05. Januar 2022 / 08:17 Uhr

FC Bayern bis zum letzten Atemzug: Was den Menschen Uli Hoeneß ausmacht

FC Bayern bis zum letzten Atemzug: Was den Menschen Uli Hoeneß ausmacht

Raimund Hinko
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Uli Hoeneß trägt den FC Bayern München für immer im Herzen.
Uli Hoeneß trägt den FC Bayern München für immer im Herzen. © IMAGO/Sven Simon/Passion2Press/Montage
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Uli Hoeneß wird am Mittwoch 70 Jahre alt: Zu seinem Ehrentag erinnert sich Reporterlegende Raimund Hinko an die bewegendsten Erlebnisse mit dem Patron des FC Bayern.

Obwohl ihm sein messerscharfer Verstand sagt, dass dieser Wunsch niemals in Erfüllung geht, würde der kühl rechnende Uli Hoeneß, wenn er wieder mal auf seinen Bauch hört, lieber noch mal 50 oder 60 sein. Dennoch blickt er heute, an seinem 70. Geburtstag, relativ zufrieden von seinem Hügel in Bad Wiessee runter auf den Tegernsee. Jeder, der mal das Vergnügen hatte, dort in seinem Landhaus zu sitzen, wird bestätigen, dass es mit der schönste Blick der Welt ist. Dass man sich im Paradies wähnt, wenn Rehe und Hirsche vor seinem Wohnzimmer vorbeiziehen. Auch wenn sich Hoeneß, wie er selbst sagt, seit zwei Jahren im Unruhestand befindet nach seinem Rückzug als Bayern-Präsident, gibt es Momente im Kreise seiner vier Enkel, wo er kurz vergisst, der Immer-noch-Aufsichtsrat zu sein, an dem alle zerren. Und der Karl-Heinz Rummenigge bewundert, weil der sich so prima abgenabelt hat vom FC Bayern.

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Alles, was er so anpackt im Leben, hatte den Anspruch, das Beste auf der Welt zu sein, wie er das gerne hinausposaunt: Der größte Verein der Welt (FC Bayern). Der beste Torhüter der Welt (Manuel Neuer). Der beste Torjäger der Welt (Robert Lewandowski). Die besten Spieler aller Zeiten (Franz Beckenbauer, Gerd Müller). Hoeneß sagt: "Ich werde dem FC Bayern so lange dienen, bis ich nicht mehr atmen kann." Und dabei lässt er zu Silvester gerne vor Jahren aus der Schweiz importierte Raketen steigen: "Die schönsten der Welt …"

Hoeneß: "Man wird von mir hören"

Es ist verräterisch, wenn Uli einerseits sagt, "mit 70 wird mir bewusst, dass die Zeit endlich ist", anderseits vom großen Bellheim spricht, wo Mario Adorf im Film als über 70-Jähriger ein Kaufhaus saniert. Was den Verdacht nahelegt, dass es ihn doch noch mal reizt, was ganz Großes in die Welt zu setzen. "Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Zigarre rauchender und Golf spielender Rentner bin. Man wird von mir hören."

Geläutert von der Verurteilung wegen Steuerhinterziehung und 21 Monaten Haft, die ihn demütig gemacht haben: "Ich habe Riesenmist gebaut, bin jedoch kein schlechter Mensch. Sie werden keine fünf Menschen in meinem Umfeld finden, die sagen, dass ich ein Arschloch bin."

Es sprengt Bücher, auch nur annähernd alles über Hoeneß zu erzählen. Auch in meinem Kopf löst sein Leben Stürme aus. Als der Stürmer Uli Hoeneß 1970 aus Ulm zu Bayern kam, beeindruckte mich zuerst sein Porsche. Bei der Olympia-Auswahl, die 1972 für Deutschland spielte, stiegen die Spieler in den Mannschaftsbus, "Hoeneß fuhr im Porsche hinterher", wie der Stürmerkollege Ottmar Hitzfeld erzählt, "und überholte uns mit sichtlichem Vergnügen."

Hoeneß überlebte einen Flugzeugabsturz und flog nach der Behandlung im Krankenhaus wieder nach Hause

Niemals war Hoeneß glücklicher als 1974 nach dem 4:0 im Europacupfinale gegen Atletico Madrid mit zwei fulminanten Toren, als wäre er der schnellste Stürmer der Welt. Niemals hatte er mehr Glück als am 17. Februar 1982, als er als einziger einen Flugzeugabsturz bei Hannover überlebte. "Uli, Uli!!!" Niemals werde ich die Schreie von Paul Breitner vergessen, der nach einem Länderspiel rübergerast war ins Krankenhaus zum schwerverletzten Freund. Er schüttelte und rüttelte am Freund. Uli lebte. Ich war damals neben Breitner und Ulis Ehefrau Susi am Tag danach der Erste am Bett. Hoeneß hing an Beatmungsschläuchen, konnte nur krächzend "Ja" oder "Nein" sagen. Mir wurde schlecht, als er betonte, dass er bald heimfliegen will. Ja, er stieg gleich wieder in ein Flugzeug. Weil es mit dem größten Manager der Welt weitergehen musste beim größten Verein der Welt.


Ich appellierte zuletzt an Breitner, als er 70 wurde, er solle sich mit Hoeneß wieder versöhnen. An Hoeneß ebenso. Beim Begräbnis von Gerd Müller, diesem traurigen Anlass, schafften sie es nach jahrelangem Zerwürfnis.

Es war 2002 vor einem Freundschaftsspiel im niedersächsischen Lohne, als eine Frau zu Hoeneß kam und sich bedankte, dass er ihrem schwerkranken Sohn im Jahr zuvor so viel Mut zugesprochen hatte. "Kann ich für ihn etwas tun? Karten oder so", fragte Hoeneß. "Nein", sagte die Frau. "Er schaut sich das Spiel im Himmel an." Als die Frau ging, wurde Hoeneß von Weinkrämpfen geschüttelt. Nur eines von vielen Beispielen zu seiner sozialen Ader plus Mitgefühl.

Hoeneß plant ein riesiges Fest zum 70. Geburtstag seiner Frau Susi

Vor Jahren hatte ich ihn und seine Frau zu einem Weihnachtsessen eingeladen. Es war ein lustiger Abend. Bis die Uhr um Mitternacht zwölfmal schlug. Da zuckte Hoeneß, der Spekulant, zusammen, riss sein Skypegerät aus der Jacke und sagte: "In Tokio öffnet die Börse." Der Abend war gelaufen.

Zu essen gab es bei ihm immer. Bei Interviews im Büro mussten seine Sekretärinnen die Nürnberger Rostbratwürste aus seiner Fabrik zubereiten, zu Hause seine Frau. Und er schwärmte: "Von mir selbst mit Majoran gewürzt. Die besten Würste" – natürlich – "der Welt". Die gibt es heute im engsten Familienkreis. Und im Sommer, wenn Susi 70 wird, tonnenweise. Hoeneß plant ein riesiges Fest. Jetzt ließ er es ausfallen. Denn wenn er vor nichts Angst oder Respekt hat – vor Corona schon.