21. September 2020 / 10:23 Uhr

Fansprecherin Helen Breit: "Der Fußball wurde in der Vermarktung überhöht"

Fansprecherin Helen Breit: "Der Fußball wurde in der Vermarktung überhöht"

David Joram
Märkische Allgemeine Zeitung
Fan-Sprecherin Helen Breit: Wir haben in Deutschland ein besonderes Modell – der Profifußball ist aus eingetragenen Vereinen hervorgegangen.
Fan-Sprecherin Helen Breit: "Wir haben in Deutschland ein besonderes Modell – der Profifußball ist aus eingetragenen Vereinen hervorgegangen." © Philipp von Ditfurth/dpa
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Helen Breit ist Teil der Initiative "Zukunft Profifußball". Im SPORTBUZZER-Interview spricht sie über Auswüchse der Branche, die spezielle Rolle des Fußballs in Deutschland - und fordert eine 75+1-Regel.

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Frau Breit, für welchen Verein schwärmen Sie?

Helen Breit: Das ist der SC Freiburg! Ich lebe dort, bin da geboren und aufgewachsen und als Kind schon zum SC gegangen.

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Bayern-Profi David Alaba (von links), Union-Neuzugang Max Kruse und Köln-Trainer Markus Gisdol starten mit ihren Teams in die neue Saison. Zur Galerie
Bayern-Profi David Alaba (von links), Union-Neuzugang Max Kruse und Köln-Trainer Markus Gisdol starten mit ihren Teams in die neue Saison. ©

Aktuell dürfen die Vereine maximal 20 Prozent ihrer Stadionkapazität auslasten. Wollen Sie unter solchen Bedingungen überhaupt ins Stadion?

Einmal würde ich es mir anschauen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es meine Leidenschaft wieder wecken wird. Für mich sollte Fußball im Stadion anders stattfinden als es nun der Fall ist.

Das Projekt „Zukunft Profifußball“, für das Sie Fansprecherin sind, kritisiert den deutschen Spitzenfußball, Sie sehen Reformbedarf. Andererseits hat der FC Bayern die Champions League gewonnen und viele Engländer kommen nach Deutschland, um „echten Fußball“ zu erleben. Wie passt das zusammen?

Wir schauen sehr genau hin. Kritik hilft immer, Dinge besser zu machen. Wir sehen Auswüchse im Fußball, die in dieser speziellen Situation nochmal besonders deutlich geworden sind. Man muss jetzt fragen: Wie möchte man den Profifußball langfristig erhalten, gerade in der Art und Weise, wie er in Deutschland gelebt wird und die gesellschaftliche Rückkopplung hat. Zu sagen, in England läuft es noch schlechter, hilft nicht, weil Fußball immer auch in einen nationalen und regionalen Kontext eingebettet ist.

Ihr Projekt „Zukunft Profifußball“ ist nicht das einzige. Auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben gleichnamige Initiativen gestartet. Bei der DFL gehören der Initiative neben Ihnen auch Manager wie Fredi Bobic oder Max Eberl an, Politiker wie Cem Özdemir (Grüne) oder Martin Schulz (SPD) sind dabei, die Juristin Sylvia Schenk und 29 andere Experten. Steht es so schlimm um den deutschen Profifußball?

Ich würde eher fragen, warum wir uns erst jetzt darüber unterhalten, was es im deutschen Profifußball zu tun gibt. Und ja, ich und viele andere merken, dass der Profifußball gerade in einer Situation ist, wo er um die Akzeptanz in der Gesellschaft werben muss. Diese Idee, dass der Fußball Volkssport sei, wurde einfach vorausgesetzt; dass die hohe Bedeutung des Fußballs in unserer Gesellschaft und die Bindung der Fans einfach gegeben sei. Letztlich geht es ja darum: Was verspricht der Fußball aus Fanperspektive?

Was sagen Sie?

Dass man Teil sein kann, hohe Emotionalität damit verbinden kann, dass soziale Erfahrungen und Austausch ermöglicht werden. Je weiter der Fußball zum Produkt verkommt und je weniger es noch der nahbare Fußball ist, desto mehr werden Menschen damit fremdeln. Wir müssen also eine gute Balance finden zwischen den wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlicher Verantwortung.

Ihr Eckpunkte-Papier, das an diesem Montag erschienen ist, heißt „Vereine als demokratische Basis“. Hertha BSC sollte also wie der Mögeliner SC oder der Seeburger SV organisiert sein?

Wir haben in Deutschland ein besonderes Modell – der Profifußball ist aus eingetragenen Vereinen hervorgegangen. Kernelement von Verein ist, dass sie demokratisch strukturiert sind; dass es Mitbestimmungselemente gibt und dass sie faktisch den Mitgliedern gehören. So argumentieren wir: Die Vereine verpflichten den Fußball, diese Balance zu halten – weil der Fußball eben nicht Einzelnen gehört oder nur dem Gelderwerb dient. Klar ist: Das Vereinsmodell hält den Profifußball in seinen wirtschaftlichen Bestrebungen auf dem Boden. Aber wir alle wissen, dass es vom kleinen Verein – wie etwa dem Mögeliner SC – bis zum großen Verein darauf ankommt, wie man Mitbestimmungsmöglichkeiten eröffnet oder eben nicht eröffnet.

Beim Mögeliner SC dürfte die Mitsprache leichter fallen als bei Hertha BSC.

Natürlich. Auch wenn ich zum SC Freiburg zur Mitgliederversammlung gehe, kann ich meist nur durch meine Stimme oder meinen Redebeitrag versuchen, Einfluss zu nehmen. Wenn ich in eine Versammlung gehe, in der nur 300 Leute sitzen, dann verhält sich das selbstverständlich anders.

In Ihrem Papier fordern Sie, aus der 50+1-Regel eine 75+1-Regel zu machen. Warum?

Es geht um eine konsequente Einhaltung des Gedanken von 50+1: Die Muttervereine müssen immer die volle Kontrolle über ihre ausgegliederten Kapitalgesellschaften behalten. Hält ein Verein zum Beispiel an einer Aktiengesellschaft weniger als 75 Prozent der Stimmen, kann dies aufgrund geltenden Rechts dazu führen, dass der Verein wichtige Entscheidungen in der Kapitalgesellschaft nicht mehr durchsetzen kann. Hier brauchen wir eine Regelung, die den Gedanken von 50+1 absichert.

Mehr zur 50+1-Regel

Taugt der heutige Profifußball überhaupt noch für dieses idealisierte Vereinswesen? Oder anders gefragt: Sollten Fußballfans vielleicht einfach akzeptieren, dass es um Verkaufe geht, um ein Hochglanzprodukt?

Es gibt sicher Menschen, die akzeptieren das. Ich und viele andere aktive Fans gehören nicht dazu, weil wir die Bindung an den Verein nach wie vor spüren und sie einfordern.

Werden Menschen nicht einfach deshalb Mitglied in einem Profiverein, um leichter an Tickets oder günstigere Trikots zu kommen?

Die Frage ist, welche Anreize Vereine setzen, damit Menschen Mitglied werden. Und da stimme ich Ihnen zu, diese Entwicklung ist natürlich kritisch zu sehen. Wenn der Verein also sagt: Gib mir dein Geld und du kriegst einen Vorteil dafür, dann geht der ideelle Wert und partizipative Anspruch verloren. Wenn man sich die eine oder andere Mitgliederversammlung anschaut und wie da Mehrheiten gewonnen werden, dann ist das kein demokratischer Prozess mehr, weil zuvor überhaupt keine Willensbildung stattgefunden hat. Kurzum: Exklusive Vorteile für einen blinden und unkritischen Blick auf den Verein.

Was für Probleme entstehen dadurch?

Es gibt ja Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen, gerade junge Menschen. Manchmal frage ich mich, wo die Zukunft der Präsidien, die noch aus dem Verein kommen, liegt, wenn jungen Menschen gesagt wird: bitte macht nicht mit und konsumiert nur.

Was haben Sie als aktives Mitglied des SC Freiburg e.V. schon erreicht?

Als kleines Beispiel: Der Sportclub hatte lange keine Positionierung gegen Sexismus; das haben wir dann gemeinsam erreicht, dass dieses Thema aufgegriffen wird. Ich wünsche mir einen Profifußball, der diesen Spagat meistert – zwischen Gewinnmaximierung und sozialer Verantwortung. Falls nicht, wäre der Profifußball nur noch zur Unterhaltung da. Wenn ich zum Beispiel bei RB Leipzig im Stadion bin, habe ich mehr das Gefühl, in einem Theater zu sein, als wenn ich bei der Eintracht bin.

RB-Fans würden wahrscheinlich etwas anderes behaupten.

Wahrscheinlich.

Was der Fußball alles sein müsse – Kitt der Gesellschaft – und zu tun habe, hört man oft. Wurde er jahrzehntelang einfach auch total überhöht?

Einerseits: ja. Vor allem in der Vermarktung wurde er überhöht. Andererseits: Wenn ich mit vielen Menschen spreche, was der Fußball für sie für eine Bedeutung hat, dann wird ersichtlich, welche soziale Kraft der Fußball ermöglicht. Was ich wiederum auch glaube: dass der Fußball diese Kraft nicht immer proaktiv bedient oder sich dessen bewusst ist. Und ein Aspekt noch.

Bitte.

Wo kann ich heutzutage noch zugehörig sein ohne Leistung zu bringen? Im Fußballverein geht das, gerade als Fan, weil ich den Sport nicht mal können muss. Ich brauche keine speziellen Fähigkeiten, um mich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben. Ich muss nur Eintrittsgeld bezahlen.

Tendenziell werden die Tickets eher teurer.

Deshalb sagen wir, dass sozialverträgliche Eintrittspreise so wichtig sind. Weil sonst Menschen ausgeschlossen werden.

Vision 2030 – wie sieht der Profifußball dann aus?

Dann wären die Initiativen des DFB und der DFL mehr als ein Brainstorming. Die Vereine hätten sich dann schon 2021 auf erste kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen geeinigt und sie sukzessive umgesetzt. Fußball würde dann als sportliche Disziplin und als Volkssport in einer gleichwertigen Beziehung stehen.

Praktisch gefragt: Wären dann über die Hälfte aller Plätze Stehplätze für maximal zehn Euro? Und gäbe es auch weiterhin Bier?

Wir hätten ein Stadionerlebnis, das auf allen Ebenen inklusiv wäre. Was Fußball ohne Fans wäre, das haben wir ja in den vergangenen Monaten sehr deutlich gesehen.