23. März 2020 / 19:07 Uhr

FC Eilenburg-Trainer Nico Knaubel: „Ich bin schon irgendwo Fußball bekloppt"

FC Eilenburg-Trainer Nico Knaubel: „Ich bin schon irgendwo Fußball bekloppt"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
Nico Knaubel
Nico Knaubel ist Landestrainer beim Sächsischen Fußballverband und Cheftrainer des FC Eilenburg. © Alexander Prautzsch
Anzeige

Fußball-Landestrainer und Chefcoach von Eilenburg Nico Knaubel gibt Einblicke in seine Arbeit mit den größten Talenten Sachsens.

Anzeige
Anzeige

Leipzig. Die anstehenden Turniere mussten abgesagt werden, seine Arbeit, der Fußball, steht still und damit vorerst ein großer Teil seines Lebens. Die Corona-Krise erschwert auch Nico Knaubels Wege zum täglich Brot, welches der 40-jährige Fußballtrainer mit seiner großen Leidenschaft und der schönsten Nebensache der Welt verdient.

Er begann bei Lokomotive Delitzsch das Fußballspielen, ehe er 1992 in die Jugendakademie des VfB Leipzig aufgenommen wurde. Dort kickte er unter anderem in der Junioren-Bundesliga und schaffte den Sprung in die U23. 2002 wechselte der Abwehrspieler zum FC Eilenburg, wo er seit 2015 Cheftrainer ist. In dieser Saison brachte er den Fünftligisten bis ins Halbfinale des Sachsenpokals, wo sie auf den 1. FC Lok Leipzig treffen, für dessen Traditionself er mittlerweile aufläuft. Auch eine Auslandsstation hat der 40-Jährige in seiner Karriere aufzuweisen: 2006 spielte Knaubel für ein Jahr in Norwegen bei FF Lillehammer. Zu Beginn seiner Trainerlaufbahn coachte der gebürtige Schkeuditzer von 2011 bis 2013 RB Leipzigs U16. Seit 2016 arbeitet er für den Sächsischen Fußballverband als Landestrainer.

Mehr zum FCE

Als einer von zwei Landestrainern des Sächsischen Fußball-Verband ist er für die größten Talente des Freistaates zuständig, konkret kümmert er sich um den weiblichen Bereich sowie bei den Jungen um die U14, U16 und U17, berät die Vereine und deren Leistungszentren, spricht an diese Empfehlungen aus, zudem finden aller zwei bis drei Wochen Maßnahmen statt, bei denen Knaubel die Diamanten schleift und Landesturniere, für die der studierte Sportwissenschaftler Auswahlteams nominiert.

Heutzutage fehlt die Demut

Durch seine Arbeit ist er im Kontakt mit den sächsischen Topclubs wie RB Leipzig, Dynamo Dresden, Chemnitzer FC oder Erzgebirge Aue und muss die Konkurrenz vereinen. „Wenn Trainer sich treffen, sind sie Trainer. Da tauscht man sich aus, da gibt es keine Barrieren zwischen RB, Lok oder Chemie,“ erzählt Knaubel im Sportbuzzer-Gespräch und gibt zu: „Ich merke, dass unter den Vereinen ein Konkurrenzkampf herrscht, ich merke das zum Beispiel bei der U14, wo es auch mal darum geht, um die Spieler zu feilschen. Ich versuche, dass wir alle miteinander die beste Lösung finden.“ Doch nun ruht der Ball; auch beim FC Eilenburg, wo er zusätzlich als Chefcoach engagiert ist.

„Ich bin schon irgendwo Fußball bekloppt – das mache ich ja nicht aus Lila-Langeweile“, witzelt er und erklärt: „Eine Oberliga-Mannschaft zu trainieren machst du nicht einfach mal so nebenbei, sondern aus Überzeugung und aus Liebe zum Hobby.“ Die Wettbewerbspause ist lang und ungewiss, so bleibt Zeit zum Innehalten und zum Blasen zerstechen. „Du musst immer aufpassen, dass man Inseln schafft, die nicht nur eindimensional Fußball sind. Du musst auch andere Dinge im Leben mitbekommen“, sagt Knaubel. Als Landestrainer ist er auch als Pädagoge gefragt, bestimmte Entwicklungen im Nachwuchsbereich sieht er kritisch. „Man bekommt ihn immer mehr mit, auch in unserer Gesellschaft: den Konsum. Es wird sehr oberflächlich gedacht und da spielt der Wirtschaftsfaktor und das Geld eine große Rolle – auch bei den Jungs. Prioritäten sind verschoben, die sind auf dem Weg, Einzelunternehmen zu sein oder Egoismen vorne anzustellen“, mahnt er ohne Vorwurf. „Heutzutage fehlt mir zunehmend die Demut, zu wissen: oh ich muss doch noch an mir arbeiten. Der finanzielle Anreiz kann und wird nicht die Motivationsgrundlage für Spitzenleistungen sein. Im Gegenteil, er ist in dem Maße für die Entwicklung der Jugendlichen hinderlich und da müssen das Elternhaus sowie die Vereine achtgeben, wie sie die Talente erziehen.“

Mehr zum Fußball

Der A-Lizenz-Inhaber, der sich bereits für den Fußballlehrer beworben hat, lässt sich Zeit für Antworten, verlegen ist er jedoch keineswegs. Er möchte Lösungen finden: „Wie wir dagegen steuern können, ist eine große Frage, auch beim DFB. Wir sollten die Werte erhalten, die uns groß gemacht haben. Was ein Team auszeichnet.“

Nur wenige schaffen den Sprung in den Profibereich

Knaubels Diagnose: „Jemand, der z.B. in Berlin groß geworden ist und sich von früh bis abends durchsetzen muss, der findet diese gewisse Widerstandsfähigkeit. Hier habe ich das Gefühl: sobald ein kleiner Widerstand kommt, schaffen sie es nicht mehr, über die Hürden zu springen.“ Tatsächlich geht es den hiesigen Jugendspielern nicht schlecht, klimperndes Handgeld inklusive.

„Es ist zu kurzfristig gedacht, alles ist vorbereitet für die Jungs. Deswegen müssen sie immer wieder geerdet werden und immer wieder aus dieser Kuppel der Leistungszentren raus genommen werden, um zu zeigen, wie das wahre Leben ist“, fordert der ehemalige Jugendspieler des VfB Leipzig mit Blick in die Zukunft. Das Problem sei, dass nur ganz wenige den Sprung in den Profibereich schaffen und daher sei es wichtig, sie auch darauf vorbereiten werden. Auch Knaubel schaffte den Sprung in den Profibereich nicht, obwohl er in der Junioren-Bundesliga kickte. Als Jugendlicher war er im Fußballinternat, teilte sich ein Zimmer mit drei Kollegen. Sein Glück damals: „Ich war 50 Kilometer entfernt von meiner Familie.Wenn es mir abends schlecht ging, hat meine Mutter gesagt: komm Nico - ich hol dich ab. Die Nähe ist ein ganz normaler physiologischer Prozess. Eine Umarmung, ein Blickkontakt. Es ist nicht das Gleiche, am Telefon über Gefühle zu sprechen oder mit einem Menschen, der nicht deine Muttersprache spricht“, so der Eilenburg-Coach. „Dein soziales Umfeld prägt dich. Wenn du Leipzig-Spieler mitnimmst, hast du bestimmte Muster, wenn du aus Aue welche mitnimmst, hast du bestimmte Muster“, analysiert er weiter.

In seiner Zeit als Aktiver spielte er ein Jahr in Norwegen (Bergen). Das Miteinander dort sei ein anderes, erinnert er sich, deswegen sei seiner Meinung nach beispielsweise der 19-jährige norwegische Wunderstürmer Erling Haaland, der seit Winter bei Borussia Dortmund für Furore sorgt, konstant erfolgreich. „In Norwegen hatte ich in den Leistungszentren zu tun, hab da auch mal ein Training geleitet und wenn ich mit den Jungs über Ziele gesprochen habe, da war die Familie an erster Stelle, dann die Ausbildung, und dann der Sport. In Norwegen zählt die Familie als höchstes Gut. Einmal saß ich als einziger Nicht-Norweger am Tisch und alle haben Englisch miteinander gesprochen - für mich. Das empfand ich als eine wahnsinnige Bereicherung“, schwärmt er. „Und vielleicht ist Haaland eben in so einem Umfeld groß geworden. Wenn du ihn hörst, sein Rezept zum Erfolg: Erstens, harte Arbeit, Zweitens, das Leben genießen und Drittens, zu lachen. Diese drei Argumente würde ich mir mal von jungen Spielern wünschen.“