17. Januar 2021 / 10:31 Uhr

FC Bayern gibt Hansi Flick weiter Rätsel auf: Die Chronik der schwarzen Münchner Gegentor-Serie

FC Bayern gibt Hansi Flick weiter Rätsel auf: Die Chronik der schwarzen Münchner Gegentor-Serie

Sönke Gorgos
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Die defensive Abstimmung bei den Bayern stimmte zuletzt nicht mehr.
Die defensive Abstimmung bei den Bayern stimmte zuletzt nicht mehr. © Getty Images (Montage)
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Seit mittlerweile zehn Bundesliga-Spielen wartet der FC Bayern München auf ein Spiel ohne Gegentor. Hansi Flick weiß um die Probleme des Rekordmeisters, wirklich in den Griff bekommen hat der Erfolgstrainer sie bisher nicht. Der SPORTBUZZER wirft vor dem Spiel gegen Freiburg einen Blick auf die schwierige FCB-Zeit.

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Hansi Flick hatte schon leichtere Wochen. Nach dem verkorksten Start ins Jahr 2021 mit der Liga-Pleite gegen Borussia Mönchengladbach und dem frühzeitigen Aus im DFB-Pokal gegen Zweitligist Holstein Kiel wäre es zwar deutlich zu früh, von einer Krise zu sprechen. Allerdings nahm der Trainer des FC Bayern München seine Mannschaft vor dem Heimspiel gegen den extrem formstarken SC Freiburg am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) demonstrativ in die Pflicht. "Eine Spitzenmannschaft zeichnet aus, dass man, wenn es mal nicht so gut läuft, schnell wieder in die Spur kommt", betonte der ansonsten so erfolgsverwöhnte Trainer. Er weiß nur zu gut, wo die Probleme der Münchner zurzeit liegen - und dass er schnell eine Antwort finden muss.

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Vor allem in der Defensivarbeit offenbaren die Bayern seit Monaten teils haarsträubende Schwächen. Schon 24 Gegentore stehen nach lediglich 15 Spielen zu Buche - so viele wie seit 1981 nicht. Zuletzt blieben die Bayern in der Bundesliga am 24. Oktober beim 5:0 gegen Eintracht Frankfurt ohne Gegentor - seither musste Welttorhüter Manuel Neuer in zehn Ligaspielen in Folge hinter sich greifen. Besonders frustrierend: Die Tore fallen nach einem immer gleichen Muster. Leichtsinnige Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, fehlender Zugriff im Mittelfeld und ein eiskalter Pass in die Schnittstelle, wo der gegnerische Stürmer den Bayern entwischt. Beispielhaft machten das zuletzt der Gladbacher Jonas Hofmann und Kiels Fin Bartels vor. Doch auch andere Münchner Fehler führten in dieser Zeit zu Treffern des Gegners. Der SPORTBUZZER zeigt die Chronik der schwarzen Münchner Gegentor-Serie.

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2:1-Sieg beim 1. FC Köln am 31. Oktober

Trotz des knappen Auswärtssieges, des zu diesem Zeitpunkt achten Pflichtspielerfolgs in Serie, offenbarten die Bayern in der Defensive Schwächen. Die Spieler wirkten müde. Das Gegentor durch Drexler in der 82. Minute fiel zwar wegen einer 2:0-Führung nicht mehr ins Gewicht, ließ jedoch die Probleme der folgenden Wochen bereits erahnen: Nach einem Zuspiel von Kimmich verlor Costa den Ball am Mittelkreis, als er von drei Kölnern abgeschirmt wurde. Es ging schnell: Youngster Arokodare spielte den Ball auf die linke Seite, wo Jakobs frei zur Flanke kam. Sarr konnte im Zentrum zunächst noch stören, der Schuss von Thielmann wurde jedoch noch unhaltbar für Neuer von Drexler abgefälscht.

Was sagten die Bayern? Thomas Müller vermisste nach der Partie die "gewohnte Souveränität", freute sich aber über die Einstellung: "Wenn es darum geht, den Sieg über die Zeit zu retten, gilt es das Arbeits-Schweinchen rauszuholen."


3:2-Sieg bei Borussia Dortmund am 7. November

Wie schon im Supercup gewannen die Bayern die Partie gegen den BVB knapp, zeigten sich jedoch erneut nicht sattelfest. Ihnen kam zupass, dass die Dortmunder mehrere hochkarätige Chancen nicht nutzen konnten. Von allem Haaland prüfte mehrfach Neuer, der allerdings auf dem Posten war. Bei den beiden Gegentreffern durch Reus zum Dortmunder 1:0 und dem 2:3 durch Haaland gingen allerdings keine krassen Abwehrfehler voraus, sondern jeweils starke Vorlagen von Guerreiro. Bei den Bayern war die Freude trotzdem etwas getrübt, denn mit Kimmich verletzte sich der zentrale Mann der Bayern bei einem Tackling gegen Haaland am Knie und musste ausgewechselt werden.

Was sagten die Bayern? "Das Spiel war sensationell gut. Da war enorm viel Qualität auf dem Platz und deshalb war es auf beiden Seiten nicht immer leicht zu verteidigen", sagte Hansi Flick.

1:1-Remis gegen Werder Bremen am 21. November

Nach der Länderspielpause verpasste Hansi Flick in seinem 50. Spiel als Bayern-Trainer den möglichen 46. Sieg. In Folge des 1:1 gegen den mutigen Underdog aus Bremen richtete der Coach erstmals mahnende Worte an seine Mannschaft. Neuer, der zuvor beim DFB-Debakel in Spanien erstmals in seiner Profikarriere sechs Gegentore kassiert hatte, war Garant für den Punkt, parierte stark gegen Sargent und Augustinsson. Werders Tor fiel nach einem Einwurf: Im Zentrum entwischte Eggestein Goretzka und überwand auch Neuer, nachdem Sargent auf der rechten Seite das Laufduell gegen Martinez gewonnen hatte - ein vermeidbares Gegentor unmittelbar vor der Halbzeit, das Coman (62.) noch ausgleichen konnte.

Was sagten die Bayern? "Wir haben (bis Weihnachten, d. Red.) jetzt noch acht Spiele, auf die müssen wir uns einstellen", so Flick. "Da gibt es keine Entschuldigung. Wir lassen uns nicht einreden, dass es jetzt zu viel des Guten ist."

3:1-Sieg beim VfB Stuttgart am 28. November

Gegen den konterstarken Aufsteiger patzte diesmal sogar Manuel Neuer - erneut war ein schneller Tempogegenstoß entscheidend für den Gegentreffer zum 0:1. Wamangituka lief auf der rechten Seite Alaba davon, flankte früh in die Mitte. Neuer kam raus, sein langer Arm erwischte den Ball aber nicht. Im Rücken von Boateng hatte sich Coulibaly weit davon gestohlen, der Franzose staubte ab (20.). Pavard war viel zu weit weg. Es war längst nicht die einzige gefährliche Stuttgart-Situation: Förster schoss haarscharf vorbei. Nach dem 1:1 durch Coman (38.) lag der Ball dann erneut in Neuers Tor, nachdem der DFB-Keeper sich verdribbelt hatte. Bayern im Glück: Coulibalys Balleroberung gegen den Torwart wurde als Foul gewertet. Direkt vor der Pause schoss Lewandowski (45.+1) das 2:1, Costa (87.) machte alles klar.

Was sagten die Bayern? "Konzentrationsschwächen, fehlende Frische im Kopf (...) Ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, aber ich bin definitiv sehr müde", sagte Leon Goretzka.

3:3-Remis gegen RB Leipzig am 5. Dezember

Aus vier Torschüssen bekamen die Bayern im Spitzenspiel drei Gegentore - davon war gleich das erste eines, das typisch für den derzeitigen FCB steht. Ein rascher Konter nach einem Leipziger Ballgewinn am eigenen Sechzehner landete über Haidara und Forsberg bei Nkunku, der in der Schnittstelle den weit aufgerückten Boateng und Pavard entwischte und vollkommen frei vor Neuer das 1:0 erzielte (19.). Bayern antwortete durch Musiala (30.) und Müller (34.), Kluivert egalisierte allerdings wieder, nachdem ihm von Haidara im Strafraum frei zugespielt wurde - diesmal war für die Münchner Abwehr wenig zu machen. Die Leipziger Führung zum 3:2 war nach Wiederanpfiff wieder vermeidbar: Pavard ließ Angelino auf links viel zu viel Platz, genau wie Boateng und Süle dem RB-Spielmacher Forsberg im Zentrum - der souverän einköpfte. Schwach verteidigt (48.). Letztlich rettete Müller Bayern noch einen Punkt (75.).

Was sagten die Bayern? "Wir haben die Tore zu leicht bekommen", sagte Hansi Flick, der wegen der fehlenden Abstimmung in der Viererkette "im Trainerteam überlegen (will), ob wir das vielleicht ein bisschen anpassen."

FC Bayern: Die Trainer mit dem besten Punkteschnitt

Jupp Heynckes gilt als einer der größten Trainer in der Geschichte des FC Bayern München. Der Punktbeste ist er nicht. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt das Ranking aller FCB-Coaches in allen Wettbewerben. Zur Galerie
Jupp Heynckes gilt als einer der größten Trainer in der Geschichte des FC Bayern München. Der Punktbeste ist er nicht. Der SPORTBUZZER zeigt das Ranking aller FCB-Coaches in allen Wettbewerben. ©

1:1-Remis bei Union Berlin am 12. Dezember

Der Treffer zum Rückstand fiel diesmal sogar schon in der vierten Minute - nach einem Standard und nicht ohne vorherige Berliner Chancen. Bei der Ecke von Trimmel entwischte Torschütze Prömel seinem Bewacher Süle mit einem cleveren Laufweg vom Kasten weg. "Das Tor für Union war nicht gut verteidigt. Das war genau der Punkt. Wir wollten, dass einer blockt", sagte Flick im Anschluss. Ein Lewandowski-Tor sicherte den diesmal auch offensiv nicht voll zuverlässigen Münchnern einen Punkt (67.).

Was sagten die Bayern? "Wir geraten zu oft in Rückstand, heute ging das sehr schnell. Wenn man hier in Berlin früh in Rückstand gerät, wird es schwierig", sagte Thomas Müller.

2:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg am 16. Dezember

Erneut klingelte es früh im Tor von Neuer. Die bis dato ungeschlagenen Wolfsburger gingen nach fünf Minuten durch Philipp in Führung. Vorausgegangen war ein Ballverlust von Sané im eigenen Strafraum. Der Nationalspieler fing am langen Pfosten eine Flanke von Roussillon ab, verlor den Ball jedoch sofort wieder an Baku. Der legte ab zu Mbabu, der wiederum Philipp fand, der mutterseelenallein am Elfmeterpunkt stand und mühelos das 1:0 erzielte. Letztlich retteten wieder die überragenden Neuer und Lewandowski (Doppelpack in der 45.+1. und 50. Minute) die Bayern, die insgesamt nur zwei Torschüsse aufzuweisen hatten - die allerdings beide drin waren. Damit vollendeten die Münchner ein Kalenderjahr ohne Heimniederlage.

Was sagten die Bayern? Kein Ärger bei Manuel Neuer - obwohl er erneut nicht ohne Gegentor blieb: "Wir haben selten zu Null gespielt und es fehlen manchmal ein bisschen die Kleinigkeiten. Dennoch muss man auch sagen, dass die heutigen Tore schon sensationell waren."

2:1-Sieg bei Bayer Leverkusen am 19. Dezember

Auch die zweite ungeschlagene Mannschaft der Bundesliga fiel den Münchnern zum Opfer - Leverkusen verlor sogar die Tabellenführung an die Süddeutschen. Doch aus diesmal musste Neuer den Ball als Erster aus dem Netz klauben. Es war ein Traumtor von Patrik Schick, den die Bayern nach einer kurz ausgeführten Ecke im hinteren Bereich des Strafraums völlig aus den Augen verloren hatten. Der Tscheche vollendete mit einer sehenswerten Direktabnahme (14.). Lebensversicherung der Bayern war einmal mehr Lewandowski, der gerade erst als Weltfußballer ausgezeichnet wurde und dies in der 43. Minute und in der dritten Minute Nachspielzeit mit dem Siegtor zum 2:1 rettete. Bayern beendete das Bundesliga-Jahr so als Tabellenführer. Für Ärger sorgte die Ein- und spätere Wiederauswechslung von Sané, die den Sieg etwas überschattete.

Was sagten die Bayern? "Es geht uns gerade nicht leicht von der Hand", gestand Ex-Nationalspieler Thomas Müller bei Sky: "Aber wir haben Nehmerqualitäten. (...) Wir müssen noch eine Schippe drauflegen, um in dieser engen Bundesliga-Spitze zu bestehen."

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5:2-Sieg gegen Mainz 05 am 3. Januar

Zum achten Mal in Folge gerieten die Münchner gegen Abstiegskandidat Mainz 05 in Rückstand - diesmal sogar mit 0:2. Couragierte Mainzer hatten schon in der Frühphase der Partie durch Jonathan Burkardt die Führung auf dem Fuß, nach einem blitzartigen Konter parierte Neuer aber stark. Der junge Mainz-Stürmer war es auch, der letztlich das Tor erzielte: Nach einem langen Schlag aus der Abwehr entwischte er mit robustem Körpereinsatz Boateng und verwandelte diesmal abgeklärt (32.). Wütende Proteste der Bayern wegen eines vermeintlichen Fouls an Boateng blieben folgenlos. Hack köpfte vor der Pause sogar den zweiten Treffer (44.). Schaffte Mainz die Sensation? Nein, denn die Mainzer drehten angeführt von Kimmich auf der ungewohnten Rechtsverteidiger-Position mächtig auf und kamen durch den Nationalspieler (50.), Sané (55.), Süle (70.) und Lewandowski (76./83.) zu fünf Toren in der zweiten Halbzeit.

Was sagten die Bayern? "Es ist sehr anstrengend, wenn du immer einem Rückstand hinterherlaufen muss", sagte Joshua Kimmich und Leroy Sané ergänzte: "Zurzeit brauchen wir immer so einen Weckruf. Das kostet nochmal extra Kraft. Wir müssen von der ersten Minute an wacher sein."

3:2-Niederlage in Gladbach am 8. Januar

Erste Niederlage im zweiten Bundesliga-Spiel des Jahres - obwohl man diesmal sogar in Führung gegangen war. Per Elfmeter erzielte Lewandowski (20.) das 1:0 der Münchner in Gladbach, Goretzka (26.) erhöhte sogar auf 2:0. Damit war es jedoch um die Glücksgefühle von Hansi Flick geschehen: Der überragende Jonas Hofmann verkürzte nach einem haarsträubenden Ballverlust von Pavard und Sané und traumhafter Vorarbeit von Stindl und egalisierte nach einem neuerlichen Steckpass des Kapitäns in Folge eines Ballverlustes von Kimmich zum 2:2. Direkt nach Wiederanpfiff. Ein kapitaler Fehler ging auch dem späteren Gladbacher Siegtreffer nach Wiederanpfiff voraus: Süle vertändelte den Ball und sah auch im anschließenden Duell mit Hofmann nicht gut aus. Der Gladbacher spielte den Ball zu Neuhaus, der Neuer keine Chance ließ. Anders als in den vorherigen Wochen gelang den Münchnern, die wenige Tage später nach Elfmeter diesmal keine Aufholjagd.

Was sagten die Bayern? "Wenn man unser Spiel sieht, ist es auffällig, wo wir Probleme haben: Dass wir bei Ballbesitz die Tiefe nicht absichern. Das müssen wir einfach verbessern", sagte Flick und zeigte sich angefressen. Fehler und Ballverluste von uns haben das Spiel entschieden. Auch in der Verteidigung haben wir einige nicht so gute Entscheidungen getroffen. Letztendlich müssen wir uns diese Niederlage selbst zuschreiben.“