Verwurzelung des Fußballs und des Vereins gerecht werden und darf nicht die Wurzeln und die Seele des Vereins verkaufen.

Die Seele des Fußballs und des Vereins zu erhalten: Ist das der Hauptgrund für den Protest der Fans?

Die Ultras stehen einer hemmungslosen Kommerzialisierung des Fußballs kritisch gegenüber. Gleichwohl wissen sie auch, dass man international nicht mithalten kann, wenn man Tagträumer ist. Ich habe jedoch den Eindruck, dass es bei Hannover 96 um mehr geht.

Bei 96 kanalisiert sich der Protest auf Clubchef Martin Kind.


Genau, die Fans haben mit Martin Kind ein ausgeprägtes Feindbild, das sich aus vielen Dingen speist. Da sind nicht nur seine manchmal undiplomatischen Äußerungen zum Thema 50+1, sondern auch wenn es zum Beispiel um Pyrotechnik geht. Ich habe bei dem mittlerweile anhaltenden Protest der Fans das Gefühl, dass es in erster Linie nicht mehr nur um 50+1 geht, sondern dass auf dieser Welle reitend versucht wird, Kind das Leben schwer zu machen und das Feindbild zu pflegen und zu leben.

Bilder zur Demo der 96-Fans gegen die Übernahmepläne von Martin Kind (Januar 2018):

Bilder zur Demo der 96-Fans gegen die Übernahmepläne von Martin Kind. Zur Galerie
Bilder zur Demo der 96-Fans gegen die Übernahmepläne von Martin Kind. ©

Hätte Kind diesen Konflikt verhindern können?

Wenn Kind nur ein Stück von seiner Machtbesessenheit und seiner undiplomatischen Verhaltensweise abgerückt wäre, hätte er dieses Problem nicht. Wenn er mit den Fans den Dialog gesucht und ihnen erklärt hätte, was er will und was er vorhat, wenn 50+1 in seinem Sinne kippt, dann wäre die Konfrontation wahrscheinlich erheblich geringer. Und eines ist auch klar: Sie treffen mit dem Dauerprotest ja nicht Kind, sondern die Mannschaft. Wenn ich für die Mannschaft und den Verein bin, dann würde ich mir irgendwann auch einmal überlegens, ob so ein Stimmungsboykott Sinn macht.

Wie werden die Boykott-Fans reagieren, wenn der Antrag von Kind abgelehnt wird? Wären sie dann der große Sieger?

Wenn sie konsequent sind, beenden sie den Stimmungsboykott nicht. Denn mit der Ablehnung durch die DFL sind ja die Bemühungen von Kind nicht beendet. Er hat ja gesagt, dass er in diesem Fall sofort vor Gericht ziehen wird. Damit würde es die nächste Hängepartie geben. Ich fürchte, dass die Ultras so lange protestieren werden, wie Kind sein Ziel verfolgt, die 50+1-Regel zu kippen und den Verein zu übernehmen.

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Also bleibt die schlechte Stimmung im Stadion?

Das steht zu befürchten. Ich hoffe andererseits, dass die Ultras irgendwann zur Besinnung kommen und realisieren, dass sie mit dem Stimmungsboykott die Mannschaft und damit die Falschen treffen. Zumal sie mittlerweile bei einem Mann wie Kind begriffen haben müssten, dass ihn auch ein Dauerprotest nicht von seinen Zielen abbringt.