14. Januar 2020 / 06:00 Uhr

Schalke-Hoffnung Ahmed Kutucu über Identifikation, Förderer Norbert Elgert und seine Kindheit in Gelsenkirchen

Schalke-Hoffnung Ahmed Kutucu über Identifikation, Förderer Norbert Elgert und seine Kindheit in Gelsenkirchen

Tim Lüddecke
RedaktionsNetzwerk Deutschland
„Ich habe vielleicht etwas mehr Kredit“: Schalke-Profi Ahmed Kutucu ist in Gelsenkirchen geboren.
„Ich habe vielleicht etwas mehr Kredit“: Schalke-Profi Ahmed Kutucu ist in Gelsenkirchen geboren. © imago images/RHR-Foto
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Ahmed Kutucu gilt als das nächste große Versprechen aus der Schalker Nachwuchsakademie. Im Interview spricht der 19-Jährige über das Leben in Gelsenkirchen-Bismarck, Geldsorgen und Bodenhaftung. Dass Schalke eine Durchgangsstation ist, findet er trotz des bevorstehenden Abgangs von Alexander Nübel nicht.

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Herr Kutucu, was es bedeutet, als gebürtiger Gelsenkirchener für die Profis vom FC Schalke 04 zu spielen, …
… kann man sich als Nicht-Gelsenkirchener wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Ich wohne sieben Minuten von der Arena entfernt. Man spürt es förmlich in der Stadt, wenn es bei uns gut läuft wie aktuell – dann laufen auch die Leute alle mit einem Lächeln im Mundwinkel herum.

Wächst in Ihnen bereits eine neue Identifikationsfigur heran?
Dafür habe ich noch ein bisschen Zeit. Aber ich merke schon, wenn ich auf dem Platz stehe, dass die Fans wirklich komplett hinter mir stehen. Dass sie bei Fehlern nicht direkt kritisch sind – da habe ich vielleicht etwas mehr Kredit. (lacht)

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Wie darf man sich das Leben im Bismarck-Viertel, wo Sie groß geworden sind, vorstellen?
Bismarck ist für viele Menschen vielleicht nicht die schönste Gegend, aber jetzt auch kein „Ghetto“. Es leben überwiegend Ausländer dort, 60, 70 Prozent. Aber dieses „Du bist Ausländer, du bist Deutscher“ – das gibt es in Gelsenkirchen nicht. Alle respektieren sich als Menschen. 

Ist es gefährlich dort?
Ich bin in einer Siedlung aufgewachsen, wo jeder jeden kennt. Generell gefährlich deshalb vielleicht nicht, aber meine Eltern haben mir schon gesagt, wo ich lieber nicht hingehen sollte.

Inwiefern hat Sie diese Zeit geprägt?
Meine Familie hat schon auf das Geld geachtet. Nicht jedes Mal, wenn ich neue Fußballschuhe wollte, habe ich auch welche bekommen. Ich saß dann in meinem Zimmer und habe geheult, aber so hat man auch gelernt, mit Geld umzugehen.

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Sie wohnen noch zu Hause bei Ihrer Familie.
Ich lebe genau so wie vorher auch. Natürlich kommen auch mal Kids an und wollen ein Autogramm. Aber die klingeln nicht an unserer Tür. Egal ob Profi oder Bergbauarbeiter wie mein Vater bis zu seiner Rente – in Bismarck wird jeder gleich behandelt. Man könnte dort auch gar nicht arrogant werden, weil einen die Leute dann ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen holen würden. Aber so weit will ich es sowieso nicht kommen lassen.

Sie sind auch deshalb so beliebt, weil Sie als echter Malocher gelten.
Diese Kämpfermentalität habe ich von der Straße. Egal, ob ich früher in Bismarck auf dem Hof gespielt habe oder für den Klub: Aufgegeben? Niemals!

Nach Özil, Draxler, Neuer und Co. sind Sie der nächste junge Mann aus der Schalker Nachwuchsakademie. Was ist so besonders an dieser Ausbildung?
Für mich hängt das ganz stark mit Herrn Elgert (Norbert Elgert, Trainer der A-Jugend; d. Red.) zusammen. Er macht den Unterschied aus. Bis ich zu ihm kam, war ich ein durchschnittlicher Spieler. Aber mit seiner harten, aber herzlichen Herangehensweise bereitet er einen bestmöglich auf das Profi-Geschäft vor.

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Wie darf man das verstehen?
Ein „Du bist der Beste!“ wird man als Jugendspieler von ihm nicht hören. Stattdessen konfrontiert er einen auch mal mit unangenehmen Themen und Fehlern. Man kann wiederum jederzeit mit allen Problemen zu ihm gehen. Er ist schon eine Art Vaterfigur.

Geht es da auch um Bodenhaftung?
Ihm ist es beispielsweise wichtig, dass die Spieler ihr Geld nicht aus dem Fenster schmeißen. „Ahmed, achte auf dein Geld, morgen kann es vorbei sein“, meinte er mal zu mir. Aber für mich bedeutet Luxus, Geld mit der Familie auszugeben anstatt für Autos oder Klamotten. Vielleicht gucken wir uns demnächst nach einem schöneren Haus um – in Gelsenkirchen natürlich.

Elgert war es auch, der Ihren Weg zum Profi beschleunigte, indem er Sie zum Stürmer umfunktionierte.
Eines Tages kam er zu mir: „Ahmed, du willst Profi werden, der beste Weg ist, wenn wir dich zum Stürmer formen, weil es bei den Profis im zentralen Mittelfeld ein Überangebot gibt.“ Und wenn Herr Elgert das sagt, dann macht man das. (lacht)

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Auch Leroy Sané verdankt ihm vieles.
Er kommt Herrn Elgert ab und zu immer noch besuchen. Wir kennen uns, sprechen dann auch miteinander, wenn er mal auf dem Gelände ist.

Sind all diese Schalker Ex-Talente Vorbilder in Gelsenkirchen?
Klar! Bei mir war es Hamit Altintop, der auch in der Stadt geboren ist. Früher hatte ich ein ganz altes Trikot – mit seiner Nummer sechs. Ich habe aber nicht seinen Namen draufgeschrieben, sondern meinen. (lacht)

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Wieso verlässt mit Alexander Nübel den Verein mal wieder ein Leistungsträger?
Das weiß ich nicht. Aber jeder Fußballer hat unterschiedliche Wünsche und Vorstellungen, was die eigene Karriere anbelangt.

Ist Schalke eine Durchgangsstation?
Für mich nicht! Ich bin hier, ich will hier spielen – weil ich Schalke lebe.