03. Oktober 2018 / 15:48 Uhr

Kovac ratlos? Darum wächst die Krise des FC Bayern von Mini- auf Normal-Maß

Kovac ratlos? Darum wächst die Krise des FC Bayern von Mini- auf Normal-Maß

Patrick Strasser
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Seit drei Spielen mit seiner Mannschaft ohne Sieg: Bayern-Trainer Niko Kovac
Seit drei Spielen mit seiner Mannschaft ohne Sieg: Bayern-Trainer Niko Kovac © imago/Sven Simon
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Nach dem 1:1 gegen Ajax Amsterdam muss Bayern-Trainer Niko Kovac Ursachenforschung betreiben. Spielstil, Rotation und der Umgang des Coaches mit den Superstars der Münchner stehen auf dem Prüfstand.

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Drei Spiele ohne Sieg, mickrige zwei Tore. Als der FC Bayern letztmals drei Partien ohne Erfolg geblieben war, kam Jupp Heynckes zurück. Das war vor einem Jahr. Am 9. Oktober 2017 leitete er sein erstes Training. Und als die Mannschaft ihrem beliebten Coach zum Abschied im Mai eine Collage mit Bildern und Sprüchen schenkte, schrieb Thomas Müller: „Danke Trainer! Wir sehen uns im Oktober ...“. Ein Spaß.

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Ob man im Hause Heynckes darüber lächeln kann? Jedes Mal, wenn dieser Tage das Festnetz-Telefon läutet? Nein, so weit ist es noch nicht auf der von Uli Hoeneß bemessenen Notruf-Skala. Obwohl die Krise durch das triste 1:1 im zweiten Gruppenspiel der Champions League gegen Ajax Amsterdam von Mini- auf Normal-Maß anwuchs. Kein Wort von den Bossen nach dem Spiel, Hoeneß presste die Lippen fest aufeinander. Das Remis war ein Spiegelbild der bisherigen Saison. Schwung- und druckvoll angefangen, durch den Kopfball von Mats Hummels das Führungstor erzielt – und dann? Schneckenhaus, Schneckentempo.

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Mit dem Ausgleich durch Noussair Mazraoui wurde der Stecker gezogen. In diesem Spiel. Letzte Woche waren es die Augsburger mit ihrem 1:1. Sie machten vor, wie man das Angriffsspiel der Bayern träge, statisch und ohne Esprit erscheinen lässt: durch eine offensive Verteidigung, durch „hohes Abfangen“ wie es Ajax-Trainer Erik ten Hag, der den Spielstil der Profis als U23-Coach von 2013 bis 2015 studieren konnte, nannte. „Wir haben den Gegner aufgebaut und uns letzten Endes abgebaut“, befand Kovac richtig.

Ist der Kovac-Code etwas schon geknackt? Bereits im zehnten Pflichtspiel? Moment – welcher Code? „Der FC Bayern spielt seit Hitzfeld und van Gaal ein fixes, funktionierendes System“, erklärte der Neue zuletzt öfter. Also Ballbesitzfußball zum Zwecke der Dominanz. Sein USP (unique selling point) – so bezeichnet man in der Wirtschaft ein spezifisches Alleinstellungsmerkmal – sei die Konzentration auf die Defensive und das Umschaltspiel, neudeutsch für: schnelles Hinter-den-Ball-kommen nach Ballverlust und überfallartige Konter nach Ballgewinn. Klappte in den ersten sieben Spielen: sieben Siege. Aber dafür müssen alle mitmachen. Wenn nicht, gibt’s Lücken.

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Und die nutzt eine Speed-Mannschaft wie das junge Ajax. Den Bayern hingegen fehlt Tempo, gedanken- und handlungsschnelles Spiel. Joshua Kimmich kommentierte mit auffallend deutlichen Worten: „Wir hatten fast schon Glück mit dem einen Punkt. Ajax hatte sowohl mit als auch gegen den Ball einen Plan.“ So mancher fragt sich in München: Was kann Kovac (dafür)?

Der wirkte leicht angeschossen, ratlos. Was er auch ehrlich zugab. „Ich muss das erst mal verarbeiten, die Gedanken sortieren. Nicht nur ich bin überrascht“, sagte er, dies sei „von der Art und Weise und der Form“ her nicht zu erwarten gewesen. Im Spiel hatte er keine Lösungen für den Systemabsturz parat, keine taktischen Umstellungen, die den Gegner überraschen. Er wechselte positionsbezogen.

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Überhaupt, das viele Startelf-Wechseln, die Rotation. Sie wirkt wie auf dem Reißbrett entworfen, von langer Hand geplant. Spieler müssen geschont werden – klar. Aber Rotation als Selbstzweck, mit der man Stars wie James Rodríguez verärgert, und anderen, die gerne immer spielen, den Rhythmus und die Sicherheit nimmt? Rasierklingen-Rotation.

Am Sonnabend geht es in der Bundesliga gegen Borussia Mönchengladbach, gegen eine Mannschaft, die offensiv verteidigt, mit Tempo kommt. Ein Knackspiel. „Wir brauchen einen Sieg, um in die Spur zu kommen“, sagt Arjen Robben. Und um in Stimmung zu kommen. Für den Wiesn-Ausflug mit Kind und Kegel am Tag darauf. In der Krise schmeckt die Maß nämlich nicht.

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