22. Juni 2020 / 19:56 Uhr

Schalke-Ultras zerlegen ihren Klub: "Gesamte Saison eine moralische Bankrotterklärung"

Schalke-Ultras zerlegen ihren Klub: "Gesamte Saison eine moralische Bankrotterklärung"

Redaktion Sportbuzzer
RedaktionsNetzwerk Deutschland
 Die Fans des FC Schalke 04 erheben schwere Vorwürfe gegen die Klub-Führung um Aufsichtsrats-Boss Clemens Tönnies und Sport-Vorstand Jochen Schneider.
Die Fans des FC Schalke 04 erheben schwere Vorwürfe gegen die Klub-Führung um Aufsichtsrats-Boss Clemens Tönnies und Sport-Vorstand Jochen Schneider. © imago images/Revierfoto/Montage
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Die Fans des FC Schalke 04 haben genug: In einem Brief auf ihrer Seite lassen die Ultras des Bundesliga-Klubs kein gutes Haar an der Vereinsführung. Die Vorwürfe: Inkompetenz, Intransparenz und Werte-Verrat.

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Der FC Schalke 04 befindet sich sportlich im freien Fall - und auch außerhalb des Platzes hat der Klub über die Saison hinweg immer wieder eine schlechte Figur abgegeben. Die Ultras von S04 haben offenbar genug gesehen - sie stellten einen offenen Brief auf ihre Homepage, der an die Verantwortlichen aus Vorstand, Aufsichtsrat und Ehrenrat adressiert ist und mit den Bossen hart ins Gericht geht.Für die Fangruppierung steht fest: Der Bundesligist hat die Geduld seiner Fans in den zurückliegenden zwölf Monaten bis an die Grenzen strapaziert.

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In dem Schreiben heißt es, der eingetragene Verein Ultras Gelsenkirchen habe sich bisher aus Rücksicht auf die sportliche Situation zurückgehalten, um nicht noch weitere Unruhe zu stiften. Jetzt, wo es für Schalke in der Bundesliga aber um nichts mehr geht, sei es an der Zeit, dem Ärger Luft zu machen: "Die desaströse Situation rund um unseren FC Schalke 04 e.V. können und wollen wir nicht länger unkommentiert lassen."

"Selten so ein katastrophales Bild abgegeben"

Ihnen geht es vor allem darum, dass der Verein "selten ein katastrophaleres Bild abgegeben hat als in dieser Saison." Es seien "vor allem die Gremien und Vereinsverantwortlichen", die Schalke "der Lächerlichkeit preisgeben und jeglichen Kontakt zur Gelsenkirchener Realität verloren zu haben scheinen."

Ein konkreter Vorwurf: Nach den rassistischen Äußerungen von Aufsichtsrats-Boss Clemens Tönnies habe S04 Transparenz vermissen lassen, als der Ehrenrat des Vereins in den Fokus rückte und als Konsequenz Kornelia Toporzysek diesen verlassen musste. Die Richterin war 2019 in den Ehrenrat gekommen und nicht einverstanden mit der geringen Härte des Urteils, das der Ehrenrat im Fall Tönnies gefällt hatte.

Der Fleischproduzent hatte seinen Posten lediglich drei Monate ruhen lassen müssen ohne weitere Konsequenzen fürchten zu müssen. Die Umstände brachten die Mitglieder sehr auf, sie fühlten sich aber ausgebootet, wie dem Schreiben zu entnehmen ist: "Sämtliche Anträge, den Ehrenrat neu zu gestalten, wurden vom Verein nicht zur Mitgliederversammlung zugelassen", beklagen sie.

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Außerdem kommt die Schalker Finanzpolitik bei den Ultras überhaupt nicht gut weg. "Wenn unser Verein nun trotz deutlich höherer Einnahmen als viele Konkurrenten der Liga derart schnell finanziell am Abgrund steht, ist der Aufsichtsrat seiner Verpflichtung gar nicht oder nur unzureichend nachgekommen", erklären sie. 275 Millionen Euro Jahresumsatz verbuche der Revierklub und habe schon nach einer kurzen Bundesliga-Pause über Existenznöte geklagt. Deshalb wird abermals vor allem Aufsichtsrats-Boss Clemens Tönnies an den Pranger gestellt.

Die Fans allein gelassen

Auch aus der Corona-Krise wird Schalke nicht gut entlassen. Während andere Klubs – ob in Form von Unternehmen oder Vereinen – ihren Fans Rückerstattungen für gekaufte Tickets anboten, hatte Schalke seinen Fans lediglich die Optionen gelassen, einen Gutschein zu erhalten oder die Summe zu spenden. Zu dem Zeitpunkt habe das entsprechende und von S04 zitierte Gesetz zur derartigen Abwicklung noch gar nicht existiert.

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Damit aber noch nicht genug. Die Werte des Klubs seien insbesondere im Umgang mit dem im Internet aufgetauchten Härtefallantrag verletzt worden. Darin wurden die Fans, die Eintrittsgelder für entgangene Spiele zurückfordern, dazu aufgefordert, genaue Gründe anzugeben, warum das Geld "unbedingt jetzt" benötigt werde. "Leider ließ bereits die Entschuldigung daran zweifeln, ob die Verantwortlichen die Empörung wirklich verstanden haben, da lediglich die Wortwahl, nicht aber die Erstattungspraxis an sich bedauert wurde", beklagen die Ultras. Das ganze sein "ein beispielloser Vorgang der an Dreistigkeit nicht zu überbieten ist."

Ihr Lösungsvorschlag: Wie wäre es, wenn der Verein zur Abwechslung mal mit gutem Beispiel in der Bundesliga voran geht und transparent aufzeigt und erklärt, wofür genau er so schnell wie viel Geld braucht?"

Im selben Zug werden von den Ultras auch die Entlassungen von Ehrenamtlern und Geringverdienern kritisiert. Rentner und Schwerbehinderte habe Schalke entlassen, aber nicht einmal Betriebsrat oder Integrationsamt informiert und so die Werte des Klubs verraten. "Die Spieler verzichten auf einen Teil ihres Gehalts, die Fans auf die Rückerstattung der Tickets, um so Kündigungen vermeiden zu können. Und dann schmeißt der Verein die Geringverdiener als Erstes raus? Das ist das Gegenteil der propagierten “sozialen Verantwortung” und nicht hinnehmbar."

"Gesamte Saison ist eine moralische Bankrotterklärung"

Die Schalke-Ultras kommen zu dem Ergebnis: "Die gesamte Saison ist eine moralische Bankrotterklärung. Ein Ausverkauf der Schalker Werte, die zu Marketingzwecken zwar gern benutzt, ansonsten aber mit Füßen getreten werden. Der Verein verliert zunehmend an Glaubwürdigkeit und Identifikation." Vor allem "das familiäre Gefühl", das den Verein so besonders mache, machen die Fans nur noch unter sich aus. "Mit Erschrecken stellen wir fest, dass sich die Entscheidungsträger schon längst von unseren Werten und Idealen abgewendet haben", schlussfolgern sie.

Im Schlusswort stellen die Ultras klare Forderungen. Man werde sich "den Verein nicht nehmen und schon gar nicht zerstören lassen", schreiben sie. Schalke müsse sich wieder "auf sein Leitbild zurückbesinnen und seiner darin enthaltenen sozialen Verantwortung gerecht werden." Ein Neuanfang und die Rückbesinnung auf alte Tugenden, Grundwerte und das Schalker Leitbild werden gefordert. "Wir haben keinen Bock mehr auf Ausreden oder Entschuldigungen. Wer die Schalker Werte nicht lebt, muss den Verein verlassen."