20. Juni 2020 / 15:25 Uhr

Bayern-Trainer Hansi Flick im Meister-Interview: “Bei Thomas Müller sehe ich noch keine Grenzen”

Bayern-Trainer Hansi Flick im Meister-Interview: “Bei Thomas Müller sehe ich noch keine Grenzen”

Raimund Hinko
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Im exklusiven SPORTBUZZER-Interview zur Meisterschaft spricht Bayern-Trainer Hansi Flick unter anderem über das Triple und Thomas Müller.
Im exklusiven SPORTBUZZER-Interview zur Meisterschaft spricht Bayern-Trainer Hansi Flick unter anderem über das Triple und Thomas Müller. © Getty Images/imago images/MIS (Montage)
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Trainer Hansi Flick spricht in seinem ersten großen Interview nach dem vorzeitigen Gewinn der deutschen Meisterschaft über die Säulen des FC Bayern, seinen Führungsstil und das Triple. Zudem gibt er einige private Einblicke.

SPORTBUZZER: Herr Flick, wovon haben Sie nach dem 1:0 in Bremen, Ihrem ersten Titelgewinn als Cheftrainer, geträumt?

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Hansi Flick (55): Der Schlaf war zu kurz, um zu träumen. Ich bin eher Realist.

Jupp Heynckes sagt, mit Ihnen wäre bei Bayern ein neues Zeitalter angebrochen. Weil Empathie wichtiger sei als Taktik und Pressing.

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Der Fußball steht auf mehreren Säulen. Die Taktik ist dabei elementar. Mir wird das allerdings zu sehr auf eine Person, den Trainer, fokussiert. Im Teamsport kannst du nur erfolgreich sein, wenn du als Team zusammenarbeitest. Das Miteinander muss vorgelebt werden, genauso wie die Wertschätzung. Man sollte auch andere in die Sonne stellen, damit sie Strahlen abbekommen. Dazu die Mentalität: ICH WILL! Keine Träumereien, was in drei, vier Wochen passiert. Das Hier und Jetzt ist entscheidend.

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Schwer zu realisieren, wenn die Meisterschaft kaum mehr zählt, wenn nur noch vom Triple geredet wird, also auch noch vom Pokalsieg und von der Champions League.

Ich kann es nicht ändern. Klar ist: Solche Dinge kann man nicht planen, es ist oft das Quäntchen Glück. Außerdem war die achte Meisterschaft hintereinander eine überragende Leistung.

Jetzt ist die Anspannung weg. Droht gegen Freiburg nach 14 Siegen in Folge die erste Niederlage?

Wir denken immer nur ans nächste Spiel. Also an Freiburg. Das habe ich der Mannschaft schon gesagt, dass wir auch bei Änderungen die Qualität haben, jeden zu schlagen. Mit voller Fokussierung als Grundvoraussetzung. Etwas mit links zu gewinnen entspricht nicht meiner Mentalität. Zum Erfolg gibt es keinen Lift, da musst du schon die Treppe benutzen.

Nicht mal in der Corona-Pause haben Sie den Lift benutzt …

Wir haben uns ganz schnell damit arrangiert, um das Beste draus zu machen. Das Trainerteam, alle drum herum. Zum Beispiel Kathleen Krüger, unsere Teammanagerin, die uns immer regelkonform aufklärt und einen Topjob macht. Sie wissen ja: Die Männer hören besser zu, wenn Frauen etwas sagen …

Hansi Flick: Die Bilder seiner Karriere

Hansi Flick hat mit dem FC Bayern München in anderthalb Saisons sieben Titel gewonnen und wird nun neuer Bundestrainer. Der frühere Co-Trainer von DFB-Coach Joachim Löw hat eine bewegte Karriere im Profifußball hinter sich. Der <b>SPORT</b>BUZZER zeigt die Laufbahn Flicks in Bildern. Zur Galerie
Hansi Flick hat mit dem FC Bayern München in anderthalb Saisons sieben Titel gewonnen und wird nun neuer Bundestrainer. Der frühere Co-Trainer von DFB-Coach Joachim Löw hat eine bewegte Karriere im Profifußball hinter sich. Der SPORTBUZZER zeigt die Laufbahn Flicks in Bildern. ©

Gegen Freiburg und Wolfsburg wechselten Sie in der Vorrunde den damals 18-jährigen Joshua Zirkzee ein, der jeweils mit seiner ersten Ballberührung das Siegtor schoss, also vier Punkte hamsterte. War das Glück oder Bauchgefühl?

Wir hatten viele Verletzte. Da musst du als Trainer vom Spieler überzeugt sein, dass er diesen Schritt macht. Man kann sagen, das war Glück. Manchmal ist es auch Bauchgefühl.

Gilt das auch bei Raketenmann Alphonso Davies?

Da ist noch so viel mehr drin. Im taktischen Bereich, bei der Ballannahme. Aufgrund seines Antritts war er an vielen Toren beteiligt, kann Fehler meist wieder ausbügeln. Ich bin überzeugt, wir kriegen das hin.


Wie lange kann der 30-jährige Thomas Müller noch auf diesem allerhöchsten Niveau spielen?

Er hat wahnsinnig viel Spaß, überträgt das auf die Mannschaft. Thomas ist immer fit, nie verletzt, spielt immer auf gleichem Niveau. Ab einem gewissen Alter lässt der Körper nach, aber da sehe ich bei ihm noch keine Grenzen.

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Eines Ihrer Lieblingsworte neben Respekt, Qualität, Loyalität, Kommunikation und Sozialkompetenz ist Wertschätzung.

Meine Wertschätzung genießen alle, die Qualität vorzuweisen haben. Ob Spieler, Trainerkollegen, der Staff rundherum. Physios, Ärzte, Medienabteilung, Köche. Ich als Trainer darf mir nicht anmaßen, dass ich alles besser weiß. Wenn ich mich mit Experten unterhalte, erweitere ich auch mein Wissen. Das ist die Basis für den Erfolg.

Ihre Mannschaft strahlt Wohlfühl-Charakter aus. Woher rührt das?

Udo Lattek (Bayern-Trainer 1970–75 und 1983–87, d. Red.) hat immer gesagt: „Ich mach meine Spieler lieber einen Kopf größer.“ Jupp Heynckes ließ auch Spieler, die nicht die Top-Stars waren, Wertschätzung spüren. Das prägte mich. Den Menschen sagen, was sie gut machen. Nicht sich selbst auf die Schulter klopfen: „Geil, wie du das wieder gemacht hast.“

Sie fahren keinen Ferrari, tragen kein Täschchen von Louis Vuitton. Leisten Sie sich überhaupt Luxus?

Ich genieße das Familienleben mit meiner Frau, die auf alles achtet. Seit über 37 Jahren kann ich mich mit ihr austauschen. Manchmal hat sie eine andere Sichtweise. Das gibt mir einen anderen Blick, das ist gut so.

Sprechen Sie mit ihr über Fußball?

Über Taktik nicht. Es gibt jedoch auch Dinge im Innenleben einer Mannschaft, die man mit nach Hause nimmt. Das besprechen wir. Logisch. Sie will ja auch teilhaben an dem, was ich tagtäglich erlebe.

Sie erinnern in vielem an Angela Merkel, die Kanzlerin, die keine Eitelkeiten kennt, so unaufgeregt ist.

Das würde Angela Merkel nicht gerecht werden, weil sie eine wesentlich größere Verantwortung hat. Ich hab sie auch das ein oder andere Mal bei der Nationalmannschaft treffen dürfen, wir hatten Gespräche auf sehr hohem Niveau. Jeder ist auf seine Art einzigartig.

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 Der FC Bayern München hat seinen 30. Meistertitel in der Bundesliga gewonnen und baut seinen Vorsprung als Rekordmeister aus. Der historische achte Titel in Folge steht auf acht tragenden Säulen, die der <strong>SPORT</strong>BUZZER in dieser Galerie vorstellt. Zur Galerie
Der FC Bayern München hat seinen 30. Meistertitel in der Bundesliga gewonnen und baut seinen Vorsprung als Rekordmeister aus. Der historische achte Titel in Folge steht auf acht tragenden Säulen, die der SPORTBUZZER in dieser Galerie vorstellt. ©

So viele Kollegen sind dran zerbrochen, diesen untrainierbaren FC Bayern zu trainieren. Sie standen voll im Orkan, als es Zoff gab zwischen Thomas Müller und Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

Man muss nicht immer alles direkt bewerten. Auch ich hatte eine Phase gehabt, in der ich immer alles wissen und bewerten wollte. Mittlerweile habe ich mir in gewissen Punkten Erfahrung und Gelassenheit angeeignet.

Eigentlich heißen Sie Hans-Dieter, wie kamen Sie zum Hansi?

In meiner Familie hießen so ziemlich alle Hans. Ich wurde schon in der Jugend Hansi genannt und dabei ist es geblieben.

Steht das in Ihrem Personalausweis?

Nein. Das könnte ich mal ändern lassen.

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Der FC Bayern München ist zum 30. Mal deutscher Meister. Alle Titel hier im Überblick. Zur Galerie
Der FC Bayern München ist zum 30. Mal deutscher Meister. Alle Titel hier im Überblick. ©

Bei welchen Gelegenheiten schnellt Ihr Puls in die Höhe?

Wenn ich Treppen steige (lacht). Im Spiel geht es mir gut. Fehler bei einfachen Dingen. Nachlässigkeiten. Das ärgert mich.

Und beim herrlichen Schlenzer von Joshua Kimmich ins Dortmunder Tor, dem 1:0, der Vorentscheidung um die Meisterschaft?

Meine Enkeltochter macht mich immer beim Torjubel nach. Eine Sekunde die Arme hoch, dann wieder ganz normal. Von daher war der Puls normal.

Könnte Ihre Empathie, Ihre Freundlichkeit, von schlitzohrigen Spielern nicht auch mal ausgenutzt werden?

Weiß ich nicht. Das werde ich sehen. Ich habe einiges an Lebenserfahrung, habe alles mitgemacht. Ich weiß, wie man Spieler anzupacken hat, ab und zu mal Tacheles reden muss. Auch das ist wichtig. Bei Top-Stars, aber auch bei Talenten, die vom Campus kommen. Dass diese auch bei der U23 das zeigen, was wir tagtäglich bei den Profis sehen wollen. Da ist Mentalität gefordert.

Wie kam es, dass Robert Lewandowski als Top-Torjäger nicht mehr so egoistisch spielt?

Weil ich sehen will, dass er aus einer 40-prozentigen Torchance mit einem klugen Abspiel eine 100-prozentige macht. Das klappt nicht immer, jedoch immer öfter.

Was nur haben Sie aus dem alten, langsamen, verletzungsanfälligen Jerome Boateng gemacht? Er sprüht wieder vor Lust am Fußball.

Der Spieler muss natürlich mitmachen. Wenn er die Wertschätzung bekommt, nicht nur von mir, auch von den Mitspielern, kann er auf das alte Niveau kommen. Die Freude kehrt zurück. Beim 1:0 in Bremen, seinem Chipball millimetergenau auf Lewandowskis Fuß – da war er hellwach, das war sehr gut.

Die große Mehrheit der Fans wünscht sich, dass die Konkurrenten die neunte Bayern-Meisterschaft in Folge verhindern. Stört Sie das?

Nein, das gehört dazu. Dortmund hat eine tolle, stabile Saison gespielt. Wir waren eben den Tick besser. Da unser Trainingsniveau sehr hoch ist, fällt es am Wochenende auch leichter, die Leistung abzurufen.

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Können Sie auch eine Sau sein?

Sau gefällt mir nicht. Die Spieler müssen wissen, was du von ihnen erwartest. Unangenehmes zu äußern ist ein Ding, das ich durchaus kann.

Nach dem Pokalfinale am 4. Juli gegen Leverkusen müssen Sie fünf Wochen überbrücken, bis die Champions League wieder beginnt, während die Konkurrenz voll im Saft steht. Wie soll das gut gehen?

Man kann das alles so oder so sehen. Wir haben den Re-Start sehr gut hinbekommen. Das hat uns gutgetan, dass wir trainieren konnten. Wir waren topfit. Das ist jetzt ähnlich. Wir schicken die Spieler erst mal zwölf Tage in Urlaub. Wenn alle zurückkommen, gibt es erst mal drei Corona-Tests. Wir werden am Anfang wieder Cyber-Training machen, nach dem zweiten Test wieder Kleingruppentraining, nach dem dritten Test Mannschaftstraining. Wir freuen uns drauf.

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