12. Mai 2017 / 14:55 Uhr

Fans von RB Leipzig: Mit dem Herzen gegen Neid und Hass

Fans von RB Leipzig: Mit dem Herzen gegen Neid und Hass

Alexander Bley
Leipziger Volkszeitung
All colors are beautiful. 
Ein Zeichen gegen Homophobie und Rassismus haben die RB-Fans vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen gesetzt.
All colors are beautiful. Ein Zeichen gegen Homophobie und Rassismus haben die RB-Fans vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen gesetzt.
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Die Anhänger von RB Leipzig sind anders, positiv anders. Sie sind friedlich. Sie verzichten auf Schmähungen und begeistern im Stadion mit riesigen Choreographien.

Leipzig. Erfolgsfans, Totengräber des Fußballs, Eventgänger – auf die Anhänger von RB Leipzig wird entweder Neid und Hass projiziert – oder sie werden einfach nur belächelt. Anfeindungen, die sich wiederholen wie der Refrain von Volksliedern. Zuletzt in der Landeshauptstadt, in die etwa 8000 Schlachtenbummler der Leipziger nicht etwa des schönen Wetters wegen kamen, sondern um ihr Team gegen die Hertha anzufeuern. Und wie. Ohne den Gegner zu beleidigen, mit einer Prise Selbstironie, deutlich hörbar in dem knapp 75 000 Menschen fassenden Olympiastadion. Friedlich.

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„Viel eher wurde gestern im Stadion klar, dass die Leipziger vielleicht keine Tradition haben, aber dafür Leidenschaft“, schrieb die Hertha Fanbase 1892 am Sonntag auf Facebook. „Wir haben gestern Situationen gesehen, bei denen Leipziger Fans grundlos beleidigt, gestoßen und geschubst wurden, aus der einfachen Motivation, weil man seinen Hass gegenüber RB Leipzig kundtun möchte. Niedergang der Fankultur? Von wegen! Während unsere Stimmung durch das Benehmen vereinzelter Fans stark getrübt war, machten die Leipziger auch in der allerletzten Reihe des Oberrings im Olympiastadion noch Stimmung. Sie feuerten ihr Team an und konzentrierten sich nicht darauf, den Gegner zu beleidigen oder niederzumachen: Grund für Häme hätten sie ja genug gehabt.“

Genau diesen Reflex der Leipziger – nicht alttestamentarisch Auge um Auge zu fordern – betont auch Harald Lange. Der Sportwissenschaftler und Gründer des Instituts für Fankultur hebt besonders die Choreographie der RB-Fans nach den Attacken und Schmähungen in Dortmund hervor. Mit Hunderten von Plakaten demonstrierten sie gegen Gewalt. „Ohne Schmähungen haben sie den Dortmundern den Spiegel vorgehalten und zum Thema gemacht, dass sie anders sind“, beschreibt der Professor. „Der Fußball verändert sich, ganz besonders ist das in Leipzig zu beobachten.“

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Was vor allem auch an der strategischen Entscheidung von Red Bull festgemacht werden kann, Leipzig für das Fußball-Projekt auszuwählen. Verbunden mit dem rasanten Aufstieg in die europäische Königsklasse – eine Erfolgsgeschichte. Die perfekte Nährwiese für unkritische Fans. Ultraszene RB ade? Lediglich Fußballkonsumenten, die sich das Spiel zu Gemüte führen wie eine Dose Brause?

Nein, es gibt Strömungen, die auch Vereins-Strukturen kritisieren – etwa den Mangel an Mitbestimmung. Interkulturell haben die Le Crazy Rats – kurz Lecrats – mehrfach ein buntes Zeichen gegen Homophobie und Rassismus gesetzt. Politisch zuletzt die Red Aces, indem sie sich von Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz distanzierten. Wegen dessen Äußerungen zur Einwanderung. Auch auf das Verdrängen von Subkulturen im Leipziger Westen machten einige Fans aufmerksam und sprachen sich für den Erhalt des Westwerks aus.

Damit bewegen sich auch die Leipziger Ultras auf der Spielwiese der Szene – sie setzen sich kritisch mit der Gesellschaft und der Politik auseinander. Soweit möglich. Denn sonst gibt es tatsächlich nicht viel zu kritisieren.

Umso mehr Zeit bleibt den fanatischen Anhängern, großflächige Choreographien zu erstellen. „Damit zeigen die Ultras Präsenz, wem das Stadion gehört“, erklärt Fanexperte Lange. „Seit zehn, zwölf Jahren vermischt sich das mit einem Event- und Unterhaltungsstrang.“ Aber trotz dieser großen Banner ist die Fanszene eines Vereins in der Regel ambivalent. Lange stellt die Frage: „Haben die Einlagen nur Showeffekt, dienen der Unterhaltung oder transportieren sie Botschaften?“

Bunt und vielfältig ist die Fanszene von RB Leipzig. 
Bunt und vielfältig ist die Fanszene von RB Leipzig.  © Picture Point

Dabei gehöre es zum Standard, sich gegen Rassimus und Homophobie stark zu machen, so der Experte. Für die bunte Regenbogenflagge mit der im MM-Rhythmus schlagenden All-Colors-Choreo haben die Lecrats mehrere Wochen gebraucht. Etwa 15 Helfer haben das Motiv aus der Folie geschnitten. Dabei helfen sich die Fanclubs untereinander. Finanziert wird das große Bild mittels Spenden, die auf den Rängen oder vor dem Stadion gesammelt werden. „Die Kosten übersteigen immer schnell den vierstelligen Bereich“, sagen die Lecrats.

Vier kurvenfüllende Bilder gab es bisher in dieser Saison in der Schüssel im Zentralstadion zu bewundern. Allesamt entstehen am Reißbrett. Den Entwurf leiten die jeweiligen Fanclubs an den Fanbeauftragten weiter. Wie bei anderen Vereinen auch, sind die Bilder genehmigungspflichtig. „Bis jetzt wurde alles genehmigt“, sagen die Lecrats.

Und was ist die Intention der Fanclubs, die riesigen Bilder zu gestalten? „Unsere bisherigen Choreos sollten stets die Stadt, die Kurve präsentieren und/oder die Mannschaft nach vorn pushen. Für uns gehören Choreos einfach mit dazu“, begründen die Lecrats ihr Engagement. Sie selbst beschreiben sich als unpolitisch.

Die Hommage an das 60-jährige Bestehen des Zentralstadions gehört in jene Kategorie. Eigentlich. Denn mit dem wehenden Banner, das die Rasenballisten gut zweieinhalb Monate beschäftigte, machten sie sich auch für den Verbleib des Stadions im Herzen von Leipzig stark. Übrigens: 4535,14 Euro hat diese Choreo gekostet. 70 Edding-Marker wurden verschlissen, 2250 Meter Klebeband be­nötigt, um 3500 Quadratmeter weiße und 300 Quadratmeter schwarze Folie zu verkleben. Diese wurden mit 185 Litern Folienfarbe bemalt.

Die Komponente, etwas gemeinsam zu bewegen, wird von der Szene nicht am Stadionzaun abgehängt. Kleiderspenden wurden im April gesammelt und der Diakonie übergeben. Mit „9999 Becher für Lia“ machten sie nicht nur auf das Schicksal eines schwer erkrankten Mädchens aufmerksam, sondern spendeten sogar 13 234,46 Euro.